Der SCB steht vor einer vierfachen Herausforderung

Sportredaktor Reto Kirchhofer darüber, wie es beim SC Bern nach dem dritten Meistertitel innert vier Saisons weitergehen soll – oder muss.

Zwei vom starken Kern: Andrew Ebbett (l.) und Eric Blum.

Zwei vom starken Kern: Andrew Ebbett (l.) und Eric Blum.

(Bild: Keystone)

Reto Kirchhofer@rek_81

Drei Sekunden vor Schluss bricht der Vulkan der Emotionen aus. Nie in dieser Saison ist es in der Postfinance-Arena so laut wie jetzt, nachdem der SC Bern den Puck aus der eigenen Zone bugsiert hat. In diesem Moment weicht am Ostersamstag beim Anhang die Anspannung der Erleichterung. Der SCB gewinnt 2:1. Hockeybern feiert die 16. Meisterschaft, Hockeybern feiert den dritten Titel innert vier Saisons.

Vor der Erlösung war die Halle voller Zweifel. Weil Zug drückte. Und weil der Zweifel beim Berner Anhang ein steter Begleiter war, notabene in einer Saison, die zweifelsfrei kaum erfolgreicher hätte sein können. Bern gewann zum dritten Mal in Folge die Qualifikation. Bern wuchs im Playoff an Schwierigkeiten. Bern dominierte den Final gegen Zug mit 4:1 Siegen.

Der Triumph des SCB ist ein Triumph des Willens. Die Mannschaft war nicht stärker besetzt als Biel im Halbfinal und Zug im Final, aber die Exponenten waren stärker im Kopf. Die ausgeprägte Siegermentalität, das Wissen, im entscheidenden Moment bereit zu sein: In diesem Punkt hob sich die Berner Equipe von der Konkurrenz ab. Die Basis bildet ein starker Kern an Führungsspielern, die wissen, wie man gewinnt. Elf Spieler des Meisterjahrgangs haben bereits 2016 und 2017 triumphiert.

Die Mannschaft hat im Playoff ein Zeichen gesetzt – gegenüber der Konkurrenz, dem eigenen Anhang, dem Umfeld des Clubs. In Bern grassierte das Gefühl der Sättigung. Die Lücken auf der Stehrampe waren so gross wie seit Jahren nicht mehr. Selbst im Playoff war nur die Hälfte der Heimspiele ausverkauft. Verwöhnt vom Erfolg, versteifte sich das Umfeld auf Diskussionen über Luxusprobleme: Kontrolle, System und Langeweile sind die Stichworte. Trainer Kari Jalonen stand im Zentrum der Kritik. Der Betreff «Kari raus!» hatte im Fanforum über 7000 Zugriffe. Nun ist der Finne der erfolgreichste Coach in der SCB-Geschichte seit der Ära Bill Gilligans, als Bern und Lugano der Konkurrenz spielerisch sowie finanziell weit überlegen waren. Umso höher sind die jüngsten Erfolge einzustufen.

Jalonen ist ein Perfektionist, kompetent, erfolgreich – aber auch stur, unnahbar. Er coacht, als gäbe es kein Morgen, forciert seine besten Kräfte ungeachtet dessen, ob das nächste Spiel einen Tag oder eine Woche später ansteht. Weil er jede Partie gewinnen will. Der Erfolg gibt ihm recht. Wer von den jüngeren Spielern die Herausforderung annimmt und durch die «Jalonen-Schule» geht, der ist danach bereit für die Hockeywelt. André Heim und Yanik Burren wissen Bescheid. Als der SCB im Playoff unter der Berechenbarkeit seines Systems litt, erwies sich Jalonen als anpassungsfähig.

Der Trainer wird auch in der kommenden Saison Stabilität garantieren. Dass er ein Angebot aus der KHL annimmt, ist unwahrscheinlich – zumal der Finne mit rund 600'000 Franken Jahreslohn auch in Bern nicht für ein Butterbrot arbeiten muss. Das nächste Jahr wird für alle zur ultimativen Herausforderung. Die Ansprüche werden nach dem 16. Titel nicht sinken. Und trotz gutem Playoff darf nicht ausgeblendet werden, dass die Substanz des Kaders zuletzt sanft erodiert hat, die Zuzüge in der abgelaufenen Saison in der Qualifikation über weite Strecken enttäuschten, sofern sie überhaupt Eiszeit erhielten.

«Die Losung bei der Zusammenstellung des Kaders ist klar: Charakter über Talent. Doch die spielerische Klasse darf nicht zu kurz kommen.»

Die Losung bei der Zusammenstellung des Kaders ist klar: Charakter über Talent. Nur muss Sportchef Alex Chatelain aufpassen, dass die spielerische Klasse nicht zu kurz kommt. Techniker Gaëtan Haas zieht es nach Nordamerika. Inti Pestoni ist ein Risikotransfer. Vincent Praplan wägt ab, ob er in Nordamerika bleiben oder bereits in Bern spielen will. Spielerische Klasse ist auch verbunden mit Attraktivität. Und der SCB muss eine attraktive Adresse bleiben, zumal er mit Leonardo Genoni den besten Torhüter der Liga verliert. Die Konkurrenz lockt mit Geld und Perspektiven. Der SCB hat keinen Mäzen. Damit sein Geschäftsmodell funktioniert, braucht er zufriedene Kunden. Für deren Zufriedenheit bedarf es einer attraktiven, erfolgreichen Mannschaft. Um diese zu finanzieren, muss das Geschäftsmodell funktionieren.

Die Verantwortlichen stehen vor einer vierfachen Herausforderung: Es gilt erstens den beschriebenen Kreislauf in Bewegung zu halten. Zweitens den Umbruch im Kader zu moderieren – über ein Dutzend Verträge laufen im Frühling 2020 aus. Drittens neue Geschäftsfelder zu erschliessen – das Geschäftsmodell (Quersubventionierung durch Gastronomie) stösst an Grenzen. Und viertens den Trainer der Zukunft zu finden. Es scheint beschlossene Sache zu sein, dass Jalonen den SCB spätestens nach Ablauf des Vertrags im Sommer 2020 verlassen wird.

Berner Zeitung

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