Sturmlauf bis zur Erlösung

Die Schweizer erfüllten die Pflicht gegen Litauen und boten in der zweiten Hälfte eine Kür mit vier Toren.

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Ueli Kägi@ukaegi

Noch ein bisschen Zauber. Das musste jetzt sein. Es lief die 90. Minute. Die Schweizer hatten noch immer Freude am Sturmlauf. Also sprintete Drmic über rechts. Er sah, dass in der Mitte Shaqiri mitgelaufen war. Sein Pass war perfekt. Und was Shaqiri tat, ebenso. Der 23-Jährige lenkte den Ball mit dem Absatz am litauischen Goalie Arlauskis vorbei. 4:0. Danach war Schluss. Das Publikum erhob sich zur Standing Ovation.

Es war der Dank für eine starke zweite Halbzeit, in der das Spiel so gegangen war: Die einen verteidigten – die fussballerisch limitierten Litauer mit ihren Personal von Erzgebirge Aue oder Pandurii Targu Jiu. Die anderen stürmten – die Schweizer. So war das zwar schon in der ersten Halbzeit vornehmlich gewesen, aber mit qualitativen Abstrichen im Schweizer Spiel. Nach der Pause trat die Mannschaft ohne Wenn und Aber auf.

Wie ein Hohn

Manchmal erspielte sie sich Gelegenheiten fast im Minutentakt. Wie gleich nach Wiederbeginn, als Seferovic schoss und Arlauskis abwehrte (50.). Als Sha­qiri aus 7 Metern scheiterte (53.). Als Seferovic knapp verzog (55.). Als Mehmedi ganz allein nur den Pfosten traf (56.). Als Seferovic Sekunden darauf köpfelte.

Es war für die Schweiz ein Hohn. So viele Chancen. So oft so nahe dran. So viele Aufschreie von den 17 300 in der ausverkauften St. Galler Arena. Und trotzdem hatte sie etwas nicht: ein Tor. 0:0 stand es lange Zeit. Deshalb reagierte Trainer Petkovic. Er wechselte Drmic ein, als die 63. Minute lief. Und danach musste die Schweiz nicht mehr lange leiden. Shaqiri trat einen Eckball von rechts, Drmic stieg zum Kopfball hoch und ­irritierte Arlauskis so, dass der Torhüter mit der Faust ins eigene Tor ablenkte.

Shaqiri – mit dem Kopf

66 Minuten waren in diesem Moment vorbei. Und die Schweiz kannte auch ­danach nur einen Weg: Nach vorne. 120 Sekunden nach dem ersten Tor ­hatte sie bereits das zweite. Dieses Mal ­hatte Shaqiri den Eckball von rechts ge­treten, die Litauer befreiten ungenügend, ­Behrami köpfelte in den Strafraum zurück und Schär stand richtig, um den Ball über die Linie zu drücken.

Es hätte danach sofort das 3:0 fallen können, fallen müssen. Doch weil Drmic scheiterte und Dzemaili vergab, musste die 80. Minute kommen, ehe Shaqiri ­seine überragende zweite Halbzeit noch besser machte: Er vollendete nach Drmics Flanke mit dem Kopf.

Zu wenig aus den Möglichkeiten gemacht

Ja, die zweite Halbzeit entschädigte für alles, was in der ersten Halbzeit nicht so toll gewesen war. «Wir sind stärker als Litauen, das müssen wir beweisen», hatte Trainer Vladimir Petkovic am Tag vor dem Spiel gesagt und auch angekündigt, wie er seine Schweiz sehen will: Er wollte – natürlich - «ein Team das gewinnt» und dazu eine Mannschaft mit der Lust am Spiel. Die Schweiz bemühte sich dann zwar, vorwärtszuspielen. Sie arbeitete ­aggressiv gegen den Ball und erarbeitete sich auch immer wieder die Möglichkeit, schnell nach vorne zu spielen. Nur: Was sie aus ihren vielen guten Ausgangslagen machte, war deutlich zu wenig.

Das lag nicht am Aussenverteidiger Moubandje, der debütierte und sich viele Fehler leistete. Das lag in erster Linie an den Mittelfeldspielern Inler, Behrami und Dzemaili, die zu selten in der Lage waren, das Spiel entscheidend zu beschleunigen. Das lag aber auch am 3-Mann-Sturm. Mehmedi hatte auf dem linken Flügel keinen einzigen guten Moment. Shaqiri war in der ersten Phase der Partie kein Shaqiri der letzten ­WM-Tage, als er die Mannschaft mit­gerissen hatte.

Die vielen Chancen

In der 31. Minute schoss er aus idealer Position vor dem Tor zu ungenau und auch nicht wuchtig genug. In der 40. Minute hatte er erneut freie Schussbahn und verzog. Der beste Schweizer bis zur ­Pause war Seferovic. Er scheiterte mit ­seinem Kopfball am stark reagierenden Ar­lauskis (18.). Er bereitete zweimal her­vorragend vor – einmal für Shaqiri, ­einmal für ­Dzemaili, der überraschend statt Kasami spielte und in der 27. Mi­nute fünf Meter vor dem Tor am Ball vorbei­stolperte.

Die Schweizer hätten mit zwei, drei Toren Differenz in die Pause gehen können. Sie taten es nicht. Es brauchte sie am Ende nicht zu kümmern.

berneroberlaender.ch/Newsnetz

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