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Wo Lords und Götter träumen

Die ersten Qualifikationsrunden der Champions und Europa League sind die Bühnen der Kleinen. Sie bieten skurrile Geschichten und bekannte Gesichter.

Ein Strip mit Folgen: Aleksander Melgalvis bei Lilleströms Pokalfeier. Foto: NTP scanpix
Ein Strip mit Folgen: Aleksander Melgalvis bei Lilleströms Pokalfeier. Foto: NTP scanpix

In den letzten Jahren ist es zum Bonmot geworden: Es gibt keine Kleinen mehr. Dabei ist es oft nur Ausrede, wenn das Team gegen einen klar schlechteren Gegner verloren hat. Oder um dem klar schlechteren Gegner zu zeigen, dass man ihn nicht unterschätzt.

Doch es stimmt nicht. Es gibt sie nämlich noch, die Kleinen. Sie kommen dann zum Vorschein, wenn die Grossen ihre Trainingslager weit weg von der Heimat absolvieren und Dinge wie Mountainbiketouren oder Riverrafting auf dem Übungsplan ­stehen. Dann erinnert man sich wieder an sie, auf der Bühne des Europacups. Wer genau hinsieht, findet auch bekannte Gesichter.

Rosenborg Trondheim (NOR)

Die Wiederfindung

Er war der kommende Star, das dänische Juwel, mit 17 unterschrieb er bei Arsenal, um dann doch ganz schnell zum gefallenen Talent zu werden. Er bekam den Spitznamen «Lord», weil er mit einer Baronesse liiert war, und er verbrachte eine Nacht im Gefängnis, weil er mit 1,74 Promille im Blut durch Kopenhagen fuhr. Nicklas Bendtner hat mit seinen 30 Jahren schon viel erlebt. Als im Frühjahr 2017 Rosenborg Trondheim bei ihm ­anklopfte, wollte er das Angebot ­zuerst nicht annehmen. Aber er merkte, dass der Club an ihn glaubte. Und das taten in dieser Zeit nicht mehr viele.

«Das Problem war, dass ich zu einer Person wurde, die ich überhaupt nicht erkannte», erklärte er dem Magazin «11 Freunde». Er fand sich selbst wieder in Trondheim, weg von all dem Glamour, weg von all dem Lärm, am See beim Fischen mit seinen Teamkollegen. Er fand sich auch auf dem Fussballplatz wieder, ­wurde Torschützenkönig, schoss Rosenborg zum Meistertitel und in die Qualifikation zur Champions League, wo es auf Celtic Glasgow trifft.

Als er im Herbst 2017 sein Comeback in der dänischen ­Nationalmannschaft gab, hielten die Fans ein Banner hoch. «FRA LORT TIL LORD» stand da drauf. Aus Scheisse zum Lord.

Champions League. 2. Qualifikationsrunde: Rosenborg Trondheim - Celtic Glasgow morgen, 20.45. Hinspiel 1:3.

Spielte einst für Juventus: Nicklas Bendtner. Bild: Keystone
Spielte einst für Juventus: Nicklas Bendtner. Bild: Keystone

MOL Vidi (HUN)

Das Tankstellen-Team

Die Fans haben sich noch immer nicht erholt. Seit Anfang Juli hat ihr Team einen neuen Namen. Und was für einen. Der Videoton FC ist nicht mehr, neu spielt nun MOL Vidi im Sostoi Stadion im ungarischen Szekesfehervar. MOL, das steht für Magyar OLaj, den führenden ungarischen ­Mineralölkonzern. Club-Besitzer Istvan Garancsi versuchte, die Fans auf der Clubwebsite zu beschwichtigen: «Ernsthafte Pläne brauchen ernstes Geld», dafür brauche es einen grossen Sponsor. Und er will auch träumen lassen: «Die Chancen, die Gruppenphase zu erreichen, haben sich nun vergrössert.»

Doch die Fans konnte er nicht beruhigen. In den Foren wird wild diskutiert, «Was sind wir nun, ein Tankstellen-Team?», fragt einer. Und auch der ­gewünschte sportliche Erfolg lässt auf sich warten. In der Champions-League-Qualifikation schaute im Hinspiel gegen Ludogorez Rasgrad nur ein 0:0 heraus. Was dem Präsidenten helfen könnte? Ein Blick in die Vergangenheit. Denn was die Fans zu vergessen scheinen: Ihr Team hatte bereits einen Sponsorennamen. Videoton, der Name, den das Team seit 1968 trug, stammt von der gleich­namigen Elektronik-Firma.

Champions League. 2. Qualifikationsrunde: Ludogorez Rasgrad (BUL) - MOL Vidi, morgen 20.00 Uhr. Hinspiel 0:0.

Lilleström SK (NOR)

Der beleidigte Pokal

Die Freude war gross und der ­Jubel umso ausgelassener, als Lilleström im vergangenen Dezember den norwegischen Cup gewann. Der letzte Cupsieg lag schon 10 Jahre zurück, auf den nächsten Meistertitel warten sie im Osten Oslos schon seit 1989. Und das, obwohl Lilleström den norwegischen Rekord für die längste Zeit in der 1. Liga hält. Seit 1975 spielt das Team zuoberst mit.

Doch die Freude erlitt einen kleinen Dämpfer, denn der Verband schaltete sich nach der Feier ein. Der Grund? Lilleströms Verteidiger Aleksander Melgalvis zog sich in der Euphorie splitternackt aus und benutzte den Pokal, um seine Genitalien zu verdecken.

«Wir verstehen, dass so ein Cupsieg etwas Grosses ist», liess der Verband sehr diplomatisch verlauten, «aber das kann man auch in einer Art machen, die dem Pokal ein bisschen mehr Respekt entgegenbringt.» Der Pokal heisst in Norwegen Königspokal. «Vielleicht sollte ich mich beim König entschuldigen», meinte Melgalvis einen Tag später dann auch reuig.

Europa League. 2. Qualifikationsrunde: Lilleström - LASK Linz, Donnerstag, 18.30 Uhr. Hinspiel 0:4.

Dinamo Brest (BLR)

Der Heilsbringer ist da

Er kam nach Brest, wie es sich gehört für eine Person, die in ihrem Heimatland wie eine Gottheit verehrt wird: zuerst mit dem Privatflugzeug und dann in einer Art Monstertruck. Der weissrussische Nationalspieler Pavel Nechaytschik sagte: «Maradona in Brest? Das ist ja wie Gagarin im Weltall!» Ein Grossereignis, aber keine Utopie.

Denn er kam wirklich. Nach der WM fuhr Maradona bei Dinamo Brest ein, um seinen neuen Job anzutreten. Dinamo Brest war lange Mittelmass der weissrussischen Liga, bis Scheich Pol Daher aus den Emiraten den Club kaufte. Er macht sein Geld mit Traktoren, Lastwagen und Agrarprodukten, was wenigstens die kuriose Einfahrt Maradonas erklärt. Was aber immer noch unklar bleibt: Was genau macht Maradona eigentlich im Club?

Vorstandsvorsitzender soll er sein sowie für die Entwicklung des Vereins und die Koordination der Nachwuchsabteilung zuständig. Ob das gut kommt? Die Fortsetzung folgt bestimmt.

Europa League. 2. Qualifikationsrunde: Atromitos (GRE) - Dinamo Brest, Donnerstag 19.15 Uhr, Hinspiel 3:4.

FC Alaschkert (ARM)

Meister am grünen Tisch

Der Fall in der armenischen Liga schien eigentlich klar. Eine Runde vor Schluss lag der FC Schirak Gjumi um drei Punkte in Führung. Doch dann kam alles anders. Einen Tag vor der letzten Runde gab der Verband bekannt, dass er Schirak 12 Punkte abzieht. Ararat Harutyunyan, der Sportchef von Shirak, war des Betrugs überführt worden.

Im Mai hatte er sich vor dem Spiel gegen Jerewan Banants mit Edward Kpodo in seinem Auto verabredet. Harutyunyan gab ihm 1000 Dollar, 4000 mehr sollten folgen. Der Verteidiger von Jerewan sollte dafür nur eines tun: schlecht spielen. Stattdessen ging dieser direkt zur Clubführung, die meldete es der Liga, und ­Schirak war seine Punkte los.

So wurde Alaschkert Martuni zum dritten Mal in Folge armenischer Meister. Die 1000 Dollar behielt Kpodo übrigens, der Sportchef habe ihm sowieso noch Geld geschuldet.

Europa League. 2. Qualifikationsrunde: Alaschkert - FK Sutjeska (MNE), Donnerstag, 17 Uhr. Hinspiel 1:0.

FC Midtjylland (DEN)

Fussball ist Mathematik

Karl-Heinz Rummenigge wetterte einst: «Fussball ist keine Mathematik!». Ein kleiner Club in Dänemark straft ihn seit Jahren Lügen. Der FC Midtjylland berechnet seit 2014 sowohl seine Transfers als auch seine Taktik – und hat damit grossen Erfolg. Ende der vergangenen Saison feierte er den zweiten Meister­titel seiner Geschichte.

Midtjylland hatte schon immer den Ruf, innovativ zu sein. Als erster dänischer Verein gründete er 2004 eine Fussballschule. Als der Club 10 Jahre später vor dem Konkurs stand, sprang der Engländer Matthew Benham als Geldgeber ein. Doch er stellte eine Bedingung: In Midtjylland soll künftig gerechnet werden.

Und so geschah es. Wenn der Algorithmus stimmt, wird bei der Verpflichtung eines neuen Stürmers gerne einer aus der 2. Bundesliga einem aus der Premier League vorgezogen. Und der Trainer erhält bei jedem Spiel in der Halbzeit eine Analyse zugeschickt. Sie zeigt ihm auf, wo der Gegner Schwächen hat und wie am besten Tore erzielt werden.

Seit Benham bei Midtjylland eingestiegen ist, spielt der Club jedes Jahr im Europacup. In die Gruppenphase schaffte er es aber nur einmal, in der Saison 2015/16. Aber auch dafür gibt es eine ­logische Erklärung: Bei K.-o.-Spielen ist der Zufallsfaktor viel grösser als über eine ganze Saison gerechnet.

Champions League. 2. Qualifikationsrunde: Midtjylland - Astana (KAS), heute, 19 Uhr. Hinspiel 1:2.

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