Wengers Ende naht

Arsène Wenger trainiert Arsenal seit über zwanzig Jahren. Doch die Zeit des Franzosen als Trainer in London dürfte bald ablaufen.

Arsenals Kollaps in München: Trainer Arsène Wenger ist fassungslos.

Arsenals Kollaps in München: Trainer Arsène Wenger ist fassungslos. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

1996 stehen in der Schweiz unter anderem die Singles «Killing Me Softly» von den Fugees, «Verpiss dich» von Tic Tac Toe und «Zehn kleine Jägermeister» von den Toten Hosen auf Rang 1. 1996 wird Bill Clinton als US-Präsident wiedergewählt, 1996 fusionieren Sandoz und Ciba-Geigy zu No­vartis, 1996 stirbt Trainergeneral Helmut Schön und wird YB-Talent Denis Zakaria geboren. 1996 ist also sehr lange her – nicht nur bezüglich Musikgeschmack.

1996 wird Arsène Wenger als Trainer bei Arsenal vorgestellt, seither führt der elegante Franzose beim Londoner Topklub ­Regie. Die Kritik an seiner Arbeit wurde in den letzten Jahren immer stärker, doch Wenger hatte sich dank grossen Erfolgen zu Beginn seiner Amtszeit eine Macht erarbeitet, die ihn fast unentlassbar erscheinen lässt.

Die Demontage in München

Seit Mittwochabend jedoch ist es unrealistisch, dass Wenger im Sommer in seine 22. Saison mit Arsenal steigen wird. Die 1:5-Niederlage im Hinspiel der Cham­pions-League-Achtelfinals bei Bayern München und vor allem der inferiore Auftritt nach der Pause bestätigten die Kritiker des Franzosen. Mutlos und willenlos und ohne erkennbares Defensivkonzept ergab sich Arsenal mal wieder seinem Schicksal.

Die Medien reagieren brutal, vom Tiefpunkt war die Rede und davon, dass man Wenger vor sich selber schützen müsse. Die «Daily Mail» schrieb, man müsse im Februar neben Fasnacht und Valentinstag auch den «Arsenal-fliegt-in-der-Champions-League-raus-Tag» in den Kalender aufnehmen. Zum siebten Mal in Serie dürfte Wengers Equipe im Achtelfinal aus der Königsklasse ausscheiden.

Der letzte Meistertitel liegt bald dreizehn Jahre zurück, Arsenal beendete die Premier League seither meistens auf Rang 3 oder 4, gewinnt aber ab und zu den prestigeträchtigen FA-Cup. Das ist erneut die wohl letzte Titelchance. Wenger ist es nicht gelungen, sein Team den Anforderungen des modernen Fussballs anzupassen, Balleroberung und Pressing stehen nicht im Repertoire, es fehlt seit Jahren an Persönlichkeiten und Führungskräften, derzeit ist der unscheinbare Aussenverteidiger Kieran Gibbs Captain.

Auch Xhaka mit Problemen

Symbolfigur dieser an guten Tagen spielstarken, zu oft aber widerstandslosen Ansammlung von Schönspielern ist Mesut Özil, deutscher Weltmeister und Passexperte. Der zarte Techniker ging in München ebenso unter wie die meisten Teamkollegen, einzig der überragende Stürmer Alexis Sanchez bewegte sich auf Augenhöhe mit den Gegenspielern.

Und Granit Xhaka, der mit seiner physischen Präsenz ein Aggressivleader sein könnte, hat seit seinem Transfer zu Arsenal im letzten Sommer vor allem mit sich zu kämpfen. Der Schweizer Stratege leistet sich zu viele dumme Fouls, fehlte zuletzt in der Liga mal wieder wegen einer Roten Karte wochenlang – und ist dennoch ein Hoffnungsträger im Verein.

Arsène Wenger ist das nicht mehr. Er wird kaum entlassen und darf diese Saison wohl beenden, obwohl sich mittlerweile fast alle Anhänger von ihm abgewendet haben. Von einem «Schock» sprach der Monsieur nach der Demontage in München und davon, dass man sich nicht gewehrt habe. Dem 67-Jährigen wird nicht mehr zugetraut, Arsenal im Kampf mit den anderen Spitzenklubs neu zu erfinden.

Die legendäre Mutlosigkeit auf dem Transfermarkt, trotz gewaltigen Finanzreserven nicht investieren zu wollen, hat Wenger zwar endlich abgelegt, aber die meisten millionenteuren Verpflichtungen waren Fehlgriffe. Die Abwehr ist eine Grossbaustelle wie der zentrale Aufbau, wo ein giftiger Balljäger fehlt.

Und doch würde es keineswegs überraschen, sollte Arsenal im Frühling, wenn das Wetter wieder besser wird, auf einmal zu einer Siegesserie ansetzen. Diesmal dürfte sie für Wenger zu spät kommen, als Nachfolger werden der Schweizer Lucien Favre (Nizza) sowie Thomas Tuchel von Dortmund gehandelt. Frei nach dem «Jägermeister»-Lied der Hosen werden Wengers Unterstützer immer weniger, er stirbt bei Arsenal einen sanften Tod in Fugees-Manier – selbst wenn ihn die meisten Fans längst eher in Tic-Tac-Toe-Rhetorik weghaben wollen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 17.02.2017, 09:23 Uhr

Artikel zum Thema

Bayern demontiert Arsenal – Real souverän

Xhakas Arsenal wird bei Bayern München vorgeführt und verliert 1:5. Real Madrid schlägt zuhause Napoli. Mehr...

Newsletter

Immer die Region zuerst. Am Wochenende.

Endlich Zeit zum Lesen! Jeden Freitag um 16 Uhr Leseempfehlungen fürs Wochenende.
Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!

Kommentare

Paid Post

Einmal Gipfelträume und zurück – ganz bequem

Die Schweizer Bergwelt ist einzigartig. Mit den exklusiven Kombi-Angeboten von RailAway profitieren Sie von attraktiven Vergünstigungen.

Die Welt in Bildern

Ab in den Matsch: Teilnehmer der Ostfriesischen Wattspiele versuchen im Schlamm Fussball zu spielen. (19. August 2017)
(Bild: Carmen Jaspersen) Mehr...