Zu hoch geflogen, aber gut genug für die WM

Die Schweiz ist nicht so stark, wie die Nationalspieler dachten – und die Fussballnation gerne glaubte. Aber trotz des ernüchternden Auftritts in Portugal ist sie gut genug für die WM.

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Gladbach, Juventus, Antalyaspor, La Coruña, Milan, Atalanta, Arsenal, Stoke, Montreal, Leverkusen, Benfica: Das sind die Arbeitgeber der elf Nationalspieler, die am Dienstagabend in Lissabon in der Schweizer Startaufstellung figurierten.

Die Spannbreite reicht von Juventus bis Montreal, mit grösstenteils international drittklassigen Vereinen, in der Champions League ist in diesem Herbst nur Haris Seferovic engagiert.

Der Angreifer hat seinen Stammplatz bei Benfica verloren, jenem Benfica, das bei Basel kürzlich 0:5 unterging. Stephan Lichtsteiner ist bei Juventus nicht gemeldet, Königsklasse-Stammgast Arsenal mit Granit Xhaka hat sich für einmal nicht qualifiziert.

Goldene Generation?

Zur Topkategorie der Fussballer, der Weltklasse, gehört kein Nationalspieler. Xhaka ist auf dem Weg dahin, Lichtsteiner, Goalie Yann Sommer, Ricardo Rodriguez und manchmal Xherdan Shaqiri verkörpern international gehobene Qualität. Das ist nicht mal die Hälfte des Teams.

Und in grossen Spielen verliert die Schweiz immer noch.

So nüchtern kann man die Realität betrachten. Aber auch andere Fakten stimmen. Zum Beispiel die Spitzenplatzierung der Schweiz in der Fifa-Weltrangliste, im Sommer lag sie mal sogar auf Rang 4, derzeit ist sie Siebte. Das Nationalteam hat an der Euro 2016 Gastgeber Frankreich Paroli geboten (0:0), war im Achtelfinal gegen Polen die bessere Mannschaft, schlug vor einem Jahr Europameister Portugal 2:0, gewann bis vorgestern über ein Jahr jede Partie.

Sie besitzt eine vielleicht goldene Generation im besten Fussballeralter, die von sich überzeugt ist, mit Mitgliedern, die 2009 U-17-Weltmeister wurden. In der neu gegründeten Nations League der Uefa gehört die Schweiz zu den 12 besten Teams Europas. Auch das darf ein Beleg sein für ihre Stärke.

Zu hoch geflogen

Man kann weitere Argumente finden, dass die Nationalmannschaft zu den 10–15 stärksten Ländern der Welt gehört – oder eben doch nicht. Fakt ist: In Portugal landete sie hart in der Realität. Sie ist nicht so stark, wie die Spieler gedacht hatten – und die Fussballschweiz gerne geglaubt hatte. Die Selbsttäuschung ist aufgeflogen, in etwas mehr als 90 deprimierenden Spielminuten, in denen die Schweiz alles vergessen hatte, was sie auszeichnen sollte.

Die Stabilität, die Spielfreude, den Vorwärtsdrang. Sie spielte wie ein Aussenseiter, der den Schaden in Grenzen halten wollte, schlug die Bälle bald planlos und hoch und weit nach vorne.

Das war die grösste Enttäuschung am Auftritt der Schweizer, der fehlende Mut und der fehlende Glaube an die eigenen Fähigkeiten. Die Aussage des Trainers Vladimir Petkovic, seine Mannschaft sei unfähig, auf Unentschieden zu spielen, erwies sich als glatte Erfindung.

Wobei: Ein Unentschieden hätte die Schweiz mit dieser Leistung in der Tat niemals erreichen können. Sie war mit der 0:2-Niederlage nach erschreckend mutloser Darbietung bestens bedient.

Es ist ein schmaler Grat ­zwischen Selbstvertrauen und Selbstüberschätzung. Yann Sommer träumt vom WM-Titel, Granit Xhaka vom Halbfinal, Xherdan Shaqiri verteilt allen Nationalspielern das Prädikat «Weltklasse». An diesen Voten werden die Akteure gemessen.

Der Rückschlag in Lissabon stutzt der zu hoch geflogenen Auswahl die Flügel, sie ist weit entfernt von den Branchenriesen. Das ist nicht verwunderlich, die Schweiz ist eine kleine Nation, die Entwicklung der Auswahl ist immer noch fantastisch, an guten Tagen ist sie in der Lage, Topteams wie Frankreich, Portugal, Argentinien zu schlagen – oder mindestens zu fordern.

Die Siegesserie gegen kontinentale Habenichtse allerdings hat manche blind gemacht bei der Beurteilung der Stärke.

WM-Teilnahme verdient

In den WM-Playoffs warten bessere Mannschaften als Ungarn und Andorra, Färöer und Lettland. Aber schwächere als Portugal. Die vier möglichen Gegner haben in der WM-Qualifikation acht Punkte weniger geholt als die Schweiz, allerdings in aus­geglichener und besser besetzten Gruppen.

Petkovics Team ist gegen Schweden und Griechenland und erst recht gegen Irland und Nordirland favorisiert – und hat die WM-Teilnahme verdient.

Daran ändert eine missglückte Vorstellung auswärts beim stolzen Europameister nichts. (Berner Zeitung)

Erstellt: 12.10.2017, 06:10 Uhr

Spitzenwert am TV

Das WM-Qualifikationsspiel Portugal - Schweiz (2:0) bescherte dem Schweizer Fernsehen Spitzenwerte. Im Schnitt sassen am Dienstagabend 1,091 Millionen Zuschauer vor dem Bildschirm, was einem Marktanteil von 57,7 Prozent entspricht. Der Spitzenwert betrug 1,211 Millionen. sda

Stimmen zum Spiel

Vladimir Petkovic (Trainer): «Wir ­waren zu passiv, haben zu wenig Bewegung nach vorne provoziert. Am Ende waren wir zu wenig mutig. Wir haben einen kleinen Schritt rückwärts gemacht. Wegen diesem Spiel ist aber nicht alles schlecht.»

Yann Sommer: «Wir hatten am Anfang zu viel Respekt, zu viele Ballverluste. Und wir spielten auch keine Torchance heraus. Ohne zwingende Torchance wird es schwierig.»

Fabian Schär: «Das 0:1 fiel zu einem bitteren Zeitpunkt. Wir hatten bis zum Gegentor das Spiel im Griff. Gleichwohl: Wir haben nicht das gezeigt, was wir zeigen wollten.»

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