Im Nationalteam wird der Feind vor der Tür gesucht

Erstmals seit dem WM-Aus gegen Schweden und dem Behrami-Rücktritt trifft sich das Nationalteam. Um die Einheit zu retten, bastelt sich der SFV ein Paralleluniversum.

Auf und ab mit den Schweizer Fussballern: Xherdan Shaqiri, Edimilson Fernandes und Albian Ajeti trainieren in Freienbach. Foto: A. Müller (Freshfocus)

Auf und ab mit den Schweizer Fussballern: Xherdan Shaqiri, Edimilson Fernandes und Albian Ajeti trainieren in Freienbach. Foto: A. Müller (Freshfocus)

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Peter Gilliéron und Claudio Sulser redeten und erklärten. Und mit jedem Satz, den der Präsident des Schweizerischen Fussballverbandes und der Delegierte der Nationalmannschaft sagten, werkelten sie an ihrer eigenen Realität. In Sulsers Worten zusammengefasst lautete die Lagebeurteilung der zwei: «Es wäre gut, wenn auch mal über Sport geschrieben würde.»

Na, das war mal eine überraschende Botschaft, die der Verband an dem Tag platzierte, an dem das Nationalteam zum ersten Mal seit der WM wieder zusammenfand. Und es wurde noch etwas wundersamer, als Gilliéron meldete, die Nationalspieler seien enttäuscht darüber, dass ihre sportlichen Erfolge, «immerhin drei Achtelfinals an drei Endrunden in Serie», in der Öffentlichkeit zu wenig gewürdigt würden. «Was uns Schweizern fehlt, ist der Stolz auf unsere Mannschaft», sagte Sulser noch.

Spätestens hier war klar, welches Paralleluniversum sich der Verband gerade zusammenzubasteln versucht: Hier die Einheit aus Mannschaft und Verbandsspitze – dort draussen der Feind in Form einer unbotmässig kritischen Öffentlichkeit. Das Nationalteam befindet sich gerade im Verteidigungsmodus.

Rückzug in die Wagenburg

Der Rückzug in die Wagenburg ist kein von vornherein verwerfliches Rezept, das im Sport immer wieder funktioniert. Nur ist es meist hilfreich, wenn die Angriffe wirklich von aussen kommen. Im Fall der Nationalmannschaft aber sind die Probleme hausgemacht. Es war kein Journalist, der gegen Serbien mit dem Doppeladler jubelte und damit den eigenen Verband auf dem komplett falschen Fuss ­erwischte. Kein Fan zwang den inzwischen zurückgetretenen ­Generalsekretär Alex Miescher dazu, öffentlich darüber zu sinnieren, ob die Schweiz Doppelbürger abschaffen sollte. Das Chaos um den Rücktritt von ­Valon Behrami richteten Spieler und Trainer ganz allein an.


Warum Behrami so wichtig für das Nationalteam war


Auch darum wirkte der gestrige Auftritt von Gilliéron und Sulser so befremdlich. Weil sie den Eindruck zu erwecken versuchten, all diese komplexen und sensitiven Themen seien in einer einzigen Gruppensitzung von nicht einmal zwei Stunden Dauer verarbeitet worden. «Wir sind zum Schluss gekommen, dass wir uns jetzt, wie wir uns das schon lange wünschen, auf den Fussball konzentrieren», sagte Gilliéron, «alles, was hinter uns liegt, soll mal mit dem Erledigt-Zeichen abgehakt werden.»

Schwamm drüber und fertig

Abhaken, Schwamm drüber, nach vorne schauen – so lautet also zumindest die offizielle ­Herangehensweise des Verbandes. Es ist zu hoffen, dass intern etwas mehr passiert. Sonst wäre es ja so, als ob genau nichts gelernt worden wäre aus dem Ausflug nach Russland.


Bilder: Vernichtendes Medienurteil für den SFV


Auch dort hatten die Verantwortlichen vor dem Serbien-Spiel mit aller Macht darauf beharrt, es handle sich um ein ganz normales Fussballspiel ohne jede emotionale Belastung für die Schweizer mit albanischen Wurzeln. Danach wirkten sie reichlich überrascht vom Sturm, in dem sie sich wiederfanden. Eigentlich müsste die Lektion aus jenem Blinde-Kuh-Spiel ja lauten: Wegschauen oder gar Leugnen sind keine Option.

Auch darum wäre es interessant, zu wissen, ob der Verband nicht nur die eigenen Strukturen durch eine externe Firma untersuchen lässt. Sondern ob er auch von seinen Spielern verlangt, dass sie sich und ihr Verhalten an der WM hinterfragen. Aber dazu mochte Gilliéron nur sagen: «Wir alle wissen, dass es nur um den Erfolg geht.»

Das Sorry des Präsidenten

Immerhin, eine Kuh scheint vorerst vom Eis zu sein. Gilliéron entschuldigte sich vor versammelter Mannschaft dafür, dass sein ehemaliger Generalsekretär in dieser Zeitung nach der WM die Frage stellte: «Wollen wir Doppelbürger?» Ja, die wollen wir, lautet die Botschaft des Präsidenten: «Ich habe ihnen gesagt, dass wir Freude an allen Spielern mit allen Pässen haben.»

Die Aussage dürfte auch bei den zwei gut angekommen sein, die gestern erstmals in Feusisberg einrückten. Albian Ajeti hat kosovarische Wurzeln, sein Bruder Arlind spielt für Albanien. Und bei Kevin Mbabu hat die Demokratische Republik Kongo angeklopft: «Aber ich wollte nicht.» Der YB-Verteidiger hat sich entschieden: für die Schweiz. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.09.2018, 23:47 Uhr

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