Der verlorene Sohn trifft, Bern gewinnt

Eishockey

Inti Pestoni ist beim SC Bern der Mann des Moments. Aus den letzten drei Ernstkämpfen totalisiert er sieben Punkte. Ausgerechnet beim Sieg gegen Ambri gelang ihm ein Tor.

Der Spieler mit Ambri-Herz trifft ins Eck und damit ins Ambri-Herz: Inti Pestoni bezwingt Daniel Manzato zum 3:1.

Der Spieler mit Ambri-Herz trifft ins Eck und damit ins Ambri-Herz: Inti Pestoni bezwingt Daniel Manzato zum 3:1.

(Bild: Pablo Gianinazzi (Keystone))

Reto Kirchhofer@rek_81

Es hängt noch immer an bester Lage, neben dem Eintritt zur Gaststube des Ristorante La Montanara: das Ambri-Trikot von Inti Pestoni mit der Nummer 18. Unterschrieben und eingerahmt.

600 Meter von der Valascia entfernt pflegen sich die Ambri-Anhänger bei einer Pizza auf die Spiele einzustimmen. Der Pizzaiolo, ein Meister seines Fachs, trägt am Dienstag ein weisses Poloshirt mit Ambri-Logo. Er blickt in den Holzofen, danach zum Leibchen an der Wand, sagt: «Nein, nein. Wir nehmen es Inti nicht übel, hat er uns verlassen – er spielt ja nicht für Lugano.»

Nicht alle in Ambri teilen diese Meinung. Pestoni galt als Symbolfigur des Clubs. Er wuchs unmittelbar neben der Eishalle auf. Die Grosseltern und die Eltern besuchten jedes Spiel. Der Vater arbeitete auf der Geschäftsstelle des HCAP, die Mutter im Fanshop. Inti durchlief alle Juniorenstufen. Er hatte auch als Fussballer Talent. Mit 11 Jahren kam ein Angestellter des FC Bologna zur Familie und beschied den Eltern, er werde den Buben mitnehmen und zum Fussballprofi machen. «Meine Mutter sagte: ‹Keine Chance, Inti bleibt hier›», erinnert sich Pestoni.

Mamma Mia, Inti trifft

Auch er konnte sich während Jahren nicht vorstellen, Ambri zu verlassen. Als er doch ging, 2016 in Richtung ZSC Lions, war das schwierigste Gespräch jenes mit seiner Mamma Maria. «Für sie war es das Grösste, mich für Ambri spielen zu sehen. Ich erklärte ihr, ich ginge weg, um in der Karriere einen Schritt nach vorne zu machen.» Die Mutter sagte ihm, sie könne dann nicht ins Stadion kommen, wenn er für den Gastclub in der Valascia spiele. Die Grossmutter hingegen meinte, sie würde seine Tore auch gegen Ambri bejubeln.

Am Dienstagabend waren sie beide in der Halle, Grossmutter und Mutter, als Pestoni erstmals mit dem SC Bern in der Leventina spielte. Ob die Nonna kurz vor der ersten Pause tatsächlich aufsprang und klatschte, ist nicht bekannt. Grund dazu hätte sie gehabt. Pestoni traf zum 3:1. Auf einen ausgiebigen Jubel verzichtete der verlorene Sohn. Am Ende setzte sich der SCB 5:2 durch. Pestoni sagt: «Es wird immer speziell sein, in dieser Halle zu spielen.»

Schlegel hält Bern im Spiel

Die Eltern des Flügels sind längst nicht mehr für Ambri tätig. «Es gab für sie ein paar Probleme nach meinem Abgang. Einige hatten Mühe damit», sagt Pestoni.

Mühe bekundete gestern vorerst auch der SCB. Ambri hatte die Schwächen des Meisters punkto Verhalten in der eigenen Zone studiert. Jedenfalls setzten die Spieler von Coach Luca Cereda den Gegner sofort unter Druck, provozierten Fehler, dominierten. Torhüter Niklas Schlegel war von Beginn weg auf der Höhe seiner Aufgabe: Er hielt Puck um Puck und sein Team im Spiel. Mit 11:2 Torschüssen führte Ambri nach sieben Minuten. In der relevanten Statistik aber lag Bern dank Calle Andersson 1:0 vorne.

Ebendieser Andersson vertändelte einen Moment später bei einem Linienwechsel die Scheibe, Marco Müller profitierte. In der Folge fand der Gast den Zugriff aufs Spiel. Mark Arcobello verpasste nach einem Pestoni-Querpass, Vincent Praplan lenkte einen Schuss Eric Blums erfolgreich ab, und Pestoni gelang aus dem Slot das 3:1. Beim vierten Tor durch Tristan Scherwey hatte der Einheimische ebenfalls den Stock im Spiel.

Meisterträume, Vaterfreuden

Pestoni totalisiert aus den letzten drei Ernstkämpfen sieben Punkte. Das ist Balsam für den sensiblen Flügel nach seinem schwachen Meisterschaftsstart. «Ein paar Spiele waren okay – aber viel zu wenig gemessen an dem, was die Leute in Bern zu Recht von mir erwarten.»

An guten Tagen ist der Tessiner (28) einer der spektakulärsten Stürmer auf Schweizer Eis. Was ihm fehlt, ist die Konstanz. Pestonis Ziel ist klar: Er will seinen zweiten Meistertitel gewinnen, zum Erfolg dieses Mal aber mehr beitragen als beim Titel mit dem ZSC 2018: Damals verfolgte er das entscheidende Spiel als Überzähliger im Teambus am Fernseher.

Nach einem wenig erfolgreichen Abstecher nach Davos liebäugelte er mit der Rückkehr nach Ambri. Die Eltern frohlockten, sagten dem Sohn, er solle bitte nach Hause kommen. Dann kam das Angebot aus Bern: «Ich wusste: Diese Chance muss ich packen.» Es dürfte seine letzte in einem Spitzenteam sein.

Wobei die Berner diesem Label erst wieder gerecht werden müssen. Am Freitag folgt in Biel eine harte Prüfung. Womöglich wird sie der Meister ohne Pestoni in Angriff nehmen müssen. Spätestens am Freitag wird er zum zweiten Mal Vater. «Es kann jederzeit losgehen», sagt er. Gestern war Pestoni auf Abruf bereit.

Zum Glück für den SCB lässt sich das Töchterchen Zeit.

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