Dominic Moore – ein neuer Leader für die Löwen

Der vom Schicksal getroffene Kanadier soll die ZSC Lions doch noch ins Playoff führen – als Kämpfer auf und neben dem Eis.

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Philipp Muschg@tagesanzeiger

Falls die ZSC Lions demnächst ein Ping-Pong-Turnier organisieren wollen, haben sie seit gestern den perfekten Mann dafür. Oder falls sie erfahren wollen, wie man mit Tischtennis 200'000 Dollar für eine wohltätige Stiftung generiert. Oder falls sie wissen möchten, wie ein junger Mensch einen schweren Schicksalsschlag überwindet. Doch natürlich hat der Schweizer Meister den 38-jährigen Kanadier Dominic Moore aus einem anderen Grund verpflichtet: Weil er helfen soll, den ZSC doch noch ins Playoff zu hieven.

Seit drei Wochen ist Moore mittlerweile in der Schweiz. Eigentlich hatte er vorgehabt, sich wie so oft in den letzten Jahren im Herbst noch einen NHL-Vertrag zu sichern. Sein Ruf in Übersee ist tadellos, er gilt als kompletter Zweiwegstürmer, der auch am Flügel spielen kann, und als Leader mit enorm positivem Einfluss in der Garderobe.

Rückkehr ins Lieblingsland

Doch diesmal meldete sich nicht noch im letzten Moment ein Club. Nach total 998 Spielen für zehn verschiedene NHL-Teams blieb die Fortsetzung der Karriere in der Schwebe – zwei Partien vor dem Tausender-Meilenstein. Moore hielt sich bei seinem früheren College-Team Harvard fit, der amerikanischen Elite-Universität. Doch nichts geschah. Und so ergriff er selbst die Initiative, deponierte bei Hockey Canada sein Interesse, am Spengler-Cup teilzunehmen. Er wollte Spielpraxis, kannte das Turnier aus dem TV. Und konnte in eines seiner Lieblingsländer reisen.

Im Sommer 2015 war er schon einmal hier – die Flitterwochen führten ihn vom Comersee nach Genf. Und vor zwei Jahren erkundete er mit Mary die Schweiz, nachdem sie zuvor in Wimbledon das Tennisturnier besucht hatten. Es wirkt kitschig: Im Sport war Tennis Moores andere grosse Liebe, im richtigen Leben ist Mary seine zweite.

Von schweren Schicksalsschlägen getroffen

Moore war 32, als seine Frau Katie starb. Die beiden hatten sich in Harvard kennen gelernt, waren gemeinsam von New York über Pittsburgh, Minnesota, Toronto, Miami und Montreal nach San Jose gereist. Katie war dabei, einen Roman zu schreiben. Dann, im Frühjahr 2012, wurde bei ihr eine seltene, aggressive Form von Leberkrebs diagnostiziert. Weniger als ein Jahr später erlag sie ihm.

Es war eine erschütternde Erfahrung für Moore. Für einen Sportler in den besten Jahren, der als vorbildlich und beliebt galt – und dessen Name bis dahin doch aus ganz anderen, unrühmlichen Gründen bekannt war. Acht Jahre zuvor war sein Bruder Steve in einem NHL-Match von Vancouvers Todd Bertuzzi von hinten mit voller Wucht aufs Eis geschmettert worden. Dabei erlitt er massive Verletzungen am Kopf und im Wirbelbereich, kehrte nie mehr zurück. Bertuzzi wurde wegen schwerer Körperverletzung angeklagt und bekannte sich schuldig, das letzte von mehreren Gerichtsverfahren, in denen es auch um Millionen Dollar Schadenersatz ging, wurde erst 2014 abgeschlossen – ein Jahrzehnt nach dem Vorfall.

Nicht, dass es diese Erfahrung gebraucht hätte, um den Horizont seines Bruders zu erweitern. Dominic Moore machte seinen Abschluss in Harvard in Soziologie, gehörte jahrelang zum Vorstand der Spielergewerkschaft NHLPA. Und doch konnte ihn nichts von alledem auf die Krankheit seiner Frau vorbereiten.

«Keiner von uns kommt lebend hier raus. Es geht um den Charakter, den Geist, den du zeigst.»Dominic Moore

Nach drei Playoff-Spielen mit San Jose, das ihn extra für die wichtigste Saisonphase geholt hatte, verschwand Moore von einem Tag auf den anderen aus dem Kader der Sharks. Die gesamte nächste Saison 2012/13 – vom NHL-Lockout ohnehin verkürzt – setzte er aus. Zog mit Katie zurück an die Ostküste, verbrachte Nacht um Nacht an ihrem Krankenbett. «Keiner von uns würde sich je in eine Niederlage ergeben», sagte Moore damals gegenüber der kanadischen Zeitung «Globe and Mail», «es liegt nicht in unserer Natur.»

Jene Nächte, Wochen, Monate haben ihn geprägt. «Keiner von uns kommt lebend hier raus. Es geht um den Charakter, den Geist, den du zeigst. Leute wie Lance Armstrong werden als Sieger gefeiert, weil sie den Krebs besiegt haben. Doch Millionen von Menschen kämpfen genauso und noch viel härter – und sterben trotzdem an Krebs.»

Was im Frühjahr 2013, zwei Monate nach Katies Tod, in der «Globe and Mail» zu lesen war, gehört nicht gerade zur Standardlektüre im Sportteil.

Die Sache mit dem Tischtennis

Und doch war es der Beginn eines neuen Lebens mit neuer Hoffnung. Denn nach der Diagnose gründeten die Moores eine Stiftung. Die «Katie Moore Foundation» kümmert sich um Familien, die von seltenen Krebsarten betroffen sind, unterstützt Forschungsprojekte, leistet Aufklärungsarbeit. Und da kommt Ping-Pong ins Spiel.

Schon in Harvard war Tennis die zweite sportliche Liebe von Dominic Moore gewesen. Er hatte auf gutem College-Niveau gespielt, nun verband er die Liebe zum runden Ball mit dem Bedürfnis, eine Lebenskrise zu bewältigen, Bewusstsein zu schaffen und anderen zu helfen. Im August 2012 veranstaltete er in Toronto das erste sogenannte «Smashfest», bei dem prominente Eishockeyspieler sich für den guten Zweck beim Tischtennis messen. Seither fand das Turnier jeden Sommer statt, generierte total 865'000 Dollar zur Erforschung von seltenen Krebsarten und Gehirnerschütterungen. Das letzte Smashfest warf den Rekordbetrag von 200'000 Dollar ab und zog Prominenz vom ehemaligen Rapperswiler Doug Gilmour bis zu William Nylander an, der extra aus Schweden anreiste.

«Es ist sehr befriedigend», sagt Moore über sein Projekt, das 2018 zum vierten Mal in Folge denselben Sieger hatte: Patrick Eaves von den Anaheim Ducks. «Er ist der Roger Federer des Smashfest», sagt der neueste Stürmer es ZSC.

Ein Kämpfer und Leader auf und neben dem Feld

Dass sie sich beim strauchelnden Meister von einem mit einer solchen Biografie auch neben dem Eis positiven Einfluss erhoffen, liegt auf der Hand. Moore spricht überlegt, mit ruhiger Stimme, lacht viel. Es ist kein Lachen, das andere überzeugen will. Es scheint wie von selbst zu kommen.

«Ich habe mir ehrlich gesagt noch gar keine Gedanken gemacht, wie es sportlich weitergehen soll», sagte Moore am ersten Tag des Spengler-Cups. Er war mit Mary in Davos, stürmte beim Team Canada an der Seite von Luganos Maxim Lapierre und Fribourgs Jacob Micflikier. Er erfuhr kurz darauf von seinem Teamkollegen Maxim Noreau, dass sich der ZSC für seine Dienste interessierte. Und so führt sein Weg vorerst nicht zurück in die NHL – doch immerhin in eines seiner Lieblingsländer.

Ihren Rückflug nach Nordamerika brauchten die Moores nicht mehr. Sie blieben auch nach Silvester in der Schweiz, am Freitag sah sich Dominic in Zürich Halle und Garderoben an, am Montag unterschrieb er. Heute beim Warm-up steht er erstmals mit seinen neuen Kollegen auf dem Eis. Er sieht Noreau wieder und Kevin Klein, seinen Kollegen aus New Yorker Zeiten. Und falls die Arbeitsbewilligung rechtzeitig eintrifft, könnte er am Abend auch noch Lapierre begegnen – wieder auf dem Eis, diesmal auf der Gegenseite.

«Keiner von uns würde sich je in eine Niederlage ergeben»: Beim ZSC gab es noch nie einen, der diese Haltung besser verkörpert als Dominic Moore.

berneroberlaender.ch/Newsnetz

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