Wer braucht denn Neymar?

Trotz horrender Kosten bieten Barcelona und Real um Neymar – an ihm entzündet sich die alte Rivalität wieder.

Die Bilanz nach zwei Jahren Neymar ist für PSG ernüchternd. Foto: AFP

Die Bilanz nach zwei Jahren Neymar ist für PSG ernüchternd. Foto: AFP

Thomas Schifferle@tagesanzeiger

Als er von Barcelona wegging, flossen angeblich Tränen. Bei ihm, bei den alten Teamkollegen. Er ging, weil er anderswo noch etwas mehr verdienen konnte, 30 Millionen Euro im Jahr, netto, nach Steuern, Tag für Tag 82'000 Euro. Neymar jr. ging, weil ihm Paris zu Füssen lag und der PSG mit ihm endlich das erreichen wollte, wofür die katarischen Besitzer angetreten waren: den Gewinn der Champions League.

Die Bilanz zwei Jahre später ist ernüchternd. Gut, die Meisterschaft hat PSG mit ihm zweimal gewonnen und zwei nationale Cups als Zugabe. Doch dafür hätte es Neymar nicht gebraucht. Das hatte der Club schon vorher ohne ihn reihenweise geschafft. Ernüchternd ist die Bilanz in der Champions League. 2018: Aus im Achtelfinal gegen Real Madrid. 2019: Aus im Achtelfinal gegen Manchester United. Neymar konnte das nicht verhindern, er war in beiden Jahren am Fuss verletzt.

Jetzt hat er genug von Paris. Und Paris hat genug von ihm und seinem kapriziösen Gehabe. Nach Spanien will er, unbedingt. Bevor heute Freitag die Primera División ihren Betrieb aufnimmt, ist er im Land das beherrschende Thema. Dabei ist die Frage: Wer braucht denn Neymar?

Nur die Nummer 3

27 ist er inzwischen, einmal gewann er die Champions League, 2015 mit Barcelona, einmal war er Olympiasieger, 2016. Aber er ist nie Weltmeister geworden, nicht einmal Südamerika-Meister. Was ihn auch schmerzen muss: Bei der Wahl zum Weltfussballer des Jahres hat er nie eine Chance gehabt gegen Messi und Ronaldo, zweimal war er Dritter, mehr auch nicht. Das entspricht nicht seinem Ego.

Nur zwei Clubs sind gross genug, um jetzt für ihn zum Thema zu werden. Barcelona und Real Madrid. Keiner will und kann die 222 Millionen Euro zahlen, für die Neymar einst nach Paris ging. An Neymar entzündet sich vielmehr wieder einmal die Rivalität zwischen den beiden Weltclubs.

Barcelona hat Lionel Messi, Luis Suárez und neuerdings Antoine Griezmann, für 120 Millionen Euro von Atlético Madrid geholt. Viel besser kann eine Angriffsreihe nicht besetzt sein, zur Not stehen auch noch Philippe Coutinho und Ousmane Dembélé zur Verfügung. Die beiden kosteten zusammen immerhin 270 Millionen. Sportlich braucht es Neymar also nicht.

Messis Werben

Aber die alten Herren in der Mannschaft forcieren die Personalie, angefangen bei Messi. So heisst es zumindest in den spanischen Zeitungen. Messi soll Neymar in diesen Tagen angerufen haben, um ihn zurück nach Katalonien zu locken. Messi und Neymar gelten als Freunde. Anfang Jahr erzählte Neymar dem brasilianischen TV-Sender Globo: «In der Zeit, in der ich am meisten Unterstützung gebraucht habe, kam dieser Kerl im Team, der Beste der Welt, und gab mir Liebe. Er sagte mir: ‹Ich bin hier, um dir zu helfen.›»

Josep Maria Bartomeu und Ernesto Valverde, Präsident und Trainer Barças, wollen Neymar nicht. Gerade Bartomeu gilt als Gegner einer Rückkehr, weil sich Neymar vor zwei Jahren den Wechsel nach Paris ertrotzte. Dass er nun trotzdem eine Delegation an den Fuss des Eiffelturms schickte, um das Terrain wegen Neymar zu sondieren, lässt tief blicken. Es steht für die konfliktreiche Beziehung mit Real. Bartomeu muss sich denken: Neymar bei Barcelona ist weniger schlimm als Neymar bei Real.

Barcelona gab diesen Sommer bereits 255 Millionen Euro für neues Personal aus, neben Griezmann kam nicht zuletzt das niederländische Grosstalent Frenkie de Jong für 75 Millionen. Weitere 100 Millionen sollen nun für Neymar dazukommen, plus Philippe Coutinho sowie Nelson Semedo als Extra.

Auf der anderen Seite ist Real Madrid. Da will Neymar zwar nicht hin, aber anders als Barcelona braucht Real ihn – nur schon, damit Florentino Pérez sein Gesicht wahren kann. Der schwerreiche Bauunternehmer ist der Präsident, der Anfang des Jahrhunderts die Ära der Galaktischen begründete. Luis Figo war der Erste von ihnen, ihn holte Pérez ausgerechnet aus Barcelona. Figo flog danach ein Schweinekopf entgegen, als er mit Real ins Nou Camp zurückkehrte. Nach ihm kamen Zidane, Ronaldo der Erste und Beckham ins Bernabéu, und in einer zweiten Phase folgten Kaká, Cristiano Ronaldo und Gareth Bale.

Reals Not nach 305 Millionen

Mit CR7 dominierte Real die Champions League bis vor einem Jahr. Ohne ihn war Real wie amputiert. Die Champions League endete im Achtelfinal, die Meisterschaft mit 19 Punkten Rückstand auf Barça.

Eden Hazard ist nun neu in Madrid, dazu Luka Jovic, Éder Militão, Ferland Mendy und Rodrygo, zusammen haben sie 305 Millionen gekostet. Hazard ist ein brillanter Fussballer, Chelsea vermisst ihn schmerzlich. Aber er verfügt nicht im Ansatz über die Strahlkraft von Messi, Ronaldo und auch Neymar, schon gar nicht, wenn er mit fünf Kilo Übergewicht zur Vorbereitung erscheint. Jovic kam aus Frankfurt, er soll bereits wieder weitergereicht werden, weil Trainer Zinédine Zidane von ihm nicht überzeugt ist. Und da ist noch das Problem mit Bale, der nicht mehr integrierbar ist, für den es aber auch keinen Abnehmer gibt. Er ist nie galaktisch gewesen.

Also was bleibt Pérez noch, um diese Transferperiode zu retten, um die Fans zu besänftigen, um die nächste Saison vielleicht wieder zum Erfolg zu machen? Neymar.

Pérez bietet für ihn 120 Millionen plus Luka Modric. In Spanien schliesst das Transferfenster am 2. September.

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