Hartes Brot in der Schokoladenstadt

Schweizer Eishockeyanern wird oft vorgeworfen, den härteren Karriereweg zu meiden. Für Tobias Geisser gilt das nicht.

Hersheys Tobias Geisser (rechts) im Zweikampf mit Tim Erixon von den Wilkes-Barre/Scranton Penguins. (Bild: Randy Litzinger/Icon Sportswire via Getty Images)

Hersheys Tobias Geisser (rechts) im Zweikampf mit Tim Erixon von den Wilkes-Barre/Scranton Penguins. (Bild: Randy Litzinger/Icon Sportswire via Getty Images)

Kristian Kapp@K_Krisztian_

Es gibt zwei Optiken für Tobias Geissers Saison. Da sind die nackten Zahlen, die sagen, dass er in der Farmteam-Liga AHL bei den Hershey Bears in nur 32 von 56 Partien gespielt hat und bislang einen Assistpunkt auf dem Konto hat. Na ja.

Die andere Sichtweise ist vielschichtiger, sie lässt sich kurz so zusammenfassen: Die Fortschritte des früheren Zuger Verteidigers in den letzten drei Jahren sind bemerkenswert.

Die Hershey Bears sind das Farmteam des NHL-Champions Washington, die Capitals sicherten sich Geissers Rechte im Draft 2017 in der 4. Runde. Das sorgte selbst in der Schweiz kaum für Schlagzeilen, es war Nico Hischiers Jahr als Nummer 1.

Tobias Geisser ist nicht der erste Schweizer bei den Hershey Bears, 1997 begann hier auch die Nordamerika-Karriere eines gewissen ... David Aebischer (Bild). (Bild: John Troha/SwissPress).

Geissers Jahrgang ist 1999. Das muss erwähnt sein, weil die AHL Spieler, die zu Saisonbeginn jünger als 20 sind, nur in Ausnahmefällen erlaubt. Aus nordamerikanischen Juniorenteams gedrafteten U-20-Spielern ist die Teilnahme untersagt. Und jene sechs AHL-Europäer, die jünger sind als Geisser, sind Erstrunden-Drafts, die von ihren Clubs auf baldige NHL-Einsätze vorbereitet werden. Auf Geisser hingegen hat keiner gewartet.

Raus aus der Komfortzone

Er hätte sein Nordamerika-Abenteuer auf nächste oder übernächste Saison verschieben können und beim EVZ bleiben, in einer guten Rolle, mit nettem Lohn. Wobei er übers Geld nicht klagt, auch wenn vom gut 5000 Franken Brutto-Monatsgehalt fast die Hälfte für Steuern draufgeht. Zusammen mit den Boni sei es kein schlechter Lohn, sagt Geisser: «Ich lebe nicht bloss von Wasser und Brot …» Dennoch, angesichts seines Alters bezeichnet sich Geisser nicht zu Unrecht als «extremen Exot der AHL.»

34'798 Stofftiere werden hier bei einem Heimspiel der Hershey Bears gegen die Binghamton Devil aufs Eis geworfen - das ist offenbar Rekord bei Teddybären-Wurfaktionen durch die Fans.

Er wählte den beschwerlicheren Weg bewusst: «Ich will das hier durchziehen, das Ziel ist die NHL.» Und er lerne viel: Selbständigkeit im Alltag einerseits. Und ein anderes Eishockey andererseits. In der Schweiz liebte er die Kreativität. Sie war eine der Vorzüge, die Geisser sah («Angriffe auslösen, Quarterback sein»), als sein Juniorentrainer Leo Schumacher in Zug mit ihm dasselbe tat wie bereits früher bei Raphael Diaz und Luca Sbisa: er machte aus einem Stürmer einen Verteidiger.

Physisch hart auf den Körper spielen musste er in der Schweiz nie, Geisser eroberte bei den Junioren die Pucks meist mit reiner Stockarbeit. Er galt als sanfter Riese, mit seinen 194 cm ist Geisser auch in Hershey der Grösste. Letzten Sommer überlegte er sich gar, Kickboxen ins Training zu integrieren, um Hemmungen beim Körperspiel zu lösen, liess es dann aber sein.

Dinge, die Geisser in der Schweiz kaum tat

Nun, in der AHL, ist das Eisfeld kleiner, die gegnerischen Stürmer beim Forechecking aggressiver, Zeit für den geliebten Pass bleibt kaum. Geisser muss im Spielaufbau mit dem Puck plötzlich Dinge tun, die er in der Schweiz fast nie tat: «Bloss rausschiessen, tief via Bande, hoch via Plexiglas, oder gar per Lob – Priorität hat, dass er schnell aus der Zone kommt.»

Das grosse Ziel: Tobias Geisser im Dress der Washington Capitals – hier in einem Testspiel letzten September in Québec gegen die Montreal Canadiens. (Bild: David Kirouac/Icon Sportswire via Getty Images).

Dass Geisser damit immer besser klar kommt, ist nicht erstaunlich. Schumacher beschreibt ihn als Spieler mit sehr hoher Spielintelligenz, als einen, «der Systeme sofort kapiert, sich für taktische Aspekte sehr interessiert.» Geisser spielte vor gut drei Jahren erstmals als Verteidiger, im Eiltempo wurde er Junioren-Internationaler, Stammspieler in Zug, NHL-Draftee – nun könnte er AHL-Stammkraft werden.

Vorerst isst Geisser hartes Brot, er muss akzeptieren, auch mal überzählig zu sein. Zu Saisonbeginn und beim Jahreswechsel fehlte er zudem wegen Verletzungen. Geisser lernt auch die rauen Seiten der AHL kennen. 38 Spieler setzten die Bears schon ein, 15 Verteidiger, es ist ein Kommen und Gehen. Geisser kämpft derzeit mit drei anderen Abwehrspielern um die Plätze 5 und 6, nur die Top-4 sind gesetzt. Ob er spielt, erfährt Geisser erst am Morgen beim Blick auf die ausgedruckte Aufstellung in der Garderobe. Er gesteht, dass ihm das zu Beginn Mühe bereitete.

Eine WG mit Jonas Siegenthaler

Was hilft, ist das ruhige Leben in Hershey, einer Kleinstadt in Pennsylvania, wo die Kriminalität fast inexistent ist, die Leute dafür verrückt nach Eishockey sind. Die Bears entzückten sie kürzlich mit einer Serie von 17 Spielen mit Punktgewinn, davon 16 Siege – ein Clubrekord.

Es ist nicht braun, sondern «schokoladenbraun»: Das Dress der Hershey Bears.

Bloss 15'000 Einwohner zählt das Örtchen, mit knapp 9000 Fans pro Heimspiel haben die Bears aber den zweithöchsten Schnitt der AHL. Ansonsten gäbe es kaum was zu tun in Hershey, erzählt Geisser, der mit Jonas Siegenthaler eine Spieler-WG bildet. Der Zürcher weilt aber bereits häufig beim NHL-Team in Washington – dort, wo auch Geisser einst hin will.

Etwas gibt es in Hershey dann aber doch noch ausser Eishockey: Landesweit berühmt ist die Stadt wegen ihrer Schokolade: Hershey-Riegel und «Reese’s», ein Snack mit Erdnussbutter, sind fast schon amerikanisches Kulturgut. Darum spielen die Bears nicht in braunen, sondern schokoladenbraunen Jerseys, das wird stets betont.

Die Episode «Tobias und die Schokoladenfabrik» gab es zwar noch nicht. Er habe bloss mal im Fabrikladen vorbeigeschaut, sagt Geisser – er bevorzuge halt immer noch Schweizer Schokolade.

Der Hershey-Riegel und ein «Reese's Buttercup», illustriert in einer Werbung (Bild: Archiv Tages-Anzeiger).

berneroberlaender.ch/Newsnetz

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