Arbeitslos im Traumhaus

Aus dem Leben von Kevin Schläpfer, der sich einen Eishockeyschrein baute und auf seinen nächsten Trainerjob wartet.

Ein Mann und sein Spiel: Kevin Schläpfer in seiner kleinen Sissacher Welt. Bild: Stefan Bohrer

Ein Mann und sein Spiel: Kevin Schläpfer in seiner kleinen Sissacher Welt. Bild: Stefan Bohrer

Philipp Muschg@tagesanzeiger

Heute steht er wieder als Coach auf dem Eis. Der Mann, den alle beim Vornamen rufen und viele als «Hockeygott» verehren. Doch wenn Kevin Schläpfer heute die Schlittschuhe schnürt, geht es nicht um Punkte, sondern nur um Spass. Zwar heisst sein Goalie an diesem Sonntag Leonardo ­Genoni. Doch der Anlass ist bescheiden: Beim Swiss Ice Hockey Day kehren Stars zu den Wurzeln zurück. In Schläpfers Fall: die Kunsteisbahn seiner Wohngemeinde Sissach.

Ein paar Schritte entfernt von der Kunsti – einst die erste im Kanton Basel-Landschaft – wuchs er auf. Seine Schwester arbeitet mittlerweile in der Stadionbeiz, er selbst wohnt auf der anderen ­Seite des Ergolztals. Seit zwei Jahren in einem Haus, das er nach eigenen Wünschen baute.

Im Steingarten hat Schläpfer mit Kieseln eine Sonne ausgelegt. Sie wirkt als Symbol. Nicht nur für den Himmelskörper, der den ganzen Tag über auf den Südhang hinunterbrennt. Sondern auch für ungebrochenen Optimismus. Denn der der 48-­Jährige verbringt mehr Zeit in seinem Traumhaus, als ihm lieb ist. Vor 213 Tagen wurde er beim EHC Kloten entlassen, seither ist er arbeitslos.

«Ich bin ein ganz schlechter Hausmann», sagt Schläpfer. Dabei ist alles aufgeräumt, sauber, neu: die offene Küche, die Disney­figuren, die Kuckucksuhren mit ­Comicmotiven. Schläpfer bietet Getränke an. Auch das spricht gegen den schlechten Hausmann, doch im Grunde meint er sowieso etwas anderes. Er will bald wieder tun, was er am liebsten tut: ­Trainer sein. Dass er in Kloten keine Chance erhielt, sich in der Ligaqualifikation gegen die Lakers zu behaupten, beschäftigt ihn noch immer. «Ich hätte schon noch zwei, drei Pfeile im Köcher gehabt», blickt er zurück auf eine Freistellung, die ihn überraschte. Zumal er mit Biel bewiesen hatte, dass er ein Mann genau für solche Momente ist.

Matchbesuche mit Anmeldung – und Nebenwirkung

Ein halbes Jahr ist das erst her, ­gefühlt eine halbe Ewigkeit. Den Abstieg verhinderte der Trainerwechsel nicht, produzierte dafür auch in Sissach einen Verlierer: Schläpfers Vertrag, eigentlich noch zwei Jahre gültig, war plötzlich nichtig. Der Hockeygott musste auf Jobsuche. «Das ist das Besondere bei einem Schweizer Trainer», weiss Schläpfer, «dass er dann nicht einfach vom Radar verschwindet wie ein Kanadier, sondern immer noch da ist, sich in der Szene bewegt, Leute trifft, Spiele besucht.»

Es ist eine heikle Gratwanderung. Denn welcher Trainer schätzt es, wenn sein Team in der Krise ist und dann ein arbeitsloser Kollege im Stadion auftaucht? Darum meidet Schläpfer solche Situationen eher, meldet Besuche im Voraus an. Mit der Nebenwirkung, dass er so bei den Sportchefs präsent bleibt. Ein Engagement jenseits der Grenzen hält der Baselbieter für unwahrscheinlich: «Das Lohnniveau ist fast überall tiefer und Schweizer Trainer wenig gefragt.»

Zur Weiterbildung konsumiert Schläpfer trotzdem mehr Spiele aus anderen ­Ligen. Der NHL, der deutschen DEL, der Schweizer ­Junioren-Meisterschaft. Er verpasst keinen Match seines ältesten Sohns Elvis, der beim Bieler Elite-Nachwuchs stürmt – zusammen mit dem Sohn von Schläpfers Nach-Nachfolger Antti Törmänen. Neulich sassen Törmänen, Schläpfer und deren Vorgänger und heutige Langnau-Trainer Heinz Ehlers nebeneinander auf der Tribüne und fachsimpelten. «Als Sportchef musste ich Heinz zwar entlassen», erinnert sich Schläpfer, «aber wir sind trotzdem gut befreundet.»

Dieser besondere Geist von Biel, wo Schläpfer einst Captain und während zehn Jahren Sportchef sowie Coach war: Er prägt den Alltag des Sissachers noch heute. Für seine regelmässigen Rennradtouren benutzt er ein Velo mit dem Bieler Vereinslogo. Und wenn er auf seiner Hantelbank Krafttraining macht, ist er umgeben von Souvenirs. Einem blauen Teppich mit Biel/Bienne-Aufschrift, Karikaturen, Fotos. Nicht bloss aus dem Seeland: Der Raum im Untergeschoss ist ein regelrechter Eis­hockeyschrein.

«Ich kann sie doch nicht wegwerfen»

Schläpfer zeigt auf zwei Reihen Pucks hoch oben an der Wand: «Hundert Stück, ich weiss von ­jedem, wo er herkommt.» Er führt voll funktionsfähige Eishockeykästen vor, die bis in die 1930er-Jahre zurückreichen, präsentiert rare Pins, persönliche Alben, Stöcke. Nicht alles hat Platz, Trikots ­lagern schachtelweise in der Garage. «Was soll ich sonst mit ihnen machen?», fragt er rhetorisch, «ich kann sie doch nicht wegwerfen.»

Nein, Schläpfer gehört nicht zu jenen, die mit dem Rink gleich eine ganze Welt hinter sich lassen – er bleibt vom Sport besessen. Ein paar TV-Auftritte bei Teleclub oder beim Tennisturnier in Basel können daran nichts ändern. Und ein Tag wie heute mit Nationalgoalie Genoni dürfte den Wunsch nach einer schnellen Rückkehr nur ­steigern.

Wer weiss: Vielleicht bringt ja die kleine Bühne Glück. Auch die Kunsti Sissach stand jüngst vor einer ungewissen Zukunft, blieb zwei Jahre wegen Einsturzgefahr gesperrt – und wird an diesem Wochenende frisch renoviert eröffnet. Es soll ein doppelter Neustart in Sissach sein.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt