Zum Hauptinhalt springen

Der Schiedsrichter, der weder hören noch reden kann

Tuncay Niederberger hat kein ungewöhnliches Hobby: Er ist Fussball-Schiedsrichter. Das Ungewöhnliche: Die Spieler applaudieren ihm.

Niederberger schwört seine Assistenten in der Garderobe auf die Aufgabe ein.
Niederberger schwört seine Assistenten in der Garderobe auf die Aufgabe ein.
Doris Fanconi
Letze Anweisungen: Die Schiedsrichter vor dem Spiel.
Letze Anweisungen: Die Schiedsrichter vor dem Spiel.
Doris Fanconi
Tuncay Niederberger zieht die gelbe Karte. Vier Verwarnungen werden es zum Schluss sein.
Tuncay Niederberger zieht die gelbe Karte. Vier Verwarnungen werden es zum Schluss sein.
Doris Fanconi
1 / 4

Die Kontrolle der Spielerlizenzen ist Chefsache, also: die Aufgabe des Schiedsrichters. Der Trainer muss die Namen vorlesen, und der Chef schaut aufmerksam auf die Liste. Routinearbeit vor einem Match. Und der Moment, sich an die Mannschaft zu wenden: Er wünscht sich Fairness und eine rassige Partie. Die Botschaft platziert er emotional, mit beiden Händen, mit weit aufgerissenen Augen, mit Lauten. Bevor er die Kabine wieder verlässt, klatschen die 2.-Liga-Fussballer des FC Steinach. ­Applaus für den Schiedsrichter, wo gibt es das sonst?

Tuncay Niederberger sieht das. Er freut sich darüber. Aber rein akustisch bekommt er davon nichts mit. Der bald 44-Jährige kann weder hören noch reden. Nur ist das keine Behinderung, die ihn davon abbringen könnte, seiner Leidenschaft nachzugehen und vorwiegend auf Ostschweizer Plätzen Fussballspiele zu leiten. Er deutet mit den Zeigefingern auf seine Augen, was zum Ausdruck bringt: Mir entgeht nichts. Sein Ehrgeiz und seine Disziplin haben ihn bis in die 2. Liga gebracht. Liebend gern würde er weiter aufsteigen, aber inzwischen ist er zu alt dafür.

Anweisungen an die Assistenten

An diesem Sonntag ist Niederberger von Niederurnen an den Bodensee gefahren, Steinach – Weinfelden-Bürglen lautet die Begegnung, 2.-Liga-Abstiegskampf. Niederberger schwört seine Assistenten Carmine Trivigno und Torsten Trzewik in der engen Garderobe auf die Aufgabe ein. Während des Spiels sind die drei miteinander verbunden. Die Signale der Assistenten lösen an Niederbergers Oberarm einen Impuls aus. Vor dem Anpfiff erklärt er ihnen, worauf sie zu achten haben und wer notfalls die Trainer beruhigen muss. Ohne Worte, dafür mit eindeutigen Gesten. Ein Daumen geht hoch, zwei folgen. Das Trio ist sich einig. Tuncer, der älteste der drei Söhne von Tuncay Niederberger, schaut im Hintergrund zu. Er beherrscht die Gebärdensprache und dolmetscht, wenn es die Situation erfordert. Diesmal ist es nicht nötig: «Mein Vater hat alles im Griff.»

Niederberger kam in der Türkei als Hörender mit dem Namen Tuncay Islak zur Welt. Er war ein Baby, als seine Mutter mit ihm nach Deutschland zu Verwandten reiste. Und auf dem Flug passierte es: Tuncay erlitt einen Hörsturz, der einen irreparablen Schaden verursachte. Er wuchs als Gehörloser auf, gewöhnte sich aber so sehr an die Beeinträchtigung, dass er heute mit einem Schmunzeln mitteilt: «Es ist gut, wie es ist. Hören lenkt doch nur ab.»

Doofe Sprüche – na und?

2006 kommt er in die Schweiz, heiratet, nimmt den Familiennamen seiner Frau an und findet noch mehr Gefallen an seinem Hobby. Er mag den FC Bayern und Fenerbahçe Istanbul, arbeitet als Metallbauer und liefert Pizzas aus, einst war er am frühen Morgen auch als Zeitungs­kurier unterwegs. Und am Wochenende ist mindestens ein Tag für den Fussball reserviert. Manchmal bewältigt er auch Doppeleinsätze. Nicht gezwungenermassen, sondern freiwillig.

Niederberger bereitet sich sorgfältig auf jeden Einsatz vor und hat hohe Ansprüche an sich: «Ich muss ein Vorbild sein.» Einen Vorteil hat er: Die doofen Sprüche, die Beschwerden – jeder Lärm zieht an ihm vorbei. «Hey, Schiri!», rufen sie trotzdem mehrfach, auch an diesem Sonntag: «Schiri, was war das jetzt?» Falls sich einer im Ton vergreift, müssen das die Assistenten dem Schiedsrichter melden.

«Wenn man weiss, dass der Schiedsrichter nichts hört, redet man automatisch weniger.»

Matthias Klingenstein, Captain FC Steinach

Vier Verwarnungen zeigt er in Steinach, alle wegen Fouls. Ein Zuschauer kommentiert: «Der macht das ja gar nicht so schlecht.» 3:3 endet die Begegnung, es ist einiges gelaufen. Steinachs Captain Matthias Klingenstein sagt: «Wenn man weiss, dass der Schiedsrichter nichts hört, redet man automatisch weniger. Die nonverbale Kommunikati­­on ist schwieriger.» Niederberger ist zu­frieden. Bei sommerlichen Temperaturen zeigt er auch nach 90 Minuten keine Ermüdungserscheinungen. Mit vier gehörlosen Freunden macht er noch auf dem Platz Selfies. Er richtet beide Daumen in die Höhe: alles tipptopp.

Er fährt nach Hause, braucht eine halbe Stunde, um den Rapport auszu­füllen und freut sich auf das nächste ­Aufgebot: «Ich möchte pfeifen, bis ich pensioniert werde.»

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch