In seinem Traumland muss er jetzt der Retter sein

Wer ist Harijs Witolinsch? Eine Spurensuche zu jenem Mann, der beim HC Davos als Nachfolger von Arno Del Curto in die Schweizer Sportgeschichte eingeht.

Die neue Heimat des Harijs Witolinsch: Die Bande des HC Davos.

Die neue Heimat des Harijs Witolinsch: Die Bande des HC Davos.

(Bild: Urs Lindt/Freshfocus)

Kristian Kapp@K_Krisztian_

Da steht er also. Harijs Witolinsch. Die Blicke auf ihn gerichtet, die Kameras auch, als sei er ein fremdes Wesen, ein Pandabär im Zoo, frisch aus China importiert. Es ist aber die BCF-Arena in Freiburg, Witolinsch steht an der Davoser Bande, und das ist zugegeben ein seltsames Bild.

Weil in den letzten 22 Jahren stand da stets Arno Del Curto, bis er Ende November zurücktrat. An dieses Bild gilt es sich zu gewöhnen. Witolinsch, 50, aus Riga, ist Del Curtos Nachfolger, er unterschrieb bis Ende Saison. Das Ziel: der Ligaerhalt.

Doch wer ist Harijs Witolinsch? Und warum stellten sich viele Eishockeyfans in der Schweiz genau diese Frage, als der HC Davos ihn am Donnerstag präsentierte? Hatten sie sich einen grösseren Namen aus der Eishockeywelt erhofft? Ein Unbekannter in der Schweiz ist Witolinsch aber nicht. Bloss ist das eine Weile her, als er sich hier einen Namen machte.

Als Spieler kam er 1992 kurz in die Schweiz, auf der Suche nach einer neuen Eishockey-Heimat. Nach drei Monaten in zweit- und drittklassigen nordamerikanischen Teams traf er in Chur ein und dachte: «Ich bin in einem Traumland!» Andere Zeiten seien das gewesen, erinnert sich Witolinsch. «Du konntest aus Osteuropa nicht einfach so in die Schweiz reisen. Du brauchtest ein Visum, das war kompliziert.»

Im Traumland erlebte er den sportlichen Alptraum. Trotz vieler Witolinsch-Tore wurde Chur Letzter der NLA, im Duell mit dem B-Meister zog er den Kürzeren – Abstieg. Der B-Meister und Aufsteiger: Davos mit Mats Waltin, Del Curtos Vorgänger.

Wie es hier nicht geht: Die wichtige Erfahrung als Spieler

Ein Absteiger. Daran erinnert Witolinschs neues Team zu Beginn. Offensiv inexistent, defensiv mit wiel Wohlwollen knapp genügend – so tritt der HCD auf. Das Beste für ihn ist der knappe 0:1-Rückstand nach 20 Minuten. Was in Witolinsch wohl vorgeht? Es fällt auf: Immer wieder muntert er die Spieler auf, vor allem die Jungen.

Ein Team, das lebt, hatte er sich erhofft, eines, das Selbstvertrauen zeigt. Das sieht er nicht. Noch nicht. Er sei flexibel als Coach, sagte Witolinsch. Er arbeitete, meistens als Assistent, mit KHL-Teams sowie der lettischen und russischen Nationalmannschaft, wurde Weltmeister. Die Russen müsse man hart anfassen, die brauchen das, sagt er. Aus seinen Jahren als Spieler in der Schweiz wisse er, dass das mit Westeuropäern so nicht funktioniere.

Diese Zeit als Spieler in der Schweiz. Kaum abgestiegen, verliess Witolinsch 1993 das Land, noch nichts deutete darauf, dass es seine zweite Heimat werden sollte. Die NHL lockte, es wurden für den Center bloss acht Spiele für Winnipeg, ansonsten fand er sich erneut im Farmteam wieder.

Witolinsch ging dann ein Jahr in die Schweiz zu Rapperswil und eine Saison nach Schweden. Erst dann war es soweit: Die Rückkehr zum EHC Chur, mittlerweile dank Herzblut und viel Geld von Präsident Ruedi Liesch ein «Powerhouse» der NLB, eines, das 2002 zum Kartenhaus werden sollte, das kollabierte und im Amateurhockey verschwand. Doch zunächst waren da die guten Jahre. «Diese Zeit in Chur, sie war die Schönste», sagt Witolinsch heute.

«Harijs kam mit uns, das war nicht selbstverständlich. Er war offen, westlich orientiert»

In seinem ersten Jahr mit Abstand Topskorer, riss er Mitspieler und Fans mit. Es war die Zeit, als er sich den Legendenstatus beim EHC ­erspielte. Der zweitbeste Skorer, mit satten 36 Punkten Rückstand, das war Andreas Fischer, heute Chef der Schweizer Schiedsrichter.

Ein sehr guter Freund sei er gewesen, sagt Fischer. In Chur spielten und trainierten zu jener Zeit oft Leute aus früheren Sowjetstaaten, «klassische Russen» hätten die Mitspieler diese genannt, erinnert sich Fischer. «Ausser Witolinsch.» Wenn die Spieler in den Ausgang zogen, pflegten die «Russen» ihre Wodka-Partys unter sich zu feiern – das war für die Schweizer vielleicht besser so … «Harijs kam mit uns, das war nicht selbstverständlich. Er war offen, westlich orientiert», erzählt Fischer.

Er freut sich aufs Wiedersehen. Als ihn die «Sonntags Zeitung» kontaktiert, will Fischer als erstes die Handynummer Witolinschs haben. «Der Kontakt ging etwas verloren, damals gab es keine Mobiltelefone oder soziale Medien», erklärt er. Zu einem Treffen kam es aber bereits 2006, als beide ihre zweiten Karrieren starteten: Witolinsch als Trainer in der 2. Liga bei den Pikes Oberthurgau, Fischer als Referee.

Witolinsch mag oft nicht wie der lustigste Zeitgenosse dreinblicken, doch dass er ­Humor hat, hat Fischer auch in diesen Spielen gemerkt: «Er war stets korrekt. Doch wenn ich eine Strafe übersah, rief er mir aufs Eis: Fischer, das ist wie früher, als du Stürmer warst und das Tor nie trafst.»

Die Trainerkarriere, sie begann bei Pikes Oberthurgau

Das Tor treffen, das tun Witolinschs Davoser Spieler plötzlich im Mitteldrittel. Die Wandlung ist erstaunlich, da ist sie: Die Mannschaft, die lebt, die mutig ist – sie führt 3:1 nach 40 Minuten. Es ist ein Wandel, wie man ihn früher mit Del Curto an der Bande oft sah. Er habe die richtigen Knöpfe gedrückt, hiess es dann. Ob Witolinsch auch diese Knöpfe fand?

Wie man das tut, lernte er bei den Pikes Oberthurgau. Sein Förderer, dem der Lette bis heute dankbar ist: Richard Stäheli, 65, Unternehmer, immer noch freundschaftlich verbunden und einer der ersten Gratulanten nach Witolinschs Unterschrift in Davos. Stäheli, damals Clubpräsident, baute die Halle der Pikes in Romanshorn auf eigene Kosten, mit dem Ziel der Juniorenförderung.

Witolinsch wurde 2005 sein Trainer. Auf allen Stufen. «Ich finde das wichtig», sagt Witolinsch. «Oft heisst es: Du warst ja Eishockeyprofi, du musst jetzt sofort Profis oder eine 1. Mannschaft trainieren. Für mich waren die drei Jahre im Nachwuchs eine gute Lehre: Wie gehst du um mit verschiedenen Kindern, Junioren, Eltern? Diese Erfahrung brauchte ich.»

Stäheli lernte ihn als äusserst organisierten Trainer kennen, als Menschen mit Rückgrat: «Er ist keiner, der immer Ja und Amen sagt. Heute lassen viele Mitarbeiter ihre Chefs in die Wüste gehen, indem sie nie widersprechen. Harijs war nicht so. Er konnte sagen: Nein, so geht das nicht. Er war argumentativ stark.»

«Er ist keiner, der immer Ja und Amen sagt»

Und Stäheli war keiner, der das einfach so akzeptiert hätte, das will er betont haben: «Ich bin nicht gerade wie Constantin, aber ähnlich. Wenn es mit einem Trainer nicht lief, habe ich schnell gehandelt. Aber bei Harijs war es anders. Einmal, als wir nach sechs Spielen null Punkte hatten, bin ich in in die Kabine und habe zur Mannschaft gesagt: Vorher sind alle Spieler weg, bevor Harijs weg ist.»

Witolinsch ging erst, als die Chance auf einen Job in der KHL winkte. Er wurde Assistenzcoach bei HK MWD Balaschicha, dann bei Dynamo Moskau, wo er auch über ein Jahr Cheftrainer war, die letzten zwei Jahre war er wieder Assistent bei SKA St. Petersburg.

Den Wohnsitz im Thurgau behielt Witolinsch, Ehefrau und die beiden Töchter blieben. Nun ist auch er definitiv zurück. Als das Spiel in Freiburg vorbei ist, darf er einen Sieg analysieren. Sein Team wankte, fiel aber nicht, gewann 3:2. Witolinsch tadelt die Passivität am Anfang, lobt, dass das Team dann Gas gab, so wie er sich das erhofft hatte. Sprüche gibts keine, Witolinsch weiss: Die Arbeit hat erst begonnen.

Mitarbeit: Philipp Muschg

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