Was Trainer in der Pause so treiben

Die wortgewaltige Halbzeit-Rede ist ein Mythos. Immer wichtiger wird dafür die Video-Analyse.

Kaum ein Wort bleibt hängen: FCB-Trainer Raphael Wicky auf dem Weg in die Garderobe. Bild: foto-net / Kurt Schorrer

Kaum ein Wort bleibt hängen: FCB-Trainer Raphael Wicky auf dem Weg in die Garderobe. Bild: foto-net / Kurt Schorrer

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Kürzlich wollte es Marc Schneider ­wissen. Der Coach des FC Thun sass mit seinen Klassenkameraden zusammen, die mit ihm derzeit für das höchste ­Trainerdiplom lernen, als er fragte: «Sagt mal, wie viele Pausenansprachen aus eurer ­Karriere habt ihr eigentlich noch im Kopf?» Die Antwort der ehemaligen Fussballprofis sei ein vielstimmiges «Ähm» gewesen, erzählt Schneider: «Keiner konnte sich auch nur an eine Ansprache erinnern.»

So viel also zum Mythos des Trainers, der in der Pause mit viel Wortgewalt und taktischer Finesse ein Spiel herumreisst, das nach 45 Minuten bereits verloren scheint. Wobei diese vielleicht etwas naive Vorstellung auch daher rühren dürfte, dass nur schon die Zeit überschätzt wird, die ein Trainer in der Halbzeit mit dem Team verbringt. «Es sind vielleicht fünf, sechs Minuten», sagt ­Raphael Wicky, Chefcoach des FC Basel. In der restlichen Zeit senken die Spieler ihren Puls, wechseln die Leibchen und tauschen sich untereinander aus.

Platz an Seitenlinie ungeeignet

Die Trainer dagegen holen erst einmal Informationen ein, die ihnen verstehen helfen, was in der ersten Spielhälfte überhaupt abgelaufen ist. Natürlich haben sie einiges selbst gesehen. Aber eigentlich ist ihr Platz an der Seitenlinie auf Rasenhöhe ungeeignet, um den Überblick über das Geschehen zu behalten.

Dafür haben sie Mitarbeiter auf der Haupttribüne, die ihnen gleich zu Beginn der Halbzeit ihre Eindrücke schildern. Und die Arbeit dieser Assistenten verändert sich mit der technischen Entwicklung. Seit dieser Saison haben alle Clubs der Super League Zugriff auf ein System, das noch während des Spiels ­Video-Analysen erlaubt.

Magnin ist der Stress zu gross

Das bedeutet, dass die Trainer bereits in der Pause bewegte Bilder zur Verfügung haben. Doch ob sie die auch sehen wollen, hängt stark von ihren Vorlieben ab. Und die haben nichts mit dem Alter zu tun. Marc Schneider (37), Raphael Wicky (41) und Ludovic Magnin (40) gehören zur selben Generation, Schneider und Magnin sitzen sogar in der gleichen Diplomklasse. Und doch stehen sie ganz unterschiedlich zu Videos in der Halbzeit.

Da ist etwa FCZ-Trainer Magnin, der sich gar nichts anschaut, obwohl er unter seinem Vorgänger Uli Forte dafür zuständig war, die Videos für die Pausen-Analyse vorzubereiten. «Mir aber ist der Stress zu gross, ich bin zu wenig vom Ertrag überzeugt», sagt Magnin nach dieser Erfahrung. Also vertraut er auch ohne Videobeweis den Hinweisen seiner Assistenten: «Wichtig ist vor allem, dass die Leute, die mitreden, meine Idee von Fussball haben. Und dass sie genau wissen, welche Aufgaben ich meinen Spielern mit aufs Feld gegeben habe.»


Bilder: Die Fussballtrainer und ihre Macken


Der Basler Wicky dagegen ist interessiert an den Bildern, die seine Analysten zur Halbzeit vorbereitet haben: «Wenn ich Zeit habe, schaue ich mir drei, vier Szenen an.» Sein Team aber sieht die Bilder erst nach dem Spiel. Und dann ist da Schneider, der zur Halbzeit noch einen Schritt weitergeht und sagt: «Es kommt zwar nur selten vor. Aber ausgewählte Situationen zeige ich schon mal einem Spieler oder einzelnen Mannschafts­teilen.» Der Grund ist einleuchtend: «Häufig sage ich jemandem, dass er etwas ändern muss. Wenn ich ihm mit Bildern erklären kann, warum er das tun soll, macht es das leichter verständlich.»

Bloss die Spieler nicht verwirren

Eine Video-Analyse mit dem ganzen Team zur Halbzeit gibt es aber auch bei Schneider nicht: «Das wäre zu verwirrend. Du musst wissen, welche Spieler überhaupt auf solche Inputs ansprechen – und welche derart in einem Tunnel sind, dass sie die Informationen gar nicht verarbeiten können.»

In diesem Punkt sind sich die drei Trainer wieder einig: Es ist wichtig, zu wissen, ob die Organisation des eigenen Teams stimmt und ob der Gegner etwas Überraschendes unternimmt. Zu viele Informationen aber sind kontraproduktiv. «Ich filtere die Inputs und gebe die zwei, drei wichtigsten an die Spieler weiter», sagt ­Wicky. Auch Magnin tritt meist mit drei Punkten vor seine Spieler: «Was machen wir gut? Was macht der Gegner falsch? Müssen wir etwas verändern?»

Marc Schneider: «Reden für die Ewigkeit sind das nicht»

Und wenn die Trainer die wichtigsten Informationen erhalten, daraus die richtigen Schlüsse ziehen und die auch noch so weitergeben, dass ihre Spieler sie verstehen, sagt ­Wicky: «Dann kann es schon Matches geben, die nach der Pause gut herauskommen.» Er denkt etwa an das Heimspiel gegen Manchester United, als seine Basler Paul Pogba zu viel Raum liessen: «Das haben wir korrigiert.» Aber dass der FCB danach 1:0 gewann, würde er nie allein seiner Pausenansprache zugutehalten: «Das war sicher nicht allein mein Verdienst. Genauso wie ich hoffe, dass es nicht nur an mir lag, wenn wir nach der Pause noch verlieren.»

Schliesslich steht in der anderen ­Garderobe auch ein Trainer, der ebenfalls versucht, die richtigen Korrekturen vorzunehmen. Und manchmal, da ist es an der Zeit, weniger auf Taktik und mehr auf Emotionen zu setzen. «Es ist ein ­stetes Abwägen: Soll ich laut werden, muss ich sachlich bleiben, ist es besser, wenn ich fast gar nichts sage?», sagt Marc Schneider. Und will das Ganze doch nicht zu hoch hängen. «Vielleicht ist eine Ansprache total okay für diesen einen Moment. Aber Reden für die Ewigkeit sind das nicht.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.05.2018, 16:04 Uhr

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Die Liga bezahlt das Video-System

Seit Anfang dieser Saison bietet die Swiss Football League (SFL) den ­Vereinen der Super League einen besonderen Service. Alle Stadien wurden mit einem Analyse-System der Firma ­Camvision ausgerüstet. Dieses besteht aus einer fix installierten Kamera, die voll automatisiert immer alle 20 Feldspieler der beiden Teams im Bild hält, sowie einer Software, mit der live während des Spiels Video-Analysen erstellt werden können.

Damit sie das System auch nutzen können, erhalten die Clubs von der Liga zusätzlich einen Laptop, mit dem sowohl Heim- als auch Auswärtsteam während der Spiele Zugriff auf die Aufnahmen haben. Die dazugehörige Software kann etwa Distanzen zwischen Spielern und ihre Laufgeschwindigkeit messen. Dazu können sehr einfach freie Räume oder das Verschieben ganzer Mannschaftsteile dargestellt werden.

Bei der Einführung sei es auch darum gegangen, eine Zweiklassengesellschaft in der Liga zu verhindern, sagt Adrian Knup, Chief Sports Officer der SFL: «Wir haben grosses Interesse an einer möglichst ausgeglichenen Liga. Dazu gehört, dass alle Clubs technische Hilfsmittel haben, die sie auf ein Niveau bringen, das auch im Ausland Usus ist.»

Rund 250'000 Franken lässt sich die Liga das System pro Saison kosten. Profiteure sind vor allem kleinere Vereine wie der FC Thun, die sich keine eigene Video-Anlage leisten könnten.

In der nächsten Saison sollen auch alle Stadien der zweithöchsten Liga mit Camvision ausgestattet sein. «Video-Analyse ist für die Ausbildung junger Spieler sehr wichtig», sagt Knup, «und in der Challenge League spielen sehr viele Junge. Darum macht es Sinn, dass die Vereine die Mittel erhalten, um diese ­Talente noch besser zu fördern.» (fra)

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