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Chapeau! Aus dem Thuner Pflänzchen ist ein Baum gediehen

Der FC Thun setzt sich in der Tabelle oben fest. Nach dem 2:0-Heimsieg gegen St. Gallen belegen die Oberländer Rang 2.Und sie haben die Gewissheit, gewinnen zu können, ohne zu überzeugen.

Lässig will Vincent Sierro einen Penalty an Guillaume Faivre vorbeiheben, der Ball fliegt dann aber übers Tor.
Lässig will Vincent Sierro einen Penalty an Guillaume Faivre vorbeiheben, der Ball fliegt dann aber übers Tor.
Peter Schneider, Keystone
Dennis Salanovic hat sich verletzt, für ihn kommt schon in der 27. Minute Marvin Spielmann in die Partie.
Dennis Salanovic hat sich verletzt, für ihn kommt schon in der 27. Minute Marvin Spielmann in die Partie.
Peter Schneider, Keystone
Mit dem Sieg überholen die Oberländer in der Tabelle den FC Basel und sind – zumindest für eine Nacht – auf dem zweiten Rang.
Mit dem Sieg überholen die Oberländer in der Tabelle den FC Basel und sind – zumindest für eine Nacht – auf dem zweiten Rang.
Peter Schneider, Keystone
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Bevor Peter Zeidler seine Trainerkarriere lancierte, war er im Schwabenland Französischlehrer am Gymnasium. Das lässt sich daran erkennen, wie St. Gallens deutscher Coach den Namen seines welschen Spielers Vincent Sierro ausspricht. Das Ende des Vornamens klingt nicht nach E-N-T, wie das bei Landsleuten der Fall wäre, die auch gerne Haargel (gesprochen wie geschrieben) und Chance (gesprochen wie geschrieben) sagen. Zeidler artikuliert Vincent so, wie sich das Sierros Eltern in Sitten dachten, als sie ihrem Sohn am 8.10.1995 den Namen gaben. Das E-N-T wird zu einem O-N.

Es ist Samstagabend, und Zeidler ist in Form, obwohl sein Team in Thun soeben 0:2 verloren hat. Es ist die dritte Niederlage in Folge, ein Novum unter dem 54-Jährigen, der seit dem Sommer im Amt ist. Er werde es kurz machen, sagt Zeidler gleich zu Beginn der Pressekonferenz, um dann zu einem minutenlangen Monolog anzusetzen. Als eine halbe Stunde später die Pressekonferenz längst beendet ist und sich mancher Journalist auf dem Heimweg befindet, steht Zeidler immer noch da und redet. Ab und an greift er zur Gabel, nimmt einen Happen aus einem Plastikteller, den er zur Pressekonferenz mitgebracht hat. Als er zur Taktik befragt wird, sagt Zeidler, das Spielsystem sei sekundär. Vielleicht werde er das nächste Mal mit einem 9-1-0-System probieren. «Hauptsache, wir gewinnen wieder einmal.» Und fügt an, nun ganz der Zahlenfreund: «Wie wir auf das 0:1 reagierten, war 08/15. So genügt es nicht.»

Erinnerungen an Panenka

Was Zeidler bietet, ist beste Unterhaltung. Im Gegensatz zum Spiel, das bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt nur in Phasen der zweiten Halbzeit zu erwärmen vermag.

Die St. Galler starten besser, kommen nach 13 Sekunden durch Barnetta zu einer ersten Chance. Und als eine Viertelstunde später Thuns Innenverteidiger Nicola Sutter im Strafraum Ben Khalifa elfmeterwürdig schubst, wähnen sich die Ostschweizer auf dem Erfolgsweg. Doch Sierro, vom Bundesligisten SC Freiburg ausgeliehen und mit 6 Toren Zeidlers Meisterschüler, macht sich etwas gar lässig an die Arbeit. Sein Penaltylupfer, inspiriert von Antonin Panenka, der tags darauf seinen 70. Geburtstag feiern wird, landet auf der Latte statt im Tor. Es ist eine Aktion, die einen Trainer auf die Palme bringen kann. Doch Zeidler, auch leidenschaftlicher Liebhaber des schönen Spiels, gibt den nachsichtigen Lehrer. Er sagt, schon grössere Spieler seien bei der Übung gescheitert. Er hat recht, wie mit der Feststellung, dass die Partie einen anderen Verlauf genommen hätte, wäre Sierro erfolgreich gewesen.

Vorerst bleibt der Weckruf für die Thuner aus. Es braucht die Halbzeitpause und ein paar kleine taktische Korrekturen von Trainer Marc Schneider, wie Captain Dennis Hediger später erzählen wird, dass die Oberländer ins Spiel finden. Die Achter Basil Stillhart und Grégory Karlen suchen aus dem Mittelfeld heraus mit Läufen nun vermehrt die Tiefe. Die Folge: Das Heimteam kann vor nur 4530 Zuschauern mehr Druck erzeugen. Das Ergebnis: Thun geht nach 55 Minuten in Führung. Marvin Spielmann, der nach knapp einer halben Stunde für den verletzten Dennis Salanovic eingewechselt worden ist, hat nach einem Corner einen Abpraller staubtrocken und direkt ins lange Eck verwertet.

Mit starker Bilanz ins Derby

Das Tor verändert die Physiognomie des Spiels. Weil St. Gallen nun mehr Räume anbietet, so hoch verteidigt, dass die Thuner immer wieder hinter die gegnerische Abwehrreihe stossen können. Eine erste Chance vergibt Topskorer Dejan Sorgic gleich nach dem 1:0, weitere ersticken im Ansatz, weil die Oberländer aussichtsreiche Kontermöglichkeiten ungenau ausspielen.

Sie können es sich leisten, die Ostschweizer agieren viel zu kompliziert. Zum Ärger Zeidlers, der an der Seitenlinie beinahe in den Spagat geht, als sein Team wieder einmal eine hübsche Kombination mit einem Fehlpass beendet. In der 71. Minute gelingt Karlen nach Vorarbeit von Tosetti und Sorgic das 2:0. Es ist die Entscheidung. «Mit dem Resultat sind wir sehr zufrieden», sagt Schneider. «Mit dem Gezeigten weniger.»

Nach 16 Runden und vor dem Derby bei YB am nächsten Samstag stehen die Thuner nun mit 25 Punkten auf Rang 2. Nicht nur der Franzose würde sagen: Chapeau!

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