YB muss ruhig bleiben im Hexenkessel

Die feurige Ambiance am Dienstag in Belgrad kümmert YB-Trainer Gerardo Seoane nicht gross.

Die «Hölle von Belgrad»: Das Marakana-Stadion 2012 beim Derby zwischen Roter Stern und Partizan Belgrad.

Die «Hölle von Belgrad»: Das Marakana-Stadion 2012 beim Derby zwischen Roter Stern und Partizan Belgrad.

(Bild: Srdjan Stevanovic/Getty Images)

Fabian Ruch

Belgrad ist bereit. Die Fussballstadt fiebert dem Rückspiel des Champions-League-Playoff am Dienstagabend gegen YB entgegen. Als der Vorverkauf losging, bildeten sich lange Schlangen, auf die Young Boys wartet ein Auftritt in unangenehmer, einschüchternder Ambiance. Als «Hölle von Belgrad» bezeichnet der Boulevard das Marakana-Stadion, und wer sich ein paar Bilder von Roter-Stern-Heimspielen der letzten Jahre anschaut, wird dieser Bezeichnung womöglich zustimmen.

Im 141. Belgrader Derby im Herbst 2012 gegen Partizan (0:2) beispielsweise artete der Pyro-Exzess der Anhänger total aus, Gästekeeper Vladimir Stojkovic wurde nach dem Einspielen mit Knall- und Leuchtpetarden regelrecht eingedeckt. Er blieb unverletzt, die Begegnung wurde tatsächlich angepfiffen und ständig wegen Pyro-Raketen-Würfen aufs Feld unterbrochen.

Immer wieder muss Roter Stern wegen solcher Szenen Heimspiele vor leeren Rängen austragen, der Club steht unter Dauerbeobachtung des Europäischen Fussballverbandes.

Die Lockerheit des Trainers

Die Young Boys haben in den letzten Jahren einige Partien in Städten mit fanatischen An­hängern ausgetragen, sie waren in Istanbul und Kiew, in Belgrad (bei Partizan) und letztes Jahr in Zagreb. Vielleicht wird das Er­lebnis eine neue Dimension erreichen. Wer gesehen hat, wie unsportlich und aggressiv Teile des Roter-Stern-Anhangs rund um das Hinspiel in Bern vorgegangen sind, konnte nur mit dem Kopf schütteln. Würden sich Berner Supporter in Belgrad so verhalten, möchte man nicht wissen, was mit ihnen passiert.

Aufgeheizt wird das Playoff von den serbischen Medien, die es meisterhaft verstehen, mit ihrer Alle-immer-gegen-uns-Berichterstattung für Empörung bei der Leserschaft zu sorgen.


In der neusten Folge des BZ-Podcasts «Rede wi druckt» spricht Sportredaktor Fabian Ruch über Erinnerungen – er berichtete schon 2004 aus Belgrad –, Einschätzungen und Erwartungen an das Rückspiel in der Hauptstadt Serbiens:


Bange aber ist dem Schweizer Meister vor dem Auftritt im Marakana nicht. «Am Ende ist es ein Fussballspiel», sagt Gerardo Seoane. «Elf gegen elf, es gibt einen Schiedsrichter, wir haben den Videobeweis, für unsere Sicherheit ist gesorgt.» Der YB-Trainer ist in diesen Wochen ausgesprochen locker, er ruht in sich, auch nach dem 2:2 im Hinspiel im Stade de Suisse. Der starke Auftritt seines Teams hat Seoane gefallen, er kann auch in dieser Saison mit rundum re­noviertem Kader und trotz erheblicher Verletztenliste Personal und System mixen, ohne dass YB vom Erfolgsweg abbiegt.

Nun folgt in Belgrad aber die ultimative Prüfung für die Young Boys. Der Trainer vermittelt einen selbstbewussten, relaxten Eindruck, am Freitag im Abschlusstraining vor dem Heimspiel gegen Zürich (4:0) serviert er Offensivspielern beim Torschuss mit links und mit rechts präzise Pässe, später im Gespräch lässt er überhaupt kein Zeichen von Anspannung er­kennen. «Wir wissen, dass wir in Belgrad bestehen können», sagt Seoane, «das ganze Drumherum interessiert uns nicht.» Seine Fussballer sollen, meint er einmal, die Begegnung auch ge­niessen. «Es geht um viel, das macht den Reiz des Spiels aus.»

Bei YB ist in den letzten Jahren der Glaube an die eigenen Fähigkeiten gewachsen. Und so reagiert Seoane auch gelassen auf den möglichen Vorteil des Gegners, weil die serbische Liga die Partien von Roter Stern und Europa-League-Playoff-Teilnehmer Partizan (2:1 im Hinspiel zu Hause gegen Molde) am Wochenende kurzerhand verschob – damit sich die zwei Vorzeigeclubs perfekt auf die Rückspiele vorbereiten können. «Ob das besser für den Gegner ist, wird man am Dienstag sehen», sagt Seoane. «Speziell finde ich einzig, dass es keine Regeln gibt, wie die Ligen das handhaben sollen.»

«Es geht um Fussball»

Morgen Abend sind die Regeln klar: Nach 90 Minuten, vielleicht 120 Minuten, spätestens nach dem Elfmeterschiessen werden die Young Boys wissen, ob sie wie letztes Jahr in der Champions League stehen. Vor zwölf Monaten gelang ihnen der Coup mit dem 2:1 bei Dinamo Zagreb, einer Mannschaft, die insgesamt einen leicht stärkeren Eindruck als Roter Stern hinterliess. «Ich finde beide Teams etwa gleich stark», sagt Seoane. «Zagreb war sicher spielfreudiger, hatte einige kleine, wendige Fussballer. Belgrad ist dagegen physisch enorm stark, hat aber auch tolle Fussballer wie Marko Marin.» Und sowieso, erklärt der Trainer, am wichtigsten sei, dass sich YB auf die eigenen Stärken besinne: «Entschlossenheit, Mentalität, Solidarität, Konzentration.»

Auf die ganz gewiss beeindruckende Atmosphäre am Dienstag im ausverkauften Marakana werden sich die Young Boys in vielen Gesprächen, aber nicht mit speziellen Massnahmen vorbereiten. Gerardo Seoane sagt: «Es geht um Fussball. Wir müssen besser spielen als Roter Stern.»


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

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