Rastlos bis zur Zwangspause

Bei Wacker fallen die Spieler gleich reihenweise aus. Zufall ist das nicht.

Fällt wegen eines Krezbandrisse bis im Frühling aus: Ron Delhees.

Fällt wegen eines Krezbandrisse bis im Frühling aus: Ron Delhees.

(Bild: dat)

Kennen Sie den schon? Ein Thuner und ein Ostschweizer sitzen auf der Couch, sie gucken Handball. Die Nationalmannschaft spielt gerade gegen Serbien in der EM-Qualifikation. Fragt der Ostschweizer ketzerisch: «Wo finde ich Wacker-Akteure?» Antwortet der Thuner: «Im Telegramm unter ‹Bemerkungen›.»

Zu Scherzen aufgelegt sind die Direktbeteiligten nicht. Die Lage – sie ist zunehmend ernst. Regisseur Nicolas Raemy, Meisterschütze Luca Linder, Captain Jonas Dähler, Champions-League-Topskorer Ron Delhees, der aufstrebende Damien Guignet: Alle sind sie verletzt. Torhüter Marc Winkler ist gerade fit geworden, genauso wie Stefan Huwyler, der sich mit Schulterproblemen herumschlägt. Vorkämpfer Reto Friedli hinkte im Cupachtelfinal vor zwei Wochen, soll aber einsatzfähig sein.

Laut Cyril Dähler entstehen Verletzungen immer dann, wenn die Belastung die Belastbarkeit übersteigt. Und die Berner Oberländer seien gegenwärtig ungemein gefordert. Coach Martin Rubin stimmt dem Physiotherapeuten zu, wenn er sagt: «Das Programm, das wir bewältigen müssen, ist extrem. Auch als Trainer stösst du da an Grenzen.»

Verletzungen erleiden Wacker-Akteure nicht exklusiv. Mit Nikola Karabatic muss gerade der bekannteste Handballer auf Erden pausieren. Der dichte Kalender ist global ein Dauerthema. Gespielt wird eigentlich immer ausser im Hochsommer; da aber gilt es sich auf die bevorstehende Saison vorzubereiten. In Ligen wie der hiesigen sind die kurzen Pausen erst recht ein Problem, handelt es sich bei den Spielern doch in den seltensten Fällen um Profis.

Arbeiten statt schlafen

Dähler gehörte kürzlich an den Olympischen Jugendspielen in Argentinien zur Schweizer Delegation. Vom langjährigen Weltklasseleichtathleten Felix Sanchez erfuhr er da, dass dieser während seiner Aktivzeit stets neun bis zehn Stunden geschlafen hatte pro Nacht. Das beeindruckte den Physiotherapeuten. Die zu seinen Klienten zählenden Thuner Handballer dürften eher nicht zu ganz so viel Schlaf gelangen. Bestreiten sie am Mittwochabend in der Ostschweiz eine Partie, gehen sie am Donnerstagmorgen grossteils zur Arbeit oder an die Universität.

Dähler sagt, der Club sei nun mal nicht in der Lage, Gehälter zu bezahlen, die es den Spielern ermöglichen würden, im Beruf kürzerzutreten. Also würden zwangsläufig Abstriche gemacht. Die Professionalität habe in den letzten zehn Jahren aber deutlich zugenommen. Luft nach oben herrsche etwa in den Bereichen Ernährung und Regeneration, wenngleich sich viele Akteure auch hier sehr seriös verhielten.

13 Ernstkämpfe bestritt Wacker im ersten Saisonviertel, 5 davon in der Champions League. Dazu, von einer Teilnahme an der Königsklasse abzusehen, rät Dähler den Thunern nicht. «Das wäre ein schlechtes Signal. Wir würden an Attraktivität einbüssen.» Sie müssten andere Wege finden, die Belastung zu reduzieren. Ein Rezept könne sein, vermehrt im aeroben statt im anaeroben Zustand zu trainieren: nicht an die Grenzen zu gehen und sich dennoch zu bewegen. Schliesslich sei in Bezug auf die Übungseinheiten die Qualität, nicht die Quantität entscheidend.

Der Thuner, der mit dem Ostschweizer Handball guckt, wird also möglicherweise schon bald nicht mehr in der Defensive sein. Bis dahin verweist er am besten auf den Berner Oberländer Lenny Rubin, der zuletzt gross aufspielte. Dass der langjährige Wacker-Akteur bis vor kurzem gleichfalls verletzt war, war dann vielleicht doch ein böser Zufall.

Berner Zeitung

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