Radelnd durch die Idylle

Das Schweizer Frauennationalteam findet in seinem EM-Quartier am Rande der holländischen Stadt Arnheim beste Bedingungen vor. Am Dienstagabend wird das Abenteuer Europameisterschaft für die Schweizerinnen beginnen.

In Holland fast schon ein Muss: Die Nationalspielerinnen fahren bester Laune mit den Velos zum Trainingsgelände.

In Holland fast schon ein Muss: Die Nationalspielerinnen fahren bester Laune mit den Velos zum Trainingsgelände. Bild: Keystone

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Das Fahrrad gehört in Hollands Städten zum Verkehrsbild wie die Farbe Orange im Stadion während eines Spiels des Nationalteams. Wer eine Strasse heil überqueren möchte, tut gut daran, den Fahrradstreifen zuerst auf heranbrausende Radler zu überprüfen. Der Drahtesel ist hier Kulturgut – das wissen auch die Verantwortlichen des Schweizer Frauenfussballnationalteams.

Seit letztem Freitag weilt der helvetische Tross in Holland, wo morgen Abend in Deventer das erste EM-Spiel (18 Uhr gegen Österreich) der Verbandsgeschichte auf dem Plan steht. Als Fortbewegungsmittel dient den Schweizerinnen – ganz den Gepflogenheiten des Gastgeberlandes entsprechend – das Velo. Zumindest für den Weg vom Hotel zum Trainingsplatz.

Im Fletcher Hotel, der Herberge des Nationalteams in Doorwerth, am Rande der Stadt Arnheim, lässt es sich leben wie eine Kö­nigin. Die grosszügige 4-Stern-Anlage mit viel Umschwung und einem kleinen See liegt in einem Erholungsgebiet inmitten eines Waldstücks.

«Das ist die pure Idylle hier, und es gibt den Spielerinnen die Möglichkeit, zwischen den Trainings und den Spielen auch ein bisschen zu entspannen», sagt die sichtlich gut gelaunte Nationaltrainerin Martina Voss-Tecklenburg am Tag nach der Ankunft.

Entsprechend positiv ist die Stimmung bei den Fussballerinnen. Die Frauen versprühen Heiterkeit, scherzen und grinsen, als sie am Samstagmittag in der Hotellobby warten, bis das Essen im Speisesaal bereitgestellt wird.

Mittelfeldspielerin Lara Dickenmann schnappt sich aus Jux ein Mikrofon einer TV-Crew, führt ein fiktives Interview mit Kollegin Fabienne Humm. Im Lockerdraufsein sind die Schweizerinnen schon in EM-Form. Kein Wunder, in dieser wunderschönen Umgebung.

Exakt 2,8 Kilometer beträgt der Weg vom Fletcher Hotel ins Dörfchen Heelsum, wo die Schweizerinnen auf dem Sportgelände Wilhelmina ihre Trainingseinheiten absolvieren. Knappe 10 Minuten radeln die Frauen vorbei an saftigen Wiesen und grünen Hainen bis zum Trainingsgelände. «So sind wir gleich warm fürs Training. Und danach können wir anstatt auslaufen für einmal ausradeln», sagt die in Biglen aufgewachsene Rekordnationalspielerin Martina Moser (126 Partien) feixend.

Als dann die Trainingseinheit beginnt, hält im Schweizer Team die Ernsthaftigkeit Einzug. Bei einer Passübung demonstrieren die Frauen ihre Beidfüssigkeit, bei einem Spiel 11 gegen 11 über den halben Platz geht es so tüchtig und aggressiv zur Sache, als stünden schon Punkte auf dem Spiel.

Bei der abschliessenden Torschussübung lassen es die Frauen krachen. Der Konkurrenzkampf tobt, alle möchten beim historischen Spiel gegen Österreich mit von der Partie sein. Coach Voss-Tecklenburg gefällts, sie lobt viel und laut, tadelt wenig, aber forsch – die Intensität ist nach ihrem Geschmack, der Fokus stimmt. «Wir haben sehr viel vor an dieser EM», sagt Innenverteidigerin Carole Abbé, als bedürfte es einer Erklärung für die Leidenschaft im Training.

Wer gewissenhaft arbeitet, soll auch ab und zu die Seele baumeln lassen. Um etwaigen Lagerkoller zu verhindern, will Coach Voss-Tecklenburg den Frauen in Holland deshalb «genügend Freiräume gewähren». Dies sei wichtig an einem Turnier, räumt die erfahrene, smarte Deutsche ein, die als Spielerin vier (!) EM-Titel einheimste.

Etliche Familienmitglieder der Spielerinnen hätten sich für einen Besuch angemeldet. «Ich denke, in dieser tollen Umgebung werden sie Gelegenheit finden, auf andere Gedanken als Fussball zu kommen», sagt Voss-Tecklenburg.

Um den Viertelfinal in der Gruppe mit Frankreich, Österreich und Island zu erreichen, wäre ein Mitwirken von Stürmerin Ramona Bachmann wichtig. Zuletzt laborierte sie an einer Oberschenkelverletzung, trainierte am Samstag als Einzige nur individuell.

«Ich werde spielen können», sagt Bachmann. Und der medizinische Staff beruhigt: «Eine reine Vorsichtsmassnahme.» In der Tat trainierte Bachmann gestern wieder mit. Es scheint alles im Lot bei den Schweizerinnen vor der EM-Premiere. (Berner Zeitung)

Erstellt: 17.07.2017, 11:27 Uhr

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