Der Titelverteidiger SCB ist nicht Favorit – und doch unter Druck

Die Fans fordern Brot und Spiele. Der SC Bern reagiert und setzt auf Neuerungen, aber nur neben dem Eis.

Der Vertrag von Headcoach Kari Jalonen läuft Frühling 2020 aus. Bleibt er oder geht er? Von Jalonens Entscheid wird sehr viel abhängen, weil der Finne kein gewöhnlicher Angestellter ist.

Der Vertrag von Headcoach Kari Jalonen läuft Frühling 2020 aus. Bleibt er oder geht er? Von Jalonens Entscheid wird sehr viel abhängen, weil der Finne kein gewöhnlicher Angestellter ist.

(Bild: Urs Lindt/freshfocus)

Reto Kirchhofer@rek_81

Der SC Bern hatte zuletzt ein Problem: Er war zu erfolgreich. Meister 2016, Qualifikationssieger und Meister 2017, Qualifikationssieger 2018, Qualifikationssieger und Meister 2019. Regelmässige Erfolge werden für eine Organisation zum Problem, wenn direkt oder indirekt Beteiligte Demut und Bodenhaftung verlieren, ­gesättigt sind, bequem werden – oder wie beim SCB: das Aussergewöhnliche als selbstverständlich betrachten.

Wer in einer ausgeglichenen Liga dreimal in vier Saisons triumphiert, der hat Ausser­gewöhnliches geleistet. Ohne Wenn und Aber. Das schien dem erfolgsverwöhnten ­Umfeld zuletzt nicht mehr gut genug zu sein. Von September bis März wurden Themen wie «Schablonenhockey» und «zu langweiliges Drumherum» mit Verve diskutiert.

Und im Playoff vermeldete der Club nur bei der Hälfte der Heimspiele: ausverkauft. Der SCB kämpft mit ähnlichen Problemen wie einst der FC Basel als Serienmeister. Längst wurde Basel von YB entthront. Was wiederum Folgen für den SCB hat. Die erstarkten Young Boys rekrutieren zwar ein anderes Publikum, doch bei den ­Unentschlossenen aus der Schnittmenge stand YB jüngst offenbar höher in der Gunst.

Kann sich Bern gegenüber der ­stärker gewordenen Konkurrenz ­behaupten? Es ­bestehen Zweifel.Source

«Zu viel Hollywood und zu wenig Ordnung im SC Bern» – so titelte die «Neue Zürcher Zeitung» nach der Jahrtausendwende. Seit Kari Jalonen in Bern arbeitet, ist quasi das Gegenteil der Fall, auf wie neben dem Eis. Die SCB-Fans aber wollen mehr denn je Brot und Spiele. Wobei der Ausdruck «panem et circenses» (Brot und Zirkusspiele) des römischen Dichters Juvenal die Bedürfnisse noch exakter umfasst. Ein bisschen Zirkus ist unter dem Dach der Postfinance-Arena von jeher gern gesehen. ­Solange er nicht zulasten des Erfolgs geht.

Jedenfalls haben die Verantwortlichen reagiert: neues Einlaufprozedere, breiteres Biersortiment, überarbeitetes Essensangebot, Gratiseintritt für Kinder während der Qualifikation auf den Stehplätzen. Der SCB will wieder attraktiver werden, vermehrt Kinder ins Stadion bringen, sich positionieren. Dazu kommt die neue Imagekampagne unter dem Claim «Härter».

Dem angepassten Drumherum zum Trotz: Das neue Valaisanne Pale Ale wird den Fans kaum munden, wenn der neue Walliser Stürmer Vincent Praplan nicht auf Touren kommt. Und selbst die besten Frühlingsrollen finden wenig Anklang, sollte der Frühling für den SCB ein kurzer sein. Im Mittelpunkt steht nach wie vor der Sport. Und dort lautet die entscheidende Frage: Kann sich der Meister gegenüber der stärker gewordenen Konkurrenz behaupten? Es bestehen Zweifel.

Niklas Schlegel und Pascal Caminada werden Leonardo Genoni auch mit vereinter Kraft nicht ersetzen können, weil Genoni nicht gleichwertig zu ersetzen ist. Die Abwehr ist beinahe unverändert (Miika Koivisto für Adam Almquist). Ebenso der Sturm. Mit dem Abgang von Gaëtan Haas gehen Tore und Unberechenbarkeit verloren. Für die Tore soll Praplan sorgen. Das Unberechenbare trägt Inti Pestoni in sich – und das Etikett Risikotransfer an sich.

Ansonsten setzen die Berner auf Bewährtes, getreu ihrem Credo: ­Charakter über Talent. Neun Spieler gehörten bereits in den Meisterjahren 2016, 2017 und 2019 zum Stamm. Ob das genügen wird, um Zuger, Zürcher und Lausanner in Schach zu halten? Die Konkurrenten haben sich teilweise massiv verstärkt, verfügen über mehr individuelle Klasse. Der Titelverteidiger nimmt die Saison nicht als Favorit in Angriff. Druck und Ansprüche werden dadurch nicht kleiner sein.

Die nächsten Monate werden für die mittelfristige Zukunft des SCB von hoher Bedeutung sein. Über ein Dutzend Verträge laufen aus, was Sportchef Alex Chatelain die Möglichkeit bietet, Akzente zu setzen und das Kader umzubauen. Nur: Der Vertrag von Headcoach Kari Jalonen ist ebenfalls auf Frühling 2020 befristet.

Bleibt der Finne? Oder trennen sich, was wahrscheinlicher ist, die Wege? Vom Entscheid wird sehr viel abhängen, weil Jalonen kein gewöhnlicher Angestellter ist. Er steht für die taktische Ausrichtung beim Meister, für Erfolg, für Machtfülle. Neben respektive unter ihm sind drei weitere finnische Trainer in Bern engagiert. Je früher Klarheit herrscht, desto besser für alle Beteiligten.

Zum Schluss noch eine gute Nachricht für Geschäftsführer Marc Lüthi. Er hat einst gesagt, immer Erfolg zu haben, das sei «der grösste Mist. Wir dealen mit Emotionen, dazu gehören auch negative. Etwas Dümmeres als fünf Titel nacheinander könnte nicht passieren.» ­Gott sei Dank, sind die Berner zwischen den Titeln 2016, 2017 und 2019 einmal im Halbfinal ausgeschieden. Somit können sie guten Gewissens die nächste Meisterschaft anstreben.

Allein: Die Hürde ist deutlich höher geworden. Würde der SCB sie dennoch überspringen, wäre das wahrhaftig eine zirkusreife Nummer.

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