«Vielleicht sind einige Sion-Spieler zu gut bezahlt»

Nach seinem Rücktritt bei Sion bemängelt Stéphane Henchoz die Einstellung der Spieler und ihre Kritikfähigkeit. Präsident Constantin kritisiert er nur indirekt.

  • loading indicator

Sie sind beim FC Sion zurückgetreten. Auch, um einer Entlassung zuvorzukommen?
Wer als Fussballtrainer in sechs Spielen nur einen Punkt holt, lebt sehr gefährlich, das weiss ich selber.. Ich als Präsident würde mir das auch überlegen. Aber ich bin aus anderen Gründen zurückgetreten.

Warum?
Weil ich Trainer einer Gruppe von Spielern war, nicht mehr Trainer eines Teams. Einige Fussballer des FC Sion haben die mentalen Grundanforderungen an einen Fussballprofi nicht erfüllt.

Das klingt drastisch. Wer kann denn da gemeint sein?
Es ist mir kein Anliegen, Namen zu nennen. Die Spieler, die es betrifft, wissen das selber. Man weiss schliesslich, ob man alles gegeben hat oder nicht. Im Spiel und im Training.

Wären Sie denn bei einem anderen Club als dem FC Sion mit der gleichen Mannschaft noch im Amt?
Die Situation in Sion ist nicht das Problem, nicht das Umfeld, nicht der Präsident, nicht der Club. Das Problem waren Spieler, welchen es an Persönlichkeit, an Charakter mangelte. Wir hatten keine Spieler mit Führungsqualitäten, oder jene, die dafür geholt wurden, liessen sie vermissen. Es war eine Frage der Mentalität.

Also ist das Team schlecht zusammengestellt?
Wenn man eine Equipe formen will, braucht man Leadership. Man muss Spieler holen, die in dieser Region, für diesen Club alles geben wollen, sich dort heimisch fühlen. Nicht in Zürich, nicht in Genf oder sonstwo.

Das klingt nach vielen Ausflügen…
Es gab einfach eine Gruppe im Kader, die nicht bereit war, alles zu geben. Mehr sage ich dazu nicht.

Das Kader befinden Sie aber nach wie vor für gut genug, um in Sion Erfolg zu haben?
Die Qualität ist da. Aber die bringt nichts ohne Kopf und ohne Herz. Das sind Spieler, die sich etwas daraus machen, dass sie noch in der 2. Liga besser waren als Silvan Hefti von St. Gallen. Und was ist jetzt?

Jetzt wurde Sion von St. Gallen überrannt.
Eben. In diesem Spiel wurde so deutlich, was die richtige Arbeitseinstellung im Fussball ausmacht.

Klingt aus Ihnen auch der Frust eines gescheiterten Pädagogen?
Vielleicht. Die Mentalität hat sich geändert, nicht nur im Fussball. Es gelten andere Methoden. Wenn man heute einen Spieler kritisiert, ist das für ihn schon eine Katastrophe.

Es fehlt an Kritikfähigkeit?
Ja! Und die Bereitschaft, aus der Komfortzone zu kommen. Viele Junge träumen vom Ausland, schon bevor sie etwas geleistet haben. Sie sind im Nachwuchskader und schauen sich die grossen Ligen im Fernsehen an. Ich weiss, was es braucht um in der Bundesliga, in der Premier League zu spielen.

Also hatten Sie doch bestimmt kein Glaubwürdigkeitsproblem?
Offenbar war ich nicht glaubwürdig genug.

In jeder Mannschaft gibt es unterschiedliche Charaktere, solche die mehr, solche die weniger Führung brauchen. Wie war das bei Sion?
Einige haben gut gearbeitet! Aber von anderen hätte es mehr bedurft. Man wird sehr gut bezahlt beim FC Sion, dank des Präsidenten. Aber man kann nicht nur das Geld nehmen und damit hat es sich.

Sie sind also zurückgetreten, weil Sie diese Auswahl an Charakteren nicht goutieren?
Ja. Und weil ich sie nicht ändern kann. Niemand kann das jetzt, auch der Präsident nicht.

Ganz konkret: Hat die Installation von Christian Zermatten vergangene Woche nach dem 1:1 gegen Servette etwas gebracht? Fühlten Sie sich da nicht eingeengt?
Nein, überhaupt nicht. Ich verstehe, dass etwas passieren musste. Vier Mal hat der Präsident letzte Woche zum Team gesprochen. Vier Mal! Nichts hat sich geändert. Und ich fand das auch sinnvoll, er wollte helfen.

Indem er sich einmischt?
Er bezahlt die Löhne, er darf das. Übrigens hat er das schon nach dem 3:1-Sieg bei Xamax getan, als wir fast an die Tabellenspitze vorgestossen sind. Er wollte warnen.

Das heisst, vor einem Monat hat noch alles funktioniert. Was ist denn passiert seither? Ist es nur die Genügsamkeit der Spieler?
Ja. Vor einem Monat hat diese Mannschaft Spiele gewonnnen, da wurde einstellungsmässig gut gearbeitet. Aber wenn man gewinnt, denkt man manchmal, es gehe von alleine weiter. Aber das geht nie. Das habe ich versucht zu übermitteln.

Ist es manchmal nicht schade, dass in diesem traditionsreichen, leidenschaftlichen Club FC Sion nachhaltiges Arbeiten und Aufbauen nicht möglich ist?
Diese Frage muss man dem Präsidenten stellen. Mein Problem ist das nicht. Mein Problem war: Warum hat am Ende nicht funktioniert, was am Anfang noch funktioniert hat? Ich finde: alle können beim FC Sion nicht guten Gewissens in den Spiegel schauen. Und einige sind vielleicht zu gut bezahlt.

Wie geht es für Sie jetzt weiter?
Ich lerne aus dieser Erfahrung. Man lernt immer aus schwierigen Zeiten. Auch bei meinem letzten Engagement in Neuenburg (Vertrag wurde nicht verlängert) habe ich viel gelernt. Wenn es einfach und gut läuft, lernt man nichts. Jetzt habe ich zwei gute Erfahrungen gemacht, bin jetzt gut gewappnet für meinen nächsten Klub.

Und wo suchen Sie sich den?
Keine Ahnung, da habe ich noch nicht drüber nachgedacht.


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

Die Sendung ist zu hören auf Spotify, bei Apple Podcasts oder direkt hier:

berneroberlaender.ch/Newsnetz

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt