Siebenkampf im Niemandsland

Der FC Thun befindet sich vor dem heutigen Heimspiel gegen Lugano in sonderbarer Gesellschaft: Sieben Clubs können noch absteigen oder in den Europacup-Plätzen landen. Bloss fünf Punkte trennen sie.

Gewinnen – egal, wie: Thun und sein Captain Stefan Glarner brauchen einen Sieg, damit sie nicht tiefer in den Schlamassel geraten.

Gewinnen – egal, wie: Thun und sein Captain Stefan Glarner brauchen einen Sieg, damit sie nicht tiefer in den Schlamassel geraten.

(Bild: Keystone)

FC Thun: Keine Rücksicht auf Verluste
Trainer Marc Schneiders Arm zeigt gegen den Himmel, dann auf den Boden. Der Thuner Trainer sitzt am Mittwochvormittag in der Stockhorn-Arena auf der Ersatzbank, zuvor hat er die Spieler nach einem freien Tag zur neuen Trainingswoche begrüsst – wie immer seit Ende Februar unter dem Eindruck, nicht gewonnen zu haben. «Momentan hat man das Gefühl, es gibt nichts dazwischen – nur oben oder unten.» Seit 11 Ligapartien ist sein Team ohne Sieg, es ist die längste Durststrecke seit dem Aufstieg 2010. Aber, sagt Schneider, hätte man ihm letzten Sommer gesagt, dass Thun vier Runden vor Ende den 3. Rang erreichen könne und im Cupfinal stehe, hätte er sofort unterschrieben.

Nicht für die Thuner spricht nebst ihrer Form das diffizile Schlussprogramm, das zwischen zwei Mittwochrunden den Cupfinal gegen Basel vorsieht, dieser Höhepunkt der Vereinshistorie, der schon jetzt Energie zu absorbieren droht. Am Donnerstag ist eine Sonderpublikation der «Jungfrau Zeitung» zum Cupfinal erschienen. Darin schwärmen Schneider, Sportchef Andres Gerber sowie Ersatzcaptain Stefan Glarner, die als einzige Thuner den Cup schon gewonnen haben, vom Ereignis. Nur: Finden die Oberländer nicht sehr bald zum Erfolg zurück, könnte das Endspiel von der Angst abzusteigen überschattet werden.

Eine x-te Chance auf den Befreiungsschlag verpassten die Oberländer letzten Sonntag beim 0:2 gegen Xamax – heute bietet sich erneut daheim gegen Lugano eine weitere. Die Tessiner sind allerdings ein Gegner, der nicht minder formstark ist als die Neuenburger. Zehn Spiele sind sie nun unbesiegt, also fast so lange wie die Thuner sieglos. «Der Druck wird nicht mehr geringer», sagt Schneider.

Er beabsichtigt, der heiklen Aufgabe heute mit Routine zu begegnen, Nelson Ferreira dürfte den nach seiner Gelb-Roten Karte gesperrten Chris Kablan in der Aussenverteidigung ersetzen – eine Massnahme, die der Trainer angesichts der desaströsen Darbietung Kablans schon früher hätte ergreifen sollen. Er werde keine angeschlagenen Spieler schonen, sagt Schneider.

Will heissen, dass neben Flügel Matteo Tosetti auch Spielmacher Grégory Karlen zum Zug kommen dürfte. Ebenso der ausser Form geratene Torjäger Dejan Sorgic, auf den Schneider in einer englischen Woche bisher immer in einer Partie verzichtet hat. «Wir nehmen keine Rücksicht auf die Spiele, die noch kommen werden. Uns interessiert nur der Match gegen Lugano», sagt der Trainer.

Drei Punkte, dann können die Thuner entspannen, eine Niederlage aber, und sie geraten tiefer in den Schlamassel. Dazwischen scheint es nichts zu geben – das ist das Paradoxe an ihrer Lage.

So könnte Thun spielen:
Faivre; Glarner, Rodrigues, Sutter, Ferreira; Gelmi; Stillhart, Karlen; Tosetti, Sorgic, Spielmann. – Ohne Hediger und Ziswiler (verletzt), Kablan (gesperrt). – Fraglich: Joss.

Restprogramm:
Lugano (h), FCZ (a), Basel (h), Sion (a)

Lugano: Der andere Celestini
Irgendwie muss es zwei Fabio Celestinis geben. Jenen, der sich als Lausanne-Trainer weigerte, seinen bedingungslosen Offensivfussball dem Abstiegskampf zu opfern. Was waren das teilweise für lustige Spiele, die die Waadtländer da ablieferten, bis er gehen musste.

Beim FC Lugano aber erlebt die Fussball-Schweiz einen anderen Celestini. Einen, der dem Fussballer Celestini näher ist. Der war auch eher für die nüchterne Arbeit im defensiven Mittelfeld denn für die fantasievollen Momente bekannt. Zehn Spiele sind die Tessiner nun unbesiegt. Sie haben dabei bloss sechs Gegentore erhalten. Fertig Offensivfussball also. Hinten hält Lugano dicht. Und vorne hat das Team mit Carlinhos Junior (13 Tore/4 Assists) und Alexander Gerndt (8/10) einen für Schweizer Verhältnisse überdurchschnittlich guten Sturm. Gut genug, um sich vielleicht sogar direkt für die Europa League zu qualifizieren.

Restprogramm:
Thun (a), St. Gallen (h), Xamax (a), GC (h)

Luzern: Verschobene Prioritäten
Remo Meyer möchte nicht gleich von Nervosität reden, aber angespannt ist er schon vor den restlichen vier Spielen. Und darum hat sich der Sportchef mit Trainer Thomas Häberli darauf verständigt, dass sie sich erst Ende Mai zu einem Vertragsgespräch treffen. Wobei die Signale beider Parteien eindeutig sind: Die Zusammenarbeit soll verlängert werden. Aber eben: Solange die Ligazugehörigkeit nicht geklärt ist, wird keine Unterschrift geleistet. Die Prioritäten haben sich verschoben.

Die aktuelle Lage hält die Clubleitung auch dazu an, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, welche Konsequenzen ein Sturz in die Challenge League hätte. Gleichzeitig besteht immer noch die Chance, die Saison wie 2017/18 auf Platz 3 abzuschliessen. Von Europa League will Meyer aber nichts hören. Und Coach Häberli? Er denkt nur an morgen: «Wir müssen GC bezwingen.»

Restprogramm:
GC (h), Basel (a), FCZ (h), YB (a)

St. Gallen: Keine Zeit für Wehmut
Zeit für Wehmut bleibt keine. Nicht jetzt, da es so eng zu- und hergeht. Es sei eine ganz spezielle Ausgangslage, sagt St. Gallens Galionsfigur Tranquillo Barnetta, der in seiner grossen Karriere, die nach 17 Jahren zu Ende gehen wird, schon vieles erlebt hat, aber nicht so ein Saisonfinale.

Jeder Spieltag hält für Barnetta, seit er im April den Rücktritt bekannt gab, ein letztes Mal bereit. Morgen die letzte Partie gegen den FC Sion, einen Gegner, der diese Woche Trainer Murat Yakin beurlaubt hat. Aber mit solch gefühlsgeladenen Gedanken mag sich Barnetta nicht aufhalten – ihm ist recht, steht das Sportliche und nicht seine Person im Fokus. Er sagt: «Wir sind gut beraten, nicht nach oben zu blicken, sondern erst die nötigen Punkte für den Klassenerhalt zu holen.»

Restprogramm:
Sion (h), Lugano (a), YB (h), FCZ (a)

Sion: Die Nerven nicht verlieren
Diese Woche gab es wieder einmal richtig Wirbel im Wallis, als Präsident Christian Constantin entschied, Trainer Murat Yakin in die Ferien zu schicken und die Öffentlichkeit wissen liess, dass es sich nicht um eine Entlassung handle, sondern um einen Denkzettel. Am Freitagmorgen bekräftigte Constantin die Notwendigkeit seiner Aktion. Nicht, um das Team aufzurütteln, sondern Yakin: «So konnte es nicht weitergehen. Murat muss seine Arbeitsweise überdenken.»

Constantin sorgt also wieder einmal für Aufsehen – und kann seelenruhig sagen: «Wir dürfen jetzt nicht die Nerven verlieren.» Er erwartet Mut, Lust und Entschlossenheit von den Spielern, er wünscht sich, dass sie sich ein Beispiel nehmen an den Fussballern von Liverpool und Tottenham: «Die haben in der Champions League vorgemacht, was sich mit der richtigen Einstellung alles bewirken lässt.»

Restprogramm:
St. Gallen (a), Xamax (h), GC (a), Thun (h)

FC Zürich: Realismus vor Optimismus
Den Club retten, nichts weniger als das. Es sind pathetische Worte, die Trainer Ludovic Magnin in diesen Tagen braucht: «Es geht nun nur noch darum, den Verein zu retten.» Der FC Zürich ist Achter, ein Punkt vor Xamax und dem Barrageplatz. Es kommt heute zum Direktduell – Abstiegskampf also. Doch mit etwas Optimismus lässt sich sagen: Der FCZ liegt nur drei Punkte hinter dem Vierten Thun und einem Europacup-Platz.

Nur: Beim FCZ muss man derzeit Optimisten suchen, selbst Magnin ist zu wenig verwegen, der Situation das Positive abzugewinnen. Er bemüht sich um Realismus. Und er handelt danach. Er lässt bereits jetzt Lausanne und Aarau beobachten. Für den Fall der Fälle und die Spiele in der Barrage. Was für den FCZ spricht: das eher leichte Restprogramm. Was gegen ihn spricht: die miserable Auswärtsbilanz. Auswärts hat der FCZ nur 13 Punkte geholt. Bloss ein Club war schlechter: GC.

Restprogramm:
Xamax (a), Thun (h), Luzern (a), St. Gallen (h)

Xamax: Die Ziele verschieben sich
In der Winterpause hätten sie in Neuenburg Platz neun mit Handkuss genommen. Aber jetzt, vier Runden vor Schluss, stellt Stéphane Henchoz fest: «Die Ziele verändern sich. Heute haben wir die Möglichkeit, mehr zu sein als bloss Barrage-Teilnehmer.»

Seit Henchoz Trainer ist, hat Xamax 7 von 13 Spielen gewonnen. Er stützt sich dabei auf ein Team, das von Anfang an wusste, dass es in dieser Saison nur um eines spielt: sein Überleben in der Super League.

Und natürlich auf ihn: Raphaël Nuzzolo, 35 Jahre jung, 14 Tore, 14 Assists. Ausgerechnet er fehlt zwar gegen den FCZ gesperrt. Aber war es ein Zeichen, dass sich das Team von ihm emanzipieren kann? Das 2:0 in Thun am letzten Sonntag war der erste Neuenburger Sieg ohne Tor oder Assist von Nuzzolo. Henchoz jedenfalls stellt voller Selbstvertrauen fest: «Die Teams, die vor uns stehen, müssen sich ein paar Fragen stellen.»

Restprogramm:
FCZ (h), Sion (a), Lugano (h), Basel (a)

pmb./fra/dwu/czu

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