Bis die Tribünen vibrieren

Im Duell zweier Überraschungsteams unterliegen die SCL Tigers Ambri-Piotta 2:5 – weil sie der Energie der Leventiner nichts entgegenzusetzen haben.

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Marco Oppliger@BernerZeitung

Und dann gerät das ganze Stadion in Bewegung. Mit ihrem Gehüpfe unterziehen die Fans in der proppenvollen Curva Sud die Statik der Valascia einer veritablen Belastungsprobe. Es kann einem durchaus etwas flau im Magen werden, wenn unter den Füssen die Tribüne zu vibrieren beginnt. Aber die Tifosi sind dermassen begeistert von der Darbietung ihres HC Ambri-Piotta respektive des 5:2-Sieges über die SCL Tigers, dass es kaum einen still hält.

«Besuchen Sie Europa, solange es noch steht», war in den 1980er-Jahren ein Hit der Neue-Deutsche-Welle-Band Geier Sturzflug. Der Hintergrund des Songs ist bedrückend, er handelt von der militärischen Aufrüstung zwischen Ost und West, thematisiert einen drohenden Atomkrieg. Man könnte nun all die Dramatik und die Weltpolitik weglassen und den Titel simpel als Ratgeber für Eishockeyfans ummünzen: «Besuchen Sie die Valascia, solange sie noch steht.»

Die Fans als Faktor

Weil das Stadion in einer lawinengefährdeten Zone steht, muss es in den nächsten Jahren abgerissen werden. Seit etlichen Jahren sprechen Verantwortungsträger des Clubs vom Bau einer neuen Valascia – ohne den Worten Taten folgen zu lassen. Doch vor Weihnachten erfolgte tatsächlich der Spatenstich für eine multifunktionale Arena auf dem ehemaligen Militärflugplatz von Ambri. Die Eröffnung ist auf die Spielzeit 2021/22 geplant.

Gewiss, der gesunde Menschenverstand sagt: Es ist höchste Zeit, die in den 1950er-Jahren erbaute Valascia entspricht nicht annähernd dem heutigen Standard. Aber dann ertönt «La Montanara» aus Tausenden Kehlen – und weg ist er, der gesunde Menschenverstand. «Die Atmosphäre hier ist wirklich gut, es ist für alle Teams schwierig, in Ambri zu spielen», meint Harri Pesonen. Die Fans würden der eigenen Mannschaft viel Energie geben. «Ich kann mir vorstellen, dass Eishockey den Ambri-Spielern im Moment sehr grossen Spass bereitet.» Marco Müller bestätigt die These des Langnauer Topskorers. «Die Fans sind unglaublich, diese Unterstützung spürst du als Spieler.»

Die Gefühlswelten an diesem späten Samstagabend könnten zwischen dem Ambri-Stürmer und Pesonen kaum unterschiedlicher sein. Am Freitag hatten die Leventiner das Derby in Lugano gewonnen, 24 Stunden später wiesen sie mit den SCL Tigers einen direkten Konkurrenten im Kampf um einen Playoff-Platz in die Schranken. Der 5:2-Sieg war verdient, dem temporeichen und körperbetonten Spiel der Equipe Luca Ceredas hatten die SCL Tigers wenig entgegenzusetzen. Als Müller und Diego Kostner bei Spielhälfte binnen 77 Sekunden auf 4:1 erhöhten, war die Partie bereits entschieden. Und einmal mehr spielte bei Ambri der Paradesturm mit Dominik Kubalik, Müller und Dominic Zwerger die erste Geige; drei der fünf Treffer gingen auf sein Konto. «Es herrscht viel Harmonie im Team, wir haben es wirklich gut miteinander», sagt Müller, «das hilft.»

Pesonens Ansage

Derweil der ehemalige SCB-Stürmer das Lächeln kaum mehr aus dem Gesicht bringt, ist die Miene Pesonens eher finster. Und der Finne hält nicht mit Selbstkritik zurück. «Wir haben im Moment nicht genug Energie, und ich weiss nicht, weshalb. Wir laufen nicht genug, wir arbeiten nicht hart genug, deshalb gewinnen wir solche Matchs nicht.» Pesonen liegt mit seiner Aussage nicht falsch. Allerdings geht dabei etwas unter, dass die SCL Tigers am Vorabend den EV Zug dank einer sehr starken Teamleistung 3:0 bezwungen hatten.

Doch weil die Liga dermassen ausgeglichen ist, können sich weder Ambri noch Langnau zu lange an solchen Erfolgen festhalten. Denn 20 Partien vor Qualifikationsende ist das Playoff-Ticket für beide Teams noch längst nicht gesichert, obwohl sie ihre beste Saison seit Jahren absolvieren. Und so hat Pesonen recht, wenn er sagt: «Von jetzt an ist für uns jedes Spiel ein Playoff-Spiel.» Immerhin dürften die SCL Tigers so oder so bald gute Neuigkeiten verkünden: Dem Vernehmen nach sind die Verhandlungen für eine Vertragsverlängerung mit dem Finnen bis 2021 auf sehr gutem Weg.

Berner Zeitung

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