Der SCB zwischen «Pulp Fiction» und «Dinner for One»

Der Meister verspielt zum vierten Mal in Folge einen Vorsprung, gewinnt aber zum ersten Mal in dieser Saison ein Penaltyschiessen – 4:3-Sieg gegen den HC Davos.

Zuerst Kunst, dann harte Arbeit: Nach dem wunderbaren 1:0 erzielt Vincent Praplan im Gestocher auch das 2:0 für den SCB.

Zuerst Kunst, dann harte Arbeit: Nach dem wunderbaren 1:0 erzielt Vincent Praplan im Gestocher auch das 2:0 für den SCB.

(Bild: Alessandro Della Valle/Keystone)

Adrian Ruch

«Wie Holiday on Ice von Tarantino» steht auf Seite 2 des Matchprogramms für das Spiel SC Bern - HC Davos. Der Spruch ist Teil der Werbekampagne mit dem Motto «härter», denn zu den Merkmalen der Filme von Quentin Tarantino, Regisseur von «Pulp Fiction» und anderen Klassikern, gehört gemäss Wikipedia die explizite Darstellung von Gewalt.

Derzeit erinnern die Partien des SCB freilich eher an den Silvester-Kultsketch «Dinner for One», in dem der Butler immer wieder über den Kopf des Tigerfells stolpert, obwohl er genau dies zu vermeiden versucht.

2:0 und 3:1 hat der Meister gegen die SCL Tigers geführt, 2:0 gegen die ZSC Lions, gar 3:0 und 4:1 gegen die Rapperswil-Jona Lakers, doch nach 60 Minuten sind all diese Partien unentschieden gestanden. Auch gegen Davos legen die Berner 2:0 und 3:1 vor, und anders als am Vorabend in Rapperswil stellen sie diesmal den Betrieb nicht ein.

Und doch gelingt Perttu Lindgren in der vorletzten Minute – die Davoser greifen mit sechs Feldspielern an – der Ausgleichstreffer. Der Finne kann sich die Scheibe wenige Meter vor SCB-Goalie Niklas Schlegel zurechtlegen und sie unter die Latte schiessen.

Zu viele «schwarze Momente»

War das Beherrschen der Zone vor dem eigenen Tor in den letzten Jahren die grösste Stärke des SCB, können nun immer und immer wieder Gegner unbehelligt im Slot abschliessen.

Solche Grosschancen für den Widersacher kommen meistens nach Scheibenverlusten in der Vorwärtsbewegung oder durch die Vernachlässigung der Pflichten im eigenen Drittel zustande, so steht beim ersten Davoser Treffer der Schwede Mattias Tedenby mutterseelenallein vor Schlegel, weil sich Andersson, Heim und Koivisto hinter dem eigenen Tor befinden und Scherwey sowie Sciaroni im Niemandsland stehen.

Kari Jalonen spricht von «schwarzen Momenten». Dabei hätten sie in letzter Zeit viel über das Verhalten in der Defensivzone gesprochen. «Dort müssen wir besser sein, damit wir Spiele gewinnen. Wir müssen zuerst als Einheit in der Defensive absichern, erst dann können wir an die Offensive denken», erklärt der Cheftrainer, der zudem bemängelt, das Puckmanagement funktioniere derzeit nicht. «Wir verlieren zu viele Scheiben an den beiden blauen Linien.»

Calle Andersson hat keine Erklärung, weshalb aus einer Stärke eine Schwäche geworden ist. «Ich weiss nicht, weshalb es weniger gut läuft. Wir haben viel darüber gesprochen, wir haben die Situationen trainiert, wir haben viele Videos angeschaut – aber die Lösung gefunden haben wir noch nicht.

Wir müssen dieses Problem in den Griff kriegen, und wir werden es in den Griff kriegen.» Wie der Verteidiger wirkt auch der Coach optimistisch. «Unser Spiel ist gut. Früher oder später werden wir gewinnen.» Was Jalonen meint: Mehrere Siege aneinanderreihen, in der Tabelle vorrücken.

Zwei Berner Helden

Zufrieden sind beide Protagonisten mit der Leistung im Angriff. In der Tat haben die Berner gegen den HCD einiges geboten: Das 1:0 durch Vincent Praplan ist bezüglich Entstehung und Vollendung ein Meisterstück, Tristan Scherwey reisst die Leute mit seinem Antritt und dem Schuss an die Latte von den Sitzen, und auch sonst kreiert der SCB zahlreiche Chancen.

Eine Prise «Pulp Fiction», eine Handlung, die an «Dinner for One» erinnert: Der Match zwischen dem SCB und dem HCD, der vor fast ausverkauften Rängen stattfindet, ist auf jeden Fall unterhaltend.

Und am Schluss wird das Spektakel mit Thriller-Elementen gewürzt. In der Verlängerung haben beide Teams mehrere Möglichkeiten, für die Entscheidung zu sorgen. Am Ende retten sich die Gastgeber in Unterzahl über die Zeit. Im Penaltyschiessen, einer Berner Sorgendisziplin, gehen die Bündner in Führung. Doch fast jeder sehenswerte Film und auch die meisten Sportveranstaltungen brauchen Helden.

Diesmal schlüpfen Calle Andersson und Ramon Untersander in diese Rolle. Nachdem ihre Stürmerkollegen gescheitert sind, bezwingen die beiden Verteidiger HCD-Goalie Sandro Aeschlimann und sorgen für den 4:3-Sieg des Meisters.

So überwiegt im Berner Lager das Positive, obwohl zum vierten Mal in Folge ein Vorsprung verspielt worden ist. «Das Gefühl des Siegens zu erleben, ist wichtig für den Teamgeist», erzählt Andersson, und Jalonen sagt lachend: «Wir haben diesen Sieg gebraucht.»

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