Dusche für Törmänen und Nachwuchs für Ritchie

Die Meisterspieler des SC Bern feiern im Stadion und plaudern, als der Druck abgefallen ist, entspannt über den Weg zum Titel und andere Themen.

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Nach der offiziellen Pokalübergabe wird das Eis für die SCB-Fans freigegeben. Jene Spieler, die schon 2010 Teil der Meisterfeier waren, ziehen sich vorsichtshalber zurück. Geoff Kinrade hingegen geniesst das Bad in der Menge. Doch nach wenigen Minuten muss der Kanadier vom Sicherheitsdienst aus der Masse «befreit» werden. Derweil verpasst Pascal Berger dem finnischen Cheftrainer Antti Törmänen in der Garderobe eine Champagnerdusche. Immer wieder betreten ein paar Spieler die kleine Bühne am Rand des Eisfelds, um mit ihren Fans zu feiern. Flurin Randegger und Tristan Scherwey werfen im Übermut gar ihre Eishockeyhosen ins Publikum.

Travis Roche, Schütze des Meistergoals, steht in kurzen Hosen und Badelatschen im Bärengraben. So heisst der Bereich zwischen den beiden Garderobentrakten. «Ich liebe das Lied ‹Meischter, Schwizer Meischter›. In der abgelaufenen Saison mussten wir es jeweils in Zürich hören, das war bitter», sagt der Kanadier. «Nun können wir es ein Jahr lang in Bern hören, wunderbar.» Der Titel sei ein Sieg der Mannschaft, jeder habe sich fürs Team geopfert.

Pascal Berger, die Goldmedaille nach wie vor um den Hals tragend, hat schon zwei, drei Gerstensäfte intus. Deshalb wiederholt der Flügel die Kernsätze immer wieder: «Ich bin stolz, zu diesem Team zu gehören.» Und: «Wir haben in diesen Playoffs der Schweiz gezeigt, dass der SCB Charakter hat.» Der ältere der Berger-Brüder erzählt noch von einem Schlüsselerlebnis auf dem Weg zum Triumph: «Nach dem 1:3-Rückstand vor dem letzten Drittel in Genf sahen uns alle in den Ferien. Doch in der Garderobe glaubte wirklich jeder daran, die Partie noch wenden zu können. Hätte nur ein Einziger nicht daran geglaubt, wäre dieser Titel nicht möglich gewesen.»

Tristan Scherwey ist ein sonniges Gemüt. Doch er gibt zu, wie sehr ihm die Sperre zu schaffen gemacht hat. «Die zwei Spielsperren hatte ich akzeptiert, aber dass Gottéron Rekurs einlegte, schmerzte mich sehr. Ich trainierte sehr hart, um in Form zu bleiben. Trotzdem war ich im ersten Drittel nicht richtig bei der Sache.» Umso mehr freut er sich über die starke Leistung des SCB. «Jetzt ist es keine Frage mehr, wer die bessere Mannschaft ist.»

Scherwey ist als junger Luftibus quasi der Gegenpol zu Martin Plüss, und trotzdem schwärmt er, eine Bierbüchse in der Hand haltend, in den höchsten Tönen vom Captain: «Während der ganzen Saison war Plüss sehr zurückhaltend und ruhig, doch wie er dann in den Playoffs die Mannschaft immer wieder angetrieben hat, gerade in schlechten Zeiten, war unglaublich. Und was er auf dem Eis zeigte, war Weltklasse.»

Der Gepriesene trägt die Mütze mit der Aufschrift «Schweizer Meister 2012/2013».Martin Plüss weist auf die vielen verletzten und angeschlagenen Spieler hin. «Wir hatten nicht die Tiefe und Klasse, die wir gemäss Papierform hätten. Einige Verluste trafen uns hart. Doch die Mannschaft stand zusammen und mogelte sich durch. Wären alle gesund gewesen, hätte das Team anders ausgesehen – ob wir auch so erfolgreich gewesen wären, ist ein anderes Thema.»

Ab und zu taucht ein frischgebackener Titelgewinner auf, der an einer Meisterzigarre zieht. Auf dem Eis hüpfen auch nach 1 Uhr in der Früh wohl noch über 1000 Anhänger herum. Auf der Bühne wird gesungen und getanzt. Als Hobbyanimator tut sich Flurin Randegger hervor. Im Bärengraben gibt auch Marco Bührer, der den Medien zuvor während eines Monats nicht zur Verfügung gestanden ist, Auskunft: «Es war eine Superleistung des Teams. Wir haben nie aufgesteckt, immer gekämpft.» Die hohen Niederlagen in den Playoffs seien «erstaunlich leicht verdaubar» gewesen. Die Begründung überzeugt: «Weil wir alle schlecht gespielt haben.»

Byron Ritchie lacht für einmal, und das aus doppeltem Grund. Der normalerweise grimmig dreinblickende SCB-Topskorer erzählt: «Am Mittwoch kommt unser drittes Kind zur Welt, es wird ein Sohn. Innert 24 Stunden den Meistertitel holen und Vater werden – das ist unglaublich.» Der Kanadier stellt sich nicht in den Vordergrund und beschwört den Teamgeist. Es gehe nicht um Byron Ritchie oder Martin Plüss, «es geht um alle».

Assistenztrainer Lars Leuenberger verweist in den Katakomben auf die vielen Verletzungen und die Sperren.«Es lief einiges gegen uns. Wir dachten daher, die Gerechtigkeit müsse siegen.» Ivo Rüthemann steht auch Stunden nach der Pokalübergabe noch in den Schlittschuhen. Er analysiert die Situation gewohnt unaufgeregt: «Letztes Jahr hätten wir den Titel mehr verdient gehabt als diesmal. Wir zeigten in den Playoffs doch einige schlechte Spiele. Aber es war auffällig, dass wir am Ende der Serie immer am besten spielten.»

Der Routinier gibt zu, dass selbst mit diesem Triumph das bittere Ende der letzten Finalserie nicht wettgemacht ist: «Dieses schlechte Gefühl geht nicht weg. Die Niederlage gegen die ZSC Lions können wir nie vergessen machen.» Und dann sagt Rüthemann auch, weshalb es schwierig ist, einen Final zu geniessen. Der Druck sei am grössten, «denn es ist ein Riesenunterschied, ob man im Final gewinnt oder nicht. Und du weisst nie, wann du wieder eine Chance kriegst, Meister zu werden.»

Die meisten SCB-Spieler haben sich in die Garderobe zurückgezogen.Sie wollen die Meisternacht privat und unter Ausschluss der Öffentlichkeit geniessen. Zutritt haben nur spezielle Gäste, die sich durch ein Band am Handgelenk ausweisen können. Eine kleine Gruppe behinderter Fans, die meisten in Rollstühlen, taucht im Bärengraben auf und bittet um Einlass.

Das farbige Band können sie nicht vorweisen, worauf sie der Türsteher schroff abweist – enttäuschte Gesichter sind die Folge. Kurz darauf kommt Tristan Scherwey vorbei. Der harte Checker mit dem weichen Herzen kniet nieder. Obwohl er nicht mehr fahrtauglich wäre, hat er für jeden dieser behinderten Fans ein freundliches Wort übrig, und er unterschreibt alle möglichen Utensilien. Und nun sind alle glücklich. So soll es in einer Meisternacht sein.

Berner Zeitung

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