Bei YB läuft das halt zurzeit so

Im Endspurt zum Meistertitel ist für die Young Boys jedes Heimspiel auch ein Schaulaufen. Das Spiel gegen den FCZ bringt mehr Kampf als Klasse. Am Ende steht es 1:0 und die Erkenntnis: So läuft das halt, zurzeit.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ludovic Magnin war erschöpft und bedient, er war geschafft und beeindruckt, vielleicht auch von allem ein bisschen, wer weiss das schon. Auf jeden Fall sagte er: «Was YB in dieser Saison zeigt, ist aussergewöhnlich.» Das Spiel war gelaufen, 0:1 aus seiner Sicht in einer Partie, die nur phasenweise durch Klasse und über weitere Strecken durch Kampf geprägt war. Das Lob des geschlagenen FCZ-Trainers an die Young Boys war bewusst auf die ganze Saison bezogen. Zu nah war Ma­gnin mit seinem Team am Punktgewinn, zu eng war das Geschehen, und doch blieb am Ende die Einsicht: YB entscheidet solche Spiele längst für sich.

Das Siegestor von Sanogo.

Zwei Stunden zuvor, Quartierplatz Wankdorf, satt scheint die Sonne auf das Berner Fussballvolk. Auf diese Tage scheinen sie alle nur gewartet zu haben hier, und seit die Young Boys im noch bitterkalten Frühjahr dem FC Basel so unverschämt weit enteilt sind, verkommt im wohlig-warmen Frühling jedes Heim- auch zum Schauspiel. Verteidiger Loris Benito wird später sagen, man habe «ein Feuer entfacht», das jetzt noch lange brennen werde. Nach dem begeisternden Spitzenkampf gegen den FCB vor zwei Wochen (2:2) ist das Stadion nicht ganz, aber fast ausverkauft, und die 26 700 Zuschauer werden fürs Erste nicht enttäuscht.

«Vorhang auf» denkt sich YB, denkt sich Trainer Adi Hütter, der früh an der Linie steht, mitgeht, ankurbelt und aufdreht. Seine Mannschaft drängt den Gegner weit zurück, und deswegen steht auch Magnin früh auf, weil er um die brachiale Kraft weiss, welche YB in solchen Momenten zu entfalten vermag. Erst prescht Sékou Sanogo nach einem Corner aus dem Hinterhalt heran, dann verfehlt Guillaume Hoarau knapp per Kopf, später ist FCZ-Goalie Yanick ­Brecher zur Stelle. Die Führung für YB scheint eine Frage der Zeit, die ganze Maschinerie, mit der die Berner ihre Gegner in dieser Saison schon so oft in die Knie zwangen, ist angelaufen.

Nur etwas fehlt: das Tor.Und so hüpft Hütter weiter, und daneben tut es ihm Magnin gleich. Die Kräfteverhältnisse haben sich etwas verschoben jetzt; wäre das Spiel ein Armdrücken, so hätte sich der FCZ von der Tischkante wieder zur Mitte gehievt. Der Gast setzt erste Nadelstiche. Adrian Winter hat den Ball, er sieht Raum und Mitspieler, Roberto Rodriguez läuft, das Timing ist perfekt – aber da ist auch Marco Wölfli. Der Goalie ist schon länger wieder er bei YB, er strotzt vor Selbstvertrauen, weil er in den letzten Wochen nicht ständig, aber immer mal wieder geprüft wurde und in solchen Situationen stets auf ihn Verlass war. Wölfli also entschärft, der FCZ lauert weiter. Das Tempo ist dem Kampf gewichen, es gibt jetzt wieder mehr Luft.

Es scheint, als hätten sie in Bern für einmal alles umgedreht, und als ob sie das schon gewesen wäre, die YB-Viertelstunde. «Wir hatten mehr Chancen, aber der FCZ wahrscheinlich die klareren», sagt Hütter später. Er spricht mit der Gelassenheit des Siegers, die er aus dieser Saison nur zur Genüge kennt, doch die Partie verlangt dem Österreicher vielleicht mehr ab, als es ihm im Nachgang anzumerken ist. Jeden Unterbruch nutzt er in der Phase vor und nach der Pause, für Korrekturen, für Weckrufe, auch für laute Kritik. Einmal muss ihn der Schiedsrichter ermahnen. «Ich wollte Emotionen ins Spiel bringen. Die haben mir da gefehlt.»

Im abgeflachten Geschehen bleibt die Härte tonangebend. Sanogo geht voran für YB, es ist sein Spiel jetzt. Einmal führt er den Ball, wird gehalten, bleibt dran, tritt dann Winter rüde auf die Füsse. Schiedsrichter Sandro Schärer pfeift, der Pfiff gilt dem Foul zuvor an Sanogo. Die Zürcher fordern Gelb-Rot für den bereits verwarnten Ivorer, Winter bleibt liegen. Der Entscheid aber steht, wenig später tritt Miralem Sulejmani den Freistoss. Christian Fassnacht steigt hoch, bringt den Ball zur Mitte, irgendwer muss da stehen, irgendwer ist auch da: Es ist Sanogo. Tor, 1:0 für YB, und auf den Rängen die Erkenntnis: So läuft das, im Moment.

Es läuft eben für YB, und der Berner Endspurt in der Meisterschaft ist ja trotz des klaren Vorsprungs noch immer eine komplizierte Angelegenheit. Der Totomat wird in den nächsten Partien eine gewichtige Rolle spielen, einzig gestern stossen das 1:0, das 1:1 und das späte 2:1 des FCB gegen Lausanne noch kaum auf Beachtung. «Oh, die haben gewonnen?», fragt Benito mit echtem Erstaunen, als der YB-Sieg feststeht.

Eine Meisterfeier am Mittwoch in Thun gibt es also nicht. Sie ist mehr aufgeschoben als aufgehoben, aufs Heimspiel am Sonntag (gegen Lausanne), aufs Heimspiel am übernächsten Samstag (gegen Luzern). So erhalten sie in Bern eben weiter Zeit, sich auf diesen Moment zu freuen. Vielleicht werden sie dann erschöpft und bedient, geschafft und beeindruckt sein, vielleicht auch von allem ein bisschen. Wer weiss das schon. (Berner Zeitung)

Erstellt: 16.04.2018, 06:19 Uhr

Artikel zum Thema

YB schlägt den FCZ knapp

Die Young Boys bezwingen auf heimischem Rasen den FC Zürich. Sanogo trifft in einer engen Partie zum 1:0-Endstand.Bernerzeitung.ch/Newsnet berichtete live. Mehr...

Wettbewerb

Gratis nach Singapur fliegen

Seit Anfang August fliegt Singapore Airlines auch ab Zürich mit einem neu ausgestatteten Airbus A380. Gewinnen Sie zwei Flugtickets.

Kommentare

Blogs

Von Kopf bis Fuss Die Schönheit zum Schlucken boomt
Beruf + Berufung «9 to 9» statt «9 to 5»

Service

Auf die Lesezeichenleiste

Hier lesen Sie unsere Blogs.

Die Welt in Bildern

Kultur für Kleine: In Dresden öffnet die erste Kinderbiennale in Europa. Anders als sonst im Museum, kann und darf hier selbst gestaltet und mitgemacht werden. (21. September 2018)
(Bild: Sebastian Kahnert/dpa) Mehr...