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Der Grobian, der die Stars beflügelt

Die Gegner befördert er ins Spital, den Puck ins Tor. Keiner polarisiert in der NHL wie Washingtons Tom Wilson. Nun wurde er selbst Opfer und befeuert die Diskussion, was ein korrekter Check ist und was nicht.

Tom Wilson: der Böseste und der Schönste der NHL? (Bild: Getty Images)
Tom Wilson: der Böseste und der Schönste der NHL? (Bild: Getty Images)

Irgendwann werde er jemanden töten. Man solle ihn aus dem Spiel entfernen. Aus dem Spiel namens Eishockey wohlgemerkt, nicht aus einer x-beliebigen ­Partie an irgendeinem Mittwochabend. Ja, Tom Wilson ist un­beliebt. Zumindest ausserhalb ­von Washington D. C., dort, wo der aktuelle Champion der National Hockey League spielt.

Tom Wilson: Er liebt Bodychecks.

Und der ganze Schimpf, die ganze Schande sowie alles weitere, das über den 24-jährigen Stürmer aus ­Toronto im Internet ausgebreitet wird, all das ist nur selten in so netten Worten formuliert wie in diesen Beispielen. Es gibt gegnerische Spieler, die ihn unverblümt einen Idioten nennen.

Wilson und das Timing

Wilson sucht den harten Bodycheck. Konsequent, wie es kaum noch einer tut in der NHL, einer Liga, in der das Spiel stets schneller und intensiver wird, die Gattung der reinen harten Checker dennoch dem Aussterben geweiht zu sein scheint. Nicht immer stimmt Wilsons Timing.

Dann trifft er Köpfe mit dem Ellbogen, fährt er wie von Sinnen mitten auf dem Feld in Spieler ohne Puck, rammt er Gegner von hinten in die ­Bande. Das ­endet oft übel, mit Gehirnerschütterungen, Kieferbrüchen. Wilson ist 1,93 Meter gross, knapp 100 Kilogramm schwer. Und auch wenn sein Schlittschuhstil darum nicht ­gerade von Eleganz geprägt ist – an Tempo mangelt es ihm nicht.

Einer von diversen sanktionierten Checks von Tom Wilson, hier gegen Pittsburghs Zach Aston-Reese.

Wilson mache das absichtlich, monieren die einen – sie werden immer zahlreicher: Er geniesse den Ruf des Bad Boy, es passe, dass er mit 13 Faustkämpfen ­letzte Saison die Nummer 2 der NHL war in einer fragwürdigen Rangliste.

Es mangle ihm an Grips, sagen andere, schliesslich holte sich Wilson drei seiner vier Sperren seit Sommer 2017 in Testspielen ab – zuletzt im September, als er für 16 Partien aus dem Verkehr gezogen wurde.

Dafür gab es zunächst 20 Spielsperren, absitzen musste Tom Wilson am Ende nur 16: Check gegen den Kopf von St. Louis' Oskar Sundqvist ... in einem Testspiel.

Vielleicht ist er auch einfach ungeschickt. Dafür spricht sein bislang letztes Vergehen vor zwei Wochen, als er gegen New Jersey einen ihm abgewandten, nichts ahnenden Gegner zu umkurven versuchte und ihn dann dennoch in hohem Tempo über den Haufen fuhr. Die NHL beurteilte den Fall ähnlich, verzichtete ausnahmsweise, aber wohl zurecht auf eine Sperre.

Ein ungeschickter, sinnloser und darum vielleicht unbeabsichtigter «Check» gegen New Jerseys Brett Seney.

Dennoch bestätigt diese Episode seine Kritiker. Und wenn Wilson sich wehrt und sagt, er sei keiner, der andere verletzen wolle, und er versuche, immer besser zu lernen, welche Checks akzeptabel seien und welche nicht, dann schäumen die Gegner auf dem Eis und glühen die Tastaturen seiner Hasser in den sozialen Medien, multiplizieren sich die Beleidigungen.

Neben zwei Stars

Die Geschichte könnte hier zu Ende sein. Wäre Wilson bloss ein Überbleibsel aus vergangenen Tagen des Eishockeys, ein Viertlinien-Rüpel, der bald in irgendeiner Farm- oder Prügelliga entsorgt wird. Doch so einfach ist es nicht. Wilson hat im Sommer bei den Washington Capitals einen 31 Millionen Dollar schweren Sechsjahresvertrag unterschrieben, er komplettiert als linker Flügel die erste Sturmlinie des aktuellen NHL-Champions, die anderen beiden sind Jewgeni Kusnezow und Alex Owetschkin. Und da wird es interessant.

Ein so ungleiches und doch so erfolgreiches Trio: Tom Wilson, Alex Owetschkin, Jewgeni Kusnezow (von links). Bild: Getty Images
Ein so ungleiches und doch so erfolgreiches Trio: Tom Wilson, Alex Owetschkin, Jewgeni Kusnezow (von links). Bild: Getty Images

Denn Wilson macht diesen Job hervorragend. Er tat das schon im Playoff 2018, war ein wich­tiges Puzzleteil Washingtons auf dem Weg zum Stanley-Cup. Wilson wurde als «Platzmacher Owetschkins» bezeichnet, mit seiner Wucht räume er den Weg für den Russen frei. Und in den elf Spielen in dieser Saison, in denen er nicht gesperrt oder verletzt war, sammelte Wilson 14 Skorerpunkte, schoss acht Tore. Mit 24 darf er erstmals in seiner Karriere Powerplay spielen bei den Profis.

Tom Wilson kann auch Eishockey spielen: Perfekter Pass auf Alex Owetschkin, der Russe netzt ein.

Während der 16 Spiele, die er verpasste, probierten die Capitals verzweifelt diverse Mitspieler an der Seite der russischen Superstars aus – mit keinem klappte es so gut wie mit Wilson. Der Job neben den beiden Hochbegabten ist anspruchsvoll, dem Thema widmete die «Washington Post» kürzlich einen eigenen, langen Artikel.

Der Tadel vom Kollegen

Vielleicht erscheint es widersprüchlich, dass ausgerechnet dieser Grobian es ist, der aus den beiden Russen Höchstleistungen herauskitzelt. Und wenn Wilson selber von Momenten erzählt, in denen Kusnezow noch auf dem Eis mit ihm schimpfe («Tom, du musst nicht immer nur checken, ab und zu macht es Sinn, Tore erzielen zu wollen»), zeigt es auch, auf welch schmalem Grat er sich bewegt in seinem Spiel.

Hier gibt es Lob von Jewgeni Kusnezow: Tom Wilson trifft im Stanley-Cup-Final 2018 gegen Las Vegas nach schönem Doppelpass mit dem Russen.

Es ist auch eine Frage der Perspektive. Denn in Washington mögen sie ihren «Willy». Meistercoach Barry Trotz sagte: «Es gibt nur wenige wie Tom Wilson» – und meinte das positiv. Der General Manager der Capitals nennt Wilson den «wichtigsten Energiebringer des Teams». Und Wilson ist innerhalb des Clubs äusserst beliebt, bei Mitspielern, Coaches, Staff. Er wird als nächster Captain gehandelt, wenn Owetschkin dereinst zurücktritt.

Ein bisschen Spass muss sein: Alex Owetschkin beglückwünscht Tom Wilson am 6. November 2013 zu dessen erstem NHL-Tor – mit Schaum-Torte.

Es gibt auch nordamerikanische Medien, die bei allem Tadel über sein Strafenregister die ­respektvolle und warmherzige Art Wilsons neben dem Eis ­hervorheben. Und, das schrieb die renommierte Fachzeitschrift «The Hockey News» und soll deshalb erwähnt sein, Wilson sei der ­vielleicht bestaussehende NHL-Spieler ...

Der Löwe im Dschungel

Der Aufschrei bei den Capitals war darum gross, als es letzte Woche Wilson selbst erwischte. Und erst diese Episode komplettiert seine Story. Es sah aus, wie so oft bei Szenen mit ihm, bloss mit vertauschten Rollen.

So zog sich Tom Wilson die Gehirnerschütterung zu.

Wilson spielte einen Pass, Ryan Reaves von den Vegas Golden Knights kam aus dem toten Winkel angebraust. Wilson schlug mit dem Kopf auf dem Eis auf – seither fällt er mit einer Gehirnerschütterung aus. Seine Hasser jubilieren, gratulieren Reaves. Endlich habe einer zurückgezahlt.

Mit Reaves trug Wilson schon manche Fehde aus, die beiden mögen es, sich auf dem Eis Saures zu geben. Entsprechend fiel Reaves’ Kommentar zum Check aus: «Das ist ein Männersport. Wilson schaute dem Puck nach, bis er in einen Löwen im Dschungel lief – mich.»

Egal mit welchem Team: Ryan Reaves prallt seit Jahren immer wieder Mal auf Tom Wilson.

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Die Grauzone und die Diskussion über fair und unfair

Die Diskussion, was ein korrekter Check ist, ist im Eishockey auch eine Kulturfrage.

Die letzten beiden Vorfälle mit Tom Wilson, je einmal als Täter und Opfer: Sie haben die bereits hitzige Diskussion in der NHL darüber befeuert, was ein korrekter Check ist und was nicht.

In beiden Fällen erhielt der Täter im Spiel wegen Verletzung des Gecheckten zwar einen Restausschluss, beide Male verzichtete die Liga danach aber auf Sperren. Denn beides waren keine Checks gegen den Kopf, sondern gegen die Schulter, damit also zumindest in der Ausführung korrekt.

Das sorgt für Verwirrung bei Zuschauern, aber auch bei den Spielern. Was ist korrekt, was nicht? Die Regeln besagen zwar, dass ein Spieler ohne Puckbesitz nicht gecheckt werden darf, das ist «Interference» – es gibt aber die Grauzone unmittelbar nach dem Moment der Puckabgabe.

Bei beiden Fällen mit Wilson traf es Spieler, die einerseits den Puck gerade gespielt hatten und andererseits den Checkenden nicht kommen sahen und damit nicht gefasst sein konnten. Und es sind oft genau diese Art Checks, die zu Gehirnerschütterungen führen: Der Check wird nicht erwartet, es fehlt die Körperspannung, der Kopf wird entsprechend durchgeschüttelt.

In den Regeln des europäischen Eishockeyverbandes existiert seit dieser Saison darum das Vergehen «Später Check». Nur noch Spieler explizit in Puckbesitz sollen gecheckt werden.

Es geht aber um mehr: Die Kultur des Checkens soll geändert, der Bodycheck als reine Einschüchterungsmassnahme soll aus dem Spiel verschwinden.

Es wird ein langer Weg sein, die Macho-Kultur im Eishockey wird immer noch gross geschrieben. Das zeigt gerade im zweiten Fall Wilson die (verbale) Reaktion seines Gegenspielers Reaves.

Von Männersport, Dschungel und Löwen: Ryan Reaves über den Check gegen Tom Wilson.

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