«Und dann sollst du den Lebensstandard runterschrauben»

Sven Ryser war ganz weit oben im Sport. Jung, gut verdienend, beliebt. Dann plötzlich ist Schluss. Was war los?

Die Arbeit mit Holz als neuer Mittelpunkt: Ryser hat mit 27 genug vom Eishockey-Business. Foto: Michele Limina

Die Arbeit mit Holz als neuer Mittelpunkt: Ryser hat mit 27 genug vom Eishockey-Business. Foto: Michele Limina

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«Nacht-Chneblä», sagt Sven Ryser. Und als er von seinem Gegenüber bloss einen fragenden Blick erntet, gehen seine Augenbrauen hoch, weitet sich sein Mund. Er lacht, hebt die Hände – weil, Mann, ist doch klar: «Nacht-Chneblä! Mit Kollegen, auf dem offenen Eis, wenn es schon so dunkel ist, dass du fast nichts siehst. So schön! Darum habe ich mit Eishockey angefangen.»

Ryser hat die zwei mit Abstand besten Saisons seines Lebens hinter sich. Nach dem Wechsel zu Lausanne wurde der Zürcher erstmals ein Leistungsträger. Als Torschütze zuletzt die Nummer 2 der Mannschaft, den besten Vertrag der Karriere in der Tasche, erste Aufgebote für die Nationalmannschaft – welch ein Kontrast zu sieben teilweise schwierigen Jahren zuvor beim ZSC und in Davos.

Kein Wunder, schwärmt er, als das Gespräch sich wieder ums Eishockey dreht. Bloss: Ryser spielt nicht mehr. Er hat im Sommer die Karriere beendet. Trotz Vertrag bis 2019 – mit 27, im besten Alter, topfit. Und die Eishockeyfans fragen sich: Warum nur?

Parkettböden und Wände

«Rücktritt aus persönlichen Gründen.» Das Kommuniqué des Lausanne HC anfangs Juni las sich kurz. Ryser mochte nicht weiter erläutern. Auch fast drei Monate später bat er zunächst um Bedenkzeit. Eigentlich wolle und müsse er seine Gedanken nicht in die Welt hinaustragen, nun, da er nicht mehr spiele.

Ryser ist mit über 1,90 Metern immer noch dieselbe imposante Erscheinung wie als Profi. 

Und jetzt, knapp zwei Wochen danach, sitzt er an einem warmen Spätsommerabend in einem Strassencafe in Bülachs Altstadt und doziert über … Parkettböden und Wände.

Viele Hüte

Ryser entschuldigt sich für die von getrockneter weisser Farbe gezeichneten Hände, er ist hergeeilt von seinem Haus, das er renoviert. Das ist nur eine von mehreren regelmässigen Nebenbeschäftigungen. «Ich trage viele Hüte momentan», sagt Ryser.

Er ist, und das ist einer der Gründe, warum er nicht mehr Eishockey spielt, ins Bodenleger-Geschäft seines Vaters eingestiegen. Und er ist wissbegierig. Er wolle das Handwerk, aber auch die Business-Seite lernen, sagt Ryser: «Das Ziel ist, irgendwann meinen Vater zu entlasten, das Geschäft auch führen zu können.»

Stürmer beim Lausanne HC, Sven Rysers letzte Station als Profi:

Rysers Tage sind lang, um halb fünf verlässt er jeden Morgen das Haus, um vor der Arbeit noch genug Zeit für Kraft- und Ausdauertraining zu haben. Das brauche er einfach, sagt er.

Ryser ist mit seinen über 1,90 Metern und knapp 100 Kilogramm immer noch dieselbe imposante Erscheinung wie als Profi. Sein Eifer im Kraftraum galt schon immer als vorbildlich, diese Episode aus Davoser Zeiten ist sinnbildlich: Als er vor dem Champions-League-Spiel in Skelleftea kurz vor Spielbeginn als Überzähliger vom Matchblatt gestrichen wurde, mussten ihm die Betreuer des schwedischen Clubs umgehend den Schlüssel für das Fitnesscenter im Stadion auftreiben – Ryser wollte lieber trainieren statt das Spiel schauen.

Der Spass war sein Ernst

Der Rücktritt überrascht vielleicht Fans, nicht aber das nähere Umfeld Rysers. In Eishockeykreisen galt er hin und wieder auch mal als Sonderling, Als er vor ein paar Jahren in einem Interview sagte, er werde mit dem Eishockey aufhören, sobald er keinen Spass mehr habe, taten das viele als eine Floskel ab.

Über sich selbst sagt Ryser: «Ich habe nie das gemacht, was die Leute erwartet haben.» Und ja, das mit dem Spass, das sei Ernst gewesen. «Es war ein längerer Prozess, durchdacht, nicht überstürzt», sagt Ryser. «Für mich stimmten viele Dinge nicht mehr.»

Vieles ein Widerspruch

Ryser spricht vom Business im Eishockey. Von den Momenten, sobald es ums Geld gehe. Geld, das Leute verändern könne. «Vieles ist da im Widerspruch zu meinen Werten. Integrität und Ehrlichkeit sind mir wichtig: einander in die Augen schauen zu können, zu Fehlern stehen, keine Versprechen brechen, nicht hinten herum reden.» Weiter in diesem Business zu bleiben, wäre für ihn zum Widerspruch geworden, sagt Ryser.

Und vielleicht war auch ein wenig die Angst da, aus dieser Blase des Spitzensportlers nicht früh genug herauszufinden. «Als junger Spieler verdienst du eigentlich zu viel Geld für dein Alter, bist mit Leuten zusammen, die ebenfalls relativ hohe Löhne haben», sagt Ryser.

«Und nach der Karriere, wenn du aus diesem ‹Tunnel› ausgespuckt wirst, sollst du funktionieren. Eine Wohnung suchen, einen Lebenslauf schreiben, dich für einen Job bewerben, den Lebensstandard herunterschrauben. An all das hast du zuvor kaum je einen Gedanken verschwendet, hast alles ausgeblendet, weil es ja fast alle so tun. Ja, das kann Angst machen.»

Den Jakobsweg begehen

Nun freut er sich auf Langersehntes: «Es gab immer schon so vieles neben dem Eishockey, das ich spannend finde. Ich will alles sehen, was in diesem kurzen Leben möglich ist.» Er habe simple Projekte wie ein freies Wochenende im Winter. Aber auch aufwändige, wie den Jakobsweg zu begehen: «Das steht schon lange auf dem Programm: Einen Monat lang laufen, mit dem Rucksack, nachdenken, einfach nur sein.»

Aber wird er, wenn bald die neue Saison beginnt, nicht doch plötzlich das Eishockey vermissen? Nacht-Chneblä, Mann! Ryser lacht, pariert jeden Versuch, ihn umzustimmen.

Die Kompetitivität, deren Wichtigkeit er als Athlet stets betonte? «Du kannst auch im Job versuchen, der Beste zu sein.»

Die Mannschaft, der Zusammenhalt, die Garderobe, die «dummen» Sprüche? «Wir sind im Geschäft ein rund 15-köpfiges Team. Es ist ähnlich, inklusive der Sprüche …»

Nacht-Chneblä, einfach so zum Spass? «Das werde ich sicher wieder tun, irgendwann», sagt Ryser.

Eine Anfrage liegt schon vor, von einem guten Freund aus Davoser Zeiten, Reto von Arx. Der hat ihn bereits im Seniorenteam willkommen geheissen. Vorerst erfolglos. Denn dafür, sagt Ryser, sei er nun wirklich noch zu jung. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.09.2018, 08:47 Uhr

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