Vermeintlich ein Spitzenspiel

YB ist in Basel von der ersten Minute an unterlegen und verliert 0:3. Trainer Gerardo Seoanes Schachzug geht nicht auf.

Der Anfang vom Ende: Edon Zhegrova hat Cédric Zesiger ausgetanzt (links) und zur Mitte gepasst, Arthur Cabral erzielt in der 6. Minute das 1:0 für Den FCB.

Der Anfang vom Ende: Edon Zhegrova hat Cédric Zesiger ausgetanzt (links) und zur Mitte gepasst, Arthur Cabral erzielt in der 6. Minute das 1:0 für Den FCB.

(Bild: Freshfocus/Urs Lindt)

Dominic Wuillemin

Längst beschäftigt einzig die Frage, wie hoch die Niederlage der Young Boys, der Sieg der Basler ausfallen wird. Es läuft die Schlussphase im St.-Jakob-Park, aus dem mit Spannung erwarteten Spitzenspiel ist vor 30965 Zuschauern ein Schaulaufen des Heimteams geworden. Nach einem Freistoss von Fabian Frei verpassen Silvan Widmer und Arthur Cabral das 4:0. Das Publikum erhebt sich zu Ovationen. Der Erfolg ist Balsam für seine Seele.

Nach über drei Jahren mit etlichen Niederlagen gegen die Berner und nur einem Sieg (das zwar hohe, aber wertlose 5:1 nach YBs Meistertitel im Mai 2018) gelingt den Baslern mal wieder ein Ausrufezeichen. Derweil sehnen die Young Boys im Kollektiv den Schlusspfiff herbei. Nur ihr Trainer Gerardo Seoane steht unermüdlich in der Coachingzone, korrigiert, dirigiert – als würde er irgendetwas bewirken können.

Der YB-Coach hat nach gut einer Stunde Roger Assalé für den schwachen Guillaume Hoarau gebracht, er hat kurz darauf auch Marvin Spielmann und Saidy Janko eingewechselt. Das Geschehen ist unverändert geblieben. Die Basler wirken bis zum Schluss entschlossener, quirliger, lustvoller. Einmal machen die Young Boys eine Ausnahme: Linksverteidiger Ulisses Garcia erzielt das vermeintliche 1:3. Es passt zu ihrem Nachmittag, annulliert es Schiedsrichter Stephan Klossner aufgrund eines Foulspiels von Jean-Pierre Nsame.

99 ist nicht bei 100 Prozent

Die Berner können froh sein, bleibt ihnen die volle Demütigung erspart. Der eingewechselte Noah Okafor zieht in der Nachspielzeit alleine auf David von Ballmoos los, der YB-Goalie bleibt lange stehen und kann abwehren. Er muss sich als einer der wenigen bei YB keinen Vorwurf machen. «Wir haben es von der ersten Minute an nicht geschafft, den Spitzenkampf mit der richtigen Einstellung anzugehen», sagt Seoane.

Dabei hatte der Trainer geglaubt, dass es von Vorteil sei, dass sein Team nicht einmal 72 Stunden nach der Heimniederlage gegen den FC Porto in Basel antreten könne – und nicht nach Lugano oder Neuenburg reisen müsse. Weil die Spieler so sicherlich wüssten, um was es gehe.

Dass er sich täuschte, ist einer der Punkte, die es aufzuarbeiten gilt. Auch Basel war europäisch beschäftigt, reiste am Donnerstag ins ferne Krasnodar am Schwarzen Meer. Anders als YB ging es für den FCB jedoch in dieser Partie nicht mehr um viel, weil er sich bereits für den Sechzehntelfinal qualifiziert hatte. Das hatte den Vorteil, dass sein Trainer rotieren konnte. Marcel Koller wechselte gegen YB auf sechs Positionen. Einen Luxus, den sich die Young Boys mit ihrem verletzungsbedingt ausgedünnten Kader gar nicht leisten konnten.

Seoane nahm drei Veränderungen vor, brachte unter anderem und überraschend Hoarau für Assalé. Erstmals seit der Startphase der Saison standen die Mittelstürmer Nsame und Hoarau gemeinsam in der Startaufstellung. Dass Seoane nach der Partie die Beweggründe dafür erläutern muss, zeigt, dass sein Schachzug nicht aufgegangen ist. Er habe sich für Hoarau entschieden, weil nach dem Ausfall von Captain Lustenberger ein Vakuum in der Mannschaftsführung entstanden sei, das der Franzose mit der Nummer 99 mit seiner Persönlichkeit ausfüllen sollte, sagt Seoane. Zudem hätten die Angreifer schon bewiesen, dass sie zusammen eine Abwehr vor Probleme stellen können.

1 statt 19

Nicht am Sonntag: Hoarau ist nach längerer Verletzungspause ein Schatten seiner selbst. Er ist zwar bemüht, die Teamkollegen zu pushen, scheint aber vornehmlich mit sich selbst beschäftigt. Fairerweise gilt es zu erwähnen, dass eine Personalrochade mehr oder weniger kaum den Unterschied gemacht hätte. Denn: Den Bernern war von Anfang an die fehlende Körperspannung anzumerken, sie liefen Gegner und Ball hinterher. Und bald einmal einem Rückstand: Wie das 0:1 in der 6. Minute fiel, war bezeichnend. Michel Aebischer vertändelte den Ball, Edon Zhegrova tanzte Zesiger aus, Lotomba kam zu spät. Cabral brauchte nur einzuschieben.

In diesem Stil ging es weiter: Auch das 0:2 durch Omar Alderete nach Eckball (13. Minute) wie das 0:3 Zhegrovas (48.) fielen nach Ballverlusten. Den Kosovaren bekam YB nie in den Griff. Er würde sich verletzen, würde er die flinken Bewegungen seines Flügels nachzuahmen versuchen, sagt Koller. Der Trainer wirkt in diesem Moment tiefenentspannt. Es ist sein erster Erfolg gegen YB in eineinhalb Jahren beim FCB. «Ein Team zu bilden, braucht Zeit. Wir haben uns stetig verbessert», sagt Koller.

Auf den Tag genau vor einem Jahr hatte der FCB daheim gegen die Berner 1:3 verloren, der Rückstand auf YB schon 19 Punkte betragen. Nun trennt die Basler ein einziger Zähler vom Berner Tabellenführer. Man werde die Partie genau analysieren, sagt Seoane. Er ahnt es schon: «Es gibt sicherlich einen Haufen Stoff zum Aufarbeiten.»


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