Voss-Tecklenburg will von Schweizer Erfahrungen profitieren

Martina Voss-Tecklenburg, die ehemalige Schweizer Nationaltrainerin, will mit Deutschland an der Frauenfussball-WM für Furore sorgen.

  • loading indicator

Niemand verkörperte den unbändigen Siegeswillen im deutschen Fussball über die Jahre so stark wie Oliver Kahn. Vor dem Bayern-Goalie hatten früher sogar vereinzelt Mitspieler Angst, und einst prägte er die Aussage: «Wir brauchen Eier.» Kaum ­jemand hatte sich je mit dem Blondschopf angelegt – bis das Frauen-Nationalteam es auf spielerische Art wagte. «Wir brauchen keine Eier. Wir haben Pferdeschwänze», sagen sie im Werbespot eines Partners.

Diese Aussage liess ganz Fussball-Deutschland aufhorchen. Der Spot, in dem die Frauen mit einem Augenzwinkern, aber schonungslos das aktuelle Ungleichgewicht in der fussballerischen Wahrnehmung der beiden Geschlechter aufzeigten, ging viral. Sie würden für eine Nation spielen, die nicht mal ihre Namen kenne, sagten die Spielerinnen und ergänzten: «Seit es uns gibt, treten wir nicht nur gegen Gegner an, sondern auch gegen Vorurteile.»

Je häufiger sie das Endresultat des Spots gesehen habe, desto besser könne sie sich damit identifizieren, sagte Nationaltrainerin Martina Voss-Tecklenburg gegenüber der «Frankfurter Rundschau»: «Ja, das sind wir.» Auch die 51-Jährige hat ihren Auftritt im Clip, sie hält das Kaffeeservice, das alle Spielerinnen 1989 vom Deutschen Fussball-Bund (DFB) als Anerkennung für den ersten EM-Titel bekommen hatten. Oft wurde diese Prämie kritisiert, die Beschenkte sieht es weniger eng: «Bei uns wird das täglich benutzt. Mein Ehemann Hermann nimmt es immer aus dem Schrank.»

Schon als Spielerin war Martina Voss-Tecklenburg eine Legende. Sie absolvierte 125 Länderspiele, gewann dreimal den EM-Titel und wurde WM-Zweite. Seit fast zwei Jahrzehnten gibt sie nun ihr Wissen als Trainerin weiter, zuerst als Verbandssportlehrerin, dann in der Frauenbundesliga, anschliessend sieben Jahre als Schweizer Nationaltrainerin. Im November 2018 unterschrieb sie dann bei der deutschen Nationalmannschaft. «Das ist das i-Tüpfelchen», sagt sie.

Wichtige Erfahrungen in der Schweiz gesammelt

Beim Schweizerischen Fussballverband (SFV) wurde ihr Abgang massiv bedauert. «Sie hat uns das Sieger-Gen eingepflanzt», sagte Lara Dickenmann einmal. 2015 führte sie die Schweiz an die WM-Endrunde in Kanada und dort in den Achtelfinal, zwei Jahre später war an der EM nach der Vorrunde Endstation. Mit dem DFB will Voss-Tecklenburg nun von der Zeit beim kleinen Nachbarn profitieren: «Die Erfahrungen mit der Schweiz sind sehr hilfreich, denn nicht alle aus unserem Trainerteam waren schon an solchen Turnieren dabei.» Auch das Team ist unerfahren und im Umbruch, 15 der 23 Spielerinnen erleben ihre WM-Premiere.

Verständlich angesichts ihres Palmarès ist, dass sie auch immer wieder mit Männerfussball in Verbindung gebracht wird. Den SV Straelen hat sie bereits trainiert, zudem sitzt sie im Aufsichtsrat von Bundesligist Fortuna Düsseldorf. Gegenüber dem «Kicker» sagte sie einst, sie habe ein Angebot des FC Luzern ausgeschlagen und sei stattdessen zum DFB gegangen. Die Innerschweizer dementieren allerdings konkrete Verhandlungen.

«Ich war noch nie Weltmeisterin»

Der Name Voss-Tecklenburg fällt immer wieder, wenn es um die erste Trainerin im deutschen Profifussball geht. Zutrauen würde sie sich – und anderen – diesen Schritt durchaus: «Unsere Fussballlehrerinnen sind für die Jobs im Männerbereich bereit. Das steht ausser Frage. Die Männerwelt ist es aber noch nicht.» Im Moment verschwende sie daran jedoch keinen Gedanken: «Aktuell wünsche ich mir, dass ich längerfristig beim DFB arbeiten kann.»

Am Samstag startet Deutschland in Rennes gegen China ins Turnier. Voss-Tecklenburg gibt mit der Olympiaqualifikation eine vermeintlich bescheidene Zielsetzung heraus. Da aber in Frankreich nur drei europäische Teams den Sprung nach Tokio schaffen, ist dafür vermutlich die Halbfinalqualifikation nötig. Dass sie sich mehr erhofft, tönte sie schon bei ihrer Vorstellung im November an: «Ich war noch nie Weltmeisterin.»

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt