Jetzt serviert er Kaviar unter Palmen

Das NHL-Abenteuer von Denis Malgin sahen viele skeptisch. Nun lebt er seinen Traum – und steht bei den Florida Panthers vor einem wegweisenden Jahr.

Denis Malgin über Jaromir Jagr, Versuchungen – und wie er ein Einzelzimmer bekommt. Video: Fabian Sanginés und David Schöpf.

Die Szenerie wirkt unwirklich. Strahlender Sonnenschein, 33 Grad im Schatten, 85 Prozent Luftfeuchtigkeit: nicht gerade ­typisches Wintersportklima. Und doch passt der Schweizer Eis­hockeyaner Denis Malgin perfekt in diese Umgebung.

Zum Gespräch in Tampa erscheint ein junger Mann, knapp 1,75 Meter gross, scheue, sympathische Ausstrahlung. Er trägt schwarze Shorts und ein schwarzes T-Shirt, darauf ein rotes Logo und dazu passend rote Schuhe. Der 21-Jährige hat sich bei seiner Kleiderwahl offensichtlich etwas überlegt. Und genau so spricht er auch: pragmatisch, reflektiert, immer wieder verlegen lächelnd.

Lange überlegen muss er nur einmal nicht: bei der Entscheidung, dass das Gespräch auf der Hotelterrasse stattfinden soll und nicht im Konferenzraum. Während draussen die Sonne vom Himmel brennt, ist es drinnen gefühlte 12 Grad kalt. Die ­exzessiv eingesetzten Klima­anlagen hat Malgin in den zwei Jahren Florida offenbar noch nicht recht lieben gelernt.

Spiel um den neuen Vertrag

Ansonsten scheint er sich bestens angepasst zu haben. «Ich laufe jeden Tag mit kurzen ­Hosen und Flipflops herum, es gefällt mir, ich hätte nichts dagegen, noch viele Jahre hier zu bleiben», schwärmt er. Es ist der Tag vor dem erstem Saisonspiel der Florida Panthers, dem Derby gegen Tampa Bay Lightning. Und für Malgin ist es der Start ins wichtige dritte Jahr in der besten Liga der Welt. Das letzte im sogenannten Entry-Level-Vertrag. «Daran denke ich im Moment nicht. Ich versuche einfach, mein bestes Eishockey zu spielen», versichert der Center, der bis zu seinem Wechsel nach Nordamerika für die ZSC Lions stürmte. Und doch: Unterschreibt er ein neues Arbeitspapier, gehört er offiziell zu den Arrivierten.

Das wäre alles andere als selbstverständlich. Denn es waren nicht viele, die an sein Durchsetzungsvermögen glaubten – obwohl er stets als Ausnahme­talent galt. Zu klein sei er für die grosse NHL, in der ein Mittelstürmer durchschnittlich 1,83 Meter misst. Zu den Zweiflern gehörte etwa Kent Ruhnke. Der frühere Meistertrainer kritisierte im März 2015 während des ZSC-Halbfinals gegen Servette: «Der vierte Sturm verliert mit dem kleinen Malgin an physischer Präsenz.» Malgins pragmatische Antwort, nachdem er ­wenige Monate später im NHL-Draft an 102. Stelle gezogen worden war: «Man muss einfach ­alles schneller machen, dann schafft man es schon. Es ist mein Traum, dort zu spielen.»

Heute sagt er: «Für diesen Traum habe ich viel trainiert, alles ­geopfert, sozusagen. Wenn man mehr macht als die anderen, ­jeden Tag, dann kommt man zum Ziel.»

Raus aus dem Doppelzimmer

Bisher hat das sehr gut geklappt. Dabei gibt es an seinem neuen Arbeitsort mehr Herausforderungen, als die ungeschriebenen Gesetze der Physis ausser Kraft zu setzen. Versuchungen aller Art zum Beispiel. Ein Ort wie Fort Lauderdale – mit rund 250 Sonnentagen im Jahr und nur 45 Fahrtminuten entfernt von Miami Beach – bietet reichlich davon. «Am Anfang war es schon schwierig, sich auf ein Spiel einzustellen. Man muss damit klarkommen, dass man nicht als Tourist da ist», sagt Malgin, «es ist leicht, da den Kopf zu verlieren.» Er hat ihn nicht verloren, im Gegenteil: Der Schweizer bestritt in seiner ersten Saison 47 von 82 Spielen, steigerte sich in der zweiten auf 51 und erzielte dabei 11 Tore und 11 Assists.

Das nächste Ziel heisst also Vertragsverlängerung und wäre auch finanziell reizvoll. Sein maximales Jahressalär von aktuell 690'000 Dollar würde deutlich angehoben. Dazu käme mehr Privatsphäre: Auf Auswärtsreisen würde er ein Einzelzimmer erhalten – Spieler mit Einsteiger-Verträgen schlafen im Doppelzimmer. Er teilt es mit Maxim Mamin, einem 23-jährigen Russen. «Wir haben es lustig zusammen», sagt Malgin.

Dass sie die gleiche Muttersprache haben, macht die Sache einfacher. Malgin, gebürtiger Oltner, ist Sohn russischer Einwanderer. Vater Albert spielte jahrelang in der NLB und trainiert heute den EHC Basel. Denis, der mit seiner schwedischen Freundin im Stadtteil Las Olas von Fort Lauderdale wohnt, hat täglich Kontakt mit seinen Verwandten. Und obwohl nur ein- oder zweimal Besuch aus der Schweiz kommt, besteht der Einfluss von zu ­Hause weiter.

«Wenn man mehr macht als die andern, jeden Tag, dann kommt man zum Ziel.»

Auch auf dem Eis. Die russische Schule prägt Malgins Spielstil: Er ist ein herausragender Schlittschuhläufer mit exzellenter Stocktechnik und sehr guter Übersicht. Der frühere ZSC-Sportchef Edgar Salis sagte einst, Malgin verfüge über eine 360-Grad-Sicht. Er liebt es, seine Mitspieler in Szene zu setzen. An der U-18-WM vor drei Jahren in Zug schwärmte Mitspieler Auguste Impose nach seinen Doppelpack beim 5:0-Sieg der Schweiz gegen Russland: «Denis servierte mir Kaviar. Ich musste nur noch einschieben.»

Die Kehrseite: Malgin schiesst zu wenig aufs Tor, spielt den Puck im Zweifelsfall lieber zu einem Mitspieler. Nur 148 Schüsse in 99 NHL-Spielen sind das Resultat. Teamkollege Aleksander Barkow etwa schoss alleine letzte Saison in 79 Partien 256 Mal aufs gegnerische Tor. ­Malgin gelobt Besserung: «Im Training suche ich jetzt aus jeder Position den Abschluss und schaue nicht mehr auf die anderen.»

Das ist am Tag des Saisonstarts schon früh zu beobachten. Im Abschlusstraining am Morgen schiesst Malgin von überall – auch in Zwei-gegen-eins-Situationen. Ohnehin ist sein Trainingseifer unübersehbar. Er ärgert sich über misslungene Aktionen, sucht auch zwischen Übungen immer wieder den Kontakt mit dem Puck. Es sind nicht bloss Worthülsen, wenn er sagt: «Ich arbeite jeden Tag hart, um der Beste zu werden.»

In Schlüsselphasen dabei

Diese Arbeit hat ihn weit gebracht. Er kommt beim Derby gegen Tampa Bay auf über 16 Minuten Eiszeit, schiesst zweimal aufs Tor und darf bei der 1:2-Niederlage nach Penaltys über drei Minuten im Powerplay ran. Er kommt selbst in der Verlängerung zu einem Einsatz, wo es bei drei gegen drei Feldspielern ziemlich rassig zugeht.

Jetzt lebt er seinen Traum. Andere gehen in Winterschuhen ins Eishockey-Training oder mit Flipflops an den Strand. Malgin kann täglich in Flipflops ins Training, den Strand ganz in der Nähe. Er serviert den Kaviar unter Palmen. Was er heute seinen Kritikern von damals sagen würde? Die Antwort passt zu einem, der stets den eigenen Weg ging: «Ich habe es geschafft!»

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