Trotz Traumstart mit Steigerungspotenzial

Nach dem tollen Auftakt in der WM-Qualifikation ist im Schweizer Nationalteam Bescheidenheit gefragt.

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Wen interessiert das Länderspiel der Schweiz in Andorra heute noch? Kaum jemanden. Und doch sind die Nationalspieler gut beraten, den Ratschlag ihres Chefs zu beherzigen. «Wir müssen uns alle hinterfragen», sagt Nationaltrainer Vladimir Petkovic nach dem mühsamen 2:1-Sieg am Montag in Andorra gegen den Fussballzwerg.

Ihre Mission – nicht zu stolpern – erfüllten die Schweizer, sie taten es ohne Glanz und mit einer Leistung, die auch Petkovic ehrlich als «ungenügend» taxiert. Gewiss, die Umstände vor trister Kulisse und auf schlechtem Kunstrasen waren schwierig, der Gegner agierte zäh, hart, defensiv, aber ein bisschen mehr Spielfreude hatte man schon erwartet.

Schliesslich hatten Protagonisten wie Xherdan Shaqiri und Granit Xhaka betont, man habe Fortschritte realisiert unter Petkovic und sei spielerisch deutlich weitergekommen.

«Absolute Ernsthaftigkeit»

Davon war gegen Andorra nichts zu sehen. Im Grunde genommen spielt das keine Rolle, es zählen in diesen Spielen nur Siege, das wird gegen die Färöer und Lettland nicht anders sein. Die Schweizer sind auf einem guten Weg, die knappen Auswärtssiege in Ungarn (3:2) und Andorra sollten die Akteure aber nicht überbewerten.

Bescheidenheit ist angebracht, sonst drohen bittere Rückschläge. Abgerechnet wird ohnehin an einem grossen Turnier, wenn diese Generation ausserordentlich begabter Fussballer den Beweis erbringen muss, so gut zu sein, wie sie das Gefühl hat. Und wie sie auch sein kann.

Vorerst wartet grauer Qualifikationsalltag, das nächste Mal in zwei Monaten, wenn es gegen die Färöer geht. «Solche Spiele müssen wir mit absoluter Ernsthaftigkeit bestreiten», fordert Petkovic. Und Offensivspieler Admir Mehmedi findet: «Wir müssen konzentriert sein gegen kleine Teams.»

Es hört sich nicht so an, als ob die Schweizer in den Pyrenäen mit allerletzter Konsequenz vorgegangen wären. Das ist im dicht gedrängten Kalender sogar nachvollziehbar, bereits in wenigen Tagen warten in prominenten Ligen grosse Herausforderungen.

Fragezeichen Seferovic

Man kann über die Art und Weise der drei Siege diskutieren, unter dem Strich aber ist die Schweiz mit neun Punkten fantastisch in die WM-Kampagne gestartet. Sie hat einen EM-Achtelfinalisten auswärts und den Europameister zu Hause bezwungen. Und Steigerungspotenzial gibt es ja noch in vielen Bereichen.

Etwa in der Defensive, wo die Innenverteidigung in Ungarn ziemlich wacklig agierte und ein echter Patron weiter fehlt. Oder im Aufbau, wo Xhaka ein glänzender Stratege ist, dem Team in der Vorwärtsbewegung aber oft die Entschlossenheit fehlt. Shaqiri und auch der junge Embolo besitzen die Qualität, um das Angriffsspiel stärker zu beleben.

Haris Seferovic schliesslich hat trotz viel Fleiss immer noch nicht nachgewiesen, die ideale Besetzung im Sturm zu sein. Er agiert glücklos, trifft kaum und leistet sich erstaunliche technische Fehler, schafft mit seinem Einsatz aber Räume, in die Shaqiri, Embolo und Mehmedi vorstossen können.

Doch die Perspektive für die Auswahl ist glänzend, daran ändert der misslungene Auftritt in Andorra nichts. Mit Nico Elvedi in der Abwehr, Denis Zakaria im Aufbau sowie Embolo im Sturm sind zudem ganz junge Kräfte dabei, sich zu etablieren. Und dank Valentin Stocker steht in der Offensive ein unberechenbarer Akteur wieder zur Verfügung, der mehr Flexibilität ermöglicht.

Der Traum vom Höhenflug an der WM 2018 lebt – vorerst aber müssen die Schweizer in den nächsten Monaten die lästige Pflicht gegen internationale Laufkundschaft erfüllen. Es ist auch eine Charakterfrage, wie sie das erledigen werden.

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