«Gegen Zürich zu verlieren, ist der grösste Mist»

SCB-CEO Marc Lüthi sagt nach dem Halbfinalaus gegen den ZSC, weshalb sich bei ihm die Enttäuschung in Grenzen hält. Im Scheitern sieht der 56-Jährige auch Positives.

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Dario Greco@HerrGreco
Reto Kirchhofer@rek_81

Sie wirken gelassen, gefasst. Geht Ihnen nichts nahe im Leben?Marc Lüthi: (lacht) Der Sport darf dir nicht zu nahe gehen, sonst überlebst du in diesem Business keine 20 Jahre lang. In Bezug auf den SCB werde ich stinksauer, wenn ich das Gefühl habe, dass nicht gearbeitet wird. Niemand kann behaupten, dass wir dies im Halbfinal nicht taten – schon gar nicht im letzten Match. Es gibt also keinen Grund, sauer zu sein. Aber klar: Die Enttäuschung ist gross, ich hadere mit Pech und Glück. Wir haben zu viele Fehler gemacht. Aber der Sport lebt von der Fehlerkultur. Was am Samstag geschah, das scheisst mich an. Aber es ist kein Weltuntergang.

Fällt es Ihnen nach zuletzt zwei Titeln in Folge einfacher, das Ausscheiden zu verkraften? Die Vergangenheit spielt keine Rolle. Es ist immer unbefriedigend, das letzte Spiel der Saison zu verlieren. Vor allem, wenn ein paar individuelle Fehler den Unterschied ausmachten.

Welche Note geben Sie dem SCB? Die Qualifikation verdient ganz klar eine 6. Das Playoff eine knappe 5, weil die Erwartungen höher waren. In der Summe gibt es für diese Saison sicher ein «Gut».

«Die Qualifikation verdient ganz klar eine 6. Das Playoff eine knappe 5.»Marc Lüthi

Wurde der SCB von der Stärke des ZSC überrascht? Wer die Serie gegen Zug verfolgt hatte, der durfte nicht überrascht sein. Wir wissen, wie es ist, aus dem Nichts zu kommen, einen Lauf zu haben. Wir wussten: Beim ZSC ist jeder auf einer Mission.

Haben Sie mitgelitten? Leiden ist das falsche Wort. Ich fiebere mit, versuche positiv zu denken. Einmal war ich kurz sauer, als wir im vierten Match den Shorthander kassierten.

Wurden Sie beim Check von Klein an Hischier auch sauer? Nein, weil das keine Absicht von Klein war. Er wollte den Check anbringen und traf Hischier am Kopf. Das Reglement ist klar, darüber muss nicht diskutiert werden. Es war ein Check gegen den Kopf mit Verletzungsfolge. Also gibt das eine Spielsperre, zumal alle zu sagen pflegen, man müsse die Köpfer der Spieler schützen. Erstaunt hat mich, dass wir selber die Initiative ergreifen mussten.

Der SCB schickte ein Video ein, gelangte ans Verbandssportgericht und bewirkte die Sperre. Finden Sie das Vorgehen okay? Absolut. Hischier erlitt eine leichte Hirnerschütterung. Er konnte am Samstag nicht spielen. Für solche Fälle gibt es Reglemente. Wir sind im Playoff,es ist unsere heilige Pflicht und Schuldigkeit, unsere Mannschaft mit allem zu unterstützen, was im Rahmen des Erlaubten liegt.

Wir gehen davon aus, dass Sie Ihren Einfluss geltend machen, damit die Clubs den «Player Safety Officer» Stéphane Auger abwählen werden. Das ist eine indiskrete Frage.

Sie sind bekannt für indiskrete Antworten. Dazu kann ich im Moment nichts sagen. Zuerst möchte ich in Erfahrung bringen, wie die Meinung der National League aussieht. Wir werden sicher einen scharfen Blick auf die Angelegenheit werfen. Ob der Blick des SCB der richtige ist, wird sich weisen.

Sie haben also Ihren Blick. Ja, aber wie gesagt: Zuerst will ich wissen, wie Verband und Liga das Problem angehen wollen.

Das heisst: Es gibt ein Problem. Ja, und es muss gelöst werden. Aber wenn ich jetzt sage, Auger müsse abgewählt werden, dann bleibt er im Amt und hat nächste Saison die Finger im Spiel . . . Das mache ich sicher nicht.

«Wir wissen, wie es ist, aus dem Nichts zu kommen.»Marc Lüthi

Sprechen wir über Müdigkeit. Fragen Sie die sportlichen Verantwortlichen. Wir sind eine der fittesten Mannschaften, und wir spielten nicht anders als in den letzten zwei Jahren. Damals ging es auf, dieses Jahr nicht ganz. Kari Jalonen gewann mit dem Team zweimal die Qualifikation, einmal das Playoff. Viele Vorwürfe können ihm nicht gemacht werden.

Eigentlich wollten wir zuerst über Olympia sprechen... 13 Spieler an den Olympischen Spielen zu haben, das war nicht unbedingt ein Grund zum Jubeln. Obwohl es eine coole Geschichte war, hinter St. Petersburg am meisten Spieler in Südkorea zu haben. Ja, das hatte sicher einen kleinen Einfluss.

Und der Trainer mit seiner strikten Verteilung der Eiszeit wohl auch. Gerne hätten wir im Playoff etwas mehr von André Heim gesehen. Oder überhaupt etwas von Yanik Burren. Sie auch? (lacht) Nochmals: In sportliche Belange mische ich mich nicht ein. Wenn ich Jalonen einen Vorwurf machen kann, dann ist es ein ganz kleiner. In der Gesamtoptik macht er einen Topjob.

Der ZSC holt auf die nächste Saison Simon Bodenmann und Denis Hollenstein. Muss der SCB reagieren und stärker ins Team investieren? Das glaube ich nicht. Sie kennen unsere Maxime, wenn es ums Geld geht. Mit Bodenmann haben wir einen Abgang, den wir nicht wollten. Trotzdem werden wir in der nächsten Saison breiter aufgestellt sein.

Apropos: Wird der SCB wieder eine schwarze Null schreiben? Ich gehe davon aus.

Und in der Gastronomie weiter expandieren? Im Moment ist nichts angedacht. Ergibt sich eine gute Gelegenheit, werden wir diese nutzen.

Ist der Standort Zürich vom Tisch? Nein, aber wir müssen nicht auf Biegen und Brechen in Zürich etwas eröffnen.

Nach dem Halbfinal würden die Zürcher dem SCB das Eröffnen einer Beiz in ihrer Stadt kaum sehr übelnehmen. (lacht) Gegen Zürich zu verlieren, ist der grösste Mist.

In Anbetracht der riesigen Erwartungshaltung in Bern ist das Ausscheiden vielleicht nicht einmal so schlecht. Auf diese Weise kommen die Zuschauer auf den Boden der Tatsachen zurück. (lacht) Sie erwarten jetzt keine Zustimmung von mir, oder?

Doch. Sie setzen sich immer für das Publikum ein. Sie dürfen auch mal Kritik üben. Ich erhielt am Donnerstag Anrufe von verhinderten Besuchern, die sich bereits für die siebte Partie anmelden wollten. Ich musste ihnen erklären, dass es nicht selbstverständlich ist, dass wir da noch spielen werden. Das ist das Positive am Scheitern: Wir können in der nächsten Saison angreifen, sind nicht mehr die Gejagten.

Positiv am Ausscheiden ist auch, dass der ZSC nun voll auf Lukas Flüeler setzen und von Leonardo Genoni die Finger lassen wird. Ich hoffe, Genoni gefällt es hier – und dass er bei uns bleibt.

Und noch etwas Positives: Für den Spruch, bei drei Titeln in Folge würden Sie für den Nationalrat kandidieren, müssen Sie nun keine Ausrede suchen. Ich sagte auch: «Aber mit 90 wird niemand gewählt.» Diesen Zusatz kann ich auch jetzt bringen.

Werden Sie als SCB-Geschäftsführer das Triple noch erleben? Es zeigte sich in den letzten Tagen wieder, wie schwierig das ist. Es gibt sieben Clubs, die Ansprüche auf den Titel haben müssten.

Trotzdem geht der Titel stets an Bern, Zürich, Davos oder Lugano. Immerhin sind es vier – nicht so wie im Fussball.

Wer wird Meister? Der ZSC.

Und im Fussball freuen Sie sich mit YB? Adi Hütter mag ich es gönnen. Er ist ein fantastischer Typ.

Besuchen Sie ab und an ein YB-Spiel? Nein. Der Fussball ist mir weniger nah. Es geht mir zu langsam.

Jetzt ist YB erfolgreich – und Sie hätten Zeit. Im Moment habe ich keine Pläne. Ich hatte eigentlich vor, noch 14 Tage Eishockeyspiele zu be­suchen.

berneroberlaender.ch/Newsnetz

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