Moderner, aber es bleibt eine Schinderei

Die Profis des SC Bern absolvieren unter der Leitung von Roland Fuchs derzeit das ungeliebte Sommertraining. Neuerdings gehen die Spieler auch aufs Eis.

Exzentrisches Training mit der K-Box: Beat Gerber stärkt unter Aufsicht von Roland Fuchs Adduktoren und Hüftbeuger.<p class='credit'>(Bild: Raphael Moser)</p>

Exzentrisches Training mit der K-Box: Beat Gerber stärkt unter Aufsicht von Roland Fuchs Adduktoren und Hüftbeuger.

(Bild: Raphael Moser)

Adrian Ruch

Vier- oder fünfmal vier Minuten mit jeweils kurzen Pausen dauern derzeit beim SC Bern Ausdauereinheiten. Noch vor 15 Jahren waren Eishockeyprofis im Sommer auf dem Rad oder in Joggingschuhen jeweils über eine Stunde unterwegs. Was ist angenehmer, Beat Gerber? Der dienstälteste SCB-Spieler überlegt kurz und antwortet dann schmunzelnd: «Es ist beides ein Scheissdreck.» Früher sei es mühsam gewesen, weil das Rennen und das Velofahren lange gedauert hätten, «aber vom Empfinden her ist das Ausdauertraining massiv härter geworden», sagt der 36-jährige Verteidiger.

Das physische Training im Spitzeneishockey hat sich in den letzten 15 Jahren stark gewandelt. «Als ich Profi wurde, gehörte Bankdrücken zum Standardprogramm, jetzt machen wir das fast nie mehr», nennt Gerber ein Beispiel. «Früher basierten die Trainingsmodelle vor allem auf Erfahrungswerten, mittlerweile hat die Wissenschaft Einzug gehalten», stellt SCB-Konditionstrainer Roland Fuchs fest.

So kommen heute mehr Freihanteln und moderne Hilfsmittel zum Einsatz, zum Beispiel die K-Box, die für das Training von Astronauten im Weltall entwickelt worden ist. «Es ist ein Gerät für exzentrische Trainingsformen», erklärt Fuchs. Das Prinzip ist, dass die Muskeln nicht nur ­trainiert werden, wenn sie sich zusammenziehen, sondern auch in der Streckphase. Gerber de­monstriert eine Übung, bei der es darum geht, die Hüftbeugemuskeln und die Adduktoren exzentrisch zu belasten. Wer den fünf­fachen Meister beobachtet, erkennt die hohe Belastung nicht. «Aber nach zweimal 15 Wiederholungen pro Bein bist du kaputt», erzählt der Haudegen.

Auch Verletzungsprophylaxe

Die Adduktoren sind eine bekannte Schwachstelle der Eishockeyaner; die K-Box ist ein Mittel, Problemen vorzubeugen. Denn die Verletzungsprophylaxe ist der zweite wichtige Zweck des Fitnesstrainings, das in erster ­Linie der Leistungsoptimierung dient. «Die Physis darf kein limitierender Faktor sein, zumal auch das Mentale mit der körperlichen Verfassung zusammenhängt», berichtet Fuchs, der ebenfalls die Schwingerkönige Kilian Wenger und Matthias Glarner betreut.

Fuchs gestaltet einen Grossteil des Trainings individuell; er passt die Belastung den Bedürfnissen jedes Einzelnen an. Schliesslich will er verhindern, dass die einen über- und die anderen unterfordert sind. Gerber erwähnt, das Fitnesstraining sei über die Jahre eindeutig hockeyspezifischer geworden. Das Programm des SCB entscheidet sich grundlegend von einem, das auf einen Läufer oder einen Basketballer zugeschnitten ist. «Ich versuche aber nicht mehr, die Sportart im Kraftraum zu imitieren», erläutert Roland Fuchs. «Um schneller zu laufen, muss einer auf den Schlittschuhen üben.»

Konditionstraining tut weh

Relativ neu ist, dass die Eishockeyprofis auch im Sommer aufs Eis gehen. Erstmals steht dem SCB schon im Juni das zweite Feld in der Postfinance-Arena zur Verfügung. Jeweils am Dienstag- und am Donnerstagnachmittag arbeiten die Spieler im Rink. Das Training unterscheidet sich grundlegend von jenem während der Saison; gearbeitet wird in kleinen Gruppen an den individuellen Fähigkeiten. Diese Woche etwa weilt ein Schusstrainer in Bern.

«Das spezifische Training ist eine gute Sache, aber zweimal pro Woche ist genug», urteilt Beat Gerber, der festgestellt hat, dass die Belastung höher ist als im Winter. Das Gefühl des Routiniers wird durch die Ergebnisse der Herzfrequenzmessung bestätigt.

«Konditionstraining muss nicht Spass machen; es tut weh. Es geht darum, die Komfortzone  zu ­verlassen.»Roland Fuchs

Die Abwechslung ist grösser als früher, und Dauerläufe fallen weg. Trotzdem ist das Sommertraining alles andere als ein Zuckerschlecken. Das gilt umso mehr, als für einen perfekten Aufbau laut Fuchs zwölf Wochen nötig wären, ihm aber nur etwa sieben zur Verfügung stehen. Es bleibt daher weniger Zeit für ­Erholungsphasen. «Ich muss die Spieler zum Teil bewusst zu ­Boden fahren», gibt er zu. «Konditionstraining muss nicht Spass machen; es tut weh. Es geht ­darum, die Komfortzone zu ­verlassen und Grenzen zu überwinden», erzählt der studierte Sportlehrer. Jeder SCB-Spieler hat den Berner Oberländer wohl schon verdammt, still oder laut. «Angeschnauzt zu werden, ist Teil meines Jobs», sagt er ­lachend.

Für die Eishockeyprofis ist das Sommertraining ein «Scheissdreck», wie es Beat Gerber direkt formuliert. Doch spätestens wenn die SCB-Exponenten im Winter Tore bejubeln und von 17'000 Leuten gefeiert werden, ist die ganze Schinderei vergessen.

Berner Zeitung

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