Wenn die Politik den Rasen stürmt

Der WM-Titel der US-Frauen ist auch ein politisches Statement. Megan Rapinoe geht vorne weg.

Dominant zu Titel: Die USA sind zum vierten Mal Weltmeister. Video: SRF

Natürlich war es ein Poker. Natürlich war er beleidigt. Aber gleich herumkeifen? Schwierig. Denn bei aller Ablehnung wusste Donald Trump ganz genau, welchen Rückhalt das Nationalteam der Frauen in der amerikanischen Öffentlichkeit geniesst. Wie beliebt gerade Captain Megan Rapinoe geworden ist – gerade weil sie Trump und dessen Politik dermassen und dermassen öffentlich verabscheut. Bestimmt gehe sie «nicht in das verdammte Weisse Haus», hatte sie lange vor dem Final angekündigt. Dabei hat der Besuch erfolgreicher Sportteams beim US-Präsidenten Tradition.

Also musste sich Trump ein Türchen offen lassen. Und er twitterte: «Ich bin ein grosser Fan dieses Teams, aber Megan sollte erst gewinnen, bevor sie spricht. Beende den Job!»

Und nun? Ist der Job getan: Die Amerikanerinnen sind Weltmeister, schon zum vierten Mal, und Rapinoe hat geliefert: Beim Penalty in der 61. Minute mochte der Druck einer ganzen Nation auf ihren Schultern lasten, sie verwertete ohne jede Mühe. In der Heimat war da grösstenteils noch Vormittag, dennoch drängten sich in den Sportbars Millionen und hatten ihre helle Freude. In den sozialen Medien machten bald unzählige Videos der Jubelszenen die Runde. Rapinoe ist Torschützenkönigin und beste Spielerin der WM.

«Frauenfussball ist automatisch politisch», sagte die Schweizer Fussballerin und Zürcher Kantonsrätin Sarah Akanji in einem Interview mit dem «SonntagsBlick» von gestern und erklärt: «Frauen verdienen weniger, bekommen weniger Respekt und weniger Aufmerksamkeit. Megan Rapinoe ist ein perfektes Beispiel, wie eine Spielerin durch Ungerechtigkeiten im Sport auf soziale Ungerechtigkeiten aufmerksam macht.»

Den Verband verklagt

Die Botschaft vom Rasen kommt an beim Publikum. Als im Laufe des Finals in Lyon auf den Grossbildschirmen Fifa-Präsident Gianni Infantino gezeigt wurde, skandierte das ganze Stadion: «equal pay», gleiche Löhne. Die amerikanischen Spielerinnen haben ihren eigenen Verband verklagt, um eine Lohngleichheit zwischen Nationalspielern und -spielerinnen zu erreichen.

Präsident Trump war der Triumph seiner Landsfrauen einen ungewohnt kurzen Tweet wert, aber seine Reaktion ist nicht entscheidend. Den Grossteil der Amerikanerinnen und Amerikaner weiss das Team sowieso hinter sich. Kurz vor dem Final gab Sportartikelhersteller Nike bekannt, dass in der Fussballsaison 2018/19, zu der diese WM noch zählte, von keinem anderen Team mehr Shirts verkauft worden seien - geschlechter übergreifend. Und Nike rüstet immerhin Barça, Chelsea, PSG oder Englands Nationalteam aus.

Zum Nationalfeiertag am vergangenen Donnerstag, dem 4. Juli, hatte Trump in Washington das Militär auffahren lassen, damit es vor seinen Augen paradiert. Gestern nun in Lyon präsentierten die amerikanischen Fussballerinnen die friedliche Version von Dominanz.

Eine andere Stärkeklasse

Sie waren den Holländerinnen überlegen, läuferisch und spielerisch, hatten mehr Ballbesitz und die besseren Chancen, und keine Szene verdeutlichte das besser als jene kleine Episode aus der 65. Minute: als Samantha Mewis Hollands Regisseurin Daniëlle Van De Donk kurzerhand mit dem Hintern wegdrückte und ihr den Ball abnahm. Holland hat eine sehr gute WM gezeigt und sich das Endspiel verdient - die USA waren nun von anderer Stärkeklasse.

Dabei hatten die Amerikanerinnen vor dem Final nicht un widerstehlich gewirkt, und ihr Selbstbild einer unerschütterlichen Siegmaschine wankte. Nach einer problemlosen Vorrunde ohne Gegentor (aber mit 18 eigenen Treffern) bangten sie in jedem der K.-o.-Spiele um den Sieg. Dreimal zitterten sie sich zum 2:1 - wobei Rapinoe den Achtelfinal gegen Spanien und den Viertel final gegen Frankreich gleich selbst entschied. Im Halbfinal gegen England fehlte sie wegen einer Verletzung. Es folgte der Final, in dem die Amerikanerinnen alles zeigten, was sie ausmacht.

Trotzdem stellt sich die Frage: Wie sieht dieses Team in Zukunft aus? Rapinoe wird 2023, bei der nächsten WM, 38 sein und Alex Morgan 34. Carli Lloyd, prägende Spielerin der WM vor vier Jahren in Kanada, ist jetzt schon 37 und dürfte ihren 280 Länderspielen kaum noch viele folgen lassen. Allerdings: Lloyd war an dieser WM schon nicht mehr im Stamm - mit Tobin Heath oder Rose Lavelle ist sie bereits ersetzt. Schon vollständig vollzogen ist die Renovation im Tor: Auf die legendäre Hope Solo folgte 2016 Alyssa Naeher als Nummer 1. Und die stieg jetzt zur Heldin auf, als sie im Halbfinal gegen England in der 83. Minute einen Penalty hielt und die Verlängerung verhinderte.

Die grösste Aufgabe aber ist, dereinst einen Ersatz für Megan Rapinoe zu finden. Nicht bloss als Spielerin. Und schon das ist schwierig genug.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt