«Öttu», eine Ohrfeige und der Europa-Rekord

Innert 24 Stunden treffen der SC Bern und die SCL Tigers am Freitag und am Samstag zweimal aufeinander. Derbys haben nach wie vor besondere Bedeutung. Ein Blick zurück.

Auf ganz grosser Bühne: Anlässlich des «Tatze-Derbys» duellieren sich Langnau und Bern 2007 im Stade de Suisse – vor 30?076 Zuschauern.

Auf ganz grosser Bühne: Anlässlich des «Tatze-Derbys» duellieren sich Langnau und Bern 2007 im Stade de Suisse – vor 30?076 Zuschauern.

(Bild: Andreas Blatter)

Philipp Rindlisbacher

9. 1. 1957: Der SCB und Langnau spielen in der NLB, auf der Ka-We-De sehen 3200 Zuschauer den 10:4-Sieg der Berner. Das Tor der Emmentaler hütet Otto Wittwer – ein Stürmer! Goalie Emil Zaugg brach sich kurz zuvor beim Fussball-Meisterschaftsspiel mit dem FC Langnau das Bein. «Öttu» muss zwischen die Pfosten, weil er der Vielseitigste ist. Trotz Stängeli titelt das «Berner Tagblatt»: «Der kleine Keeper war grosse Klasse.» Sogar die SCB-Fans applaudieren. Und: Die Berner Vereinsführung fragt Wittwer später, ob er Interesse an einem Wechsel bekunde. Worauf dieser dankend verneint.

24. 1. 1962: 1961 steigt Langnau in die Nationalliga A auf, in der ersten Saison auf höchster Stufe kommt es gleich zum Premieren-Sieg über den SCB. 4:2 gewinnen die Emmentaler vor 5200 Zuschauern auf der offenen Kunsteisbahn im Dorf. Trainer ist der Kanadier Bob McNeil. Sein Gehalt? 308 Franken pro Woche plus Kost und Logis – Getränke exklusive.

23. 12. 1969: Vor Weihnachten präsentiert sich Langnau nicht in Geberlaune. Im 14. und letzten Qualifikationsspiel braucht der SCB einen Sieg, um den Fall in die Abstiegsrunde zu vermeiden. Vor 10 000 Zuschauern im offenen Allmendstadion verlieren die Berner 3:4, der spätere Nationaltrainer Simon Schenk erzielt das entscheidende Tor. Langnau wird daraufhin erstmals Vizemeister, Bern zieht in der Relegationsrunde gegen den ZSC und Visp den Kürzeren und steigt ab. Den Platz in der NLA übernimmt Ambri.

Akrobaten der 1970er: Langnaus Simon Schenk düpiert SCB-Goalie Jürg Jäggi. Bild Hans Wüthrich

29. 11. 1972: In Partien gegen Langnau verliert der Berner Spielmacher Roland Dellsperger nicht weniger als sechzehn Zähne. Deren neun sind es vor knapp 44 Jahren, als die Emmentaler gegen den Aufsteiger 4:2 siegen. Nach jenem Duell ist der 2013 verstorbene SCB-Ehrencaptain derart wütend, dass er in der Garderobe das Lavabo komplett zertrümmert. Die Reparaturkosten von 280 Franken bezahlt er aus der eigenen Tasche.

26. 11. 1974: 5:5 trennen sich Langnauer und Berner. Wobei das Ergebnis nebensächlich ist. Es regnet auf der offenen Eisbahn, SCB-Materialwart Hansueli Fuhrimann stellt seine grosse Tasche neben Langnaus Spielerbank hin, weil diese gedeckt ist. Peter Lehmann, ein Lang­nauer Verteidigerurgestein, weist ihn dreimal zurecht. «Doch er liess die Tasche dort stehen, da habe ich ihm eine Ohrfeige verpasst», erzählt er. Und was für eine! Fuhrimann bricht sich Joch- und Nasenbein, liegt einen Monat lang im Spital und muss sechzigmal zum Zahnarzt. Es folgen ein Streit vor Gericht und Anwaltskosten von rund 75 000 Franken. Lehmann hat Glück, der Klub begleicht die Rechnung.

17. 10. 1998: Nach jahrelanger Krise ist Langnau zurück in der NLA. In der ausverkauften, damals noch 6500 Zuschauer fassenden Ilfishalle verliert der Aufsteiger 6:7 nach Verlängerung, nie sind in einem Derby mehr Tore gefallen. 0:1, 3:1, 3:5.6:5, 6:7 – die Torfolge verdeutlicht das Spektakel. Bei den Bernern spielt eine Ansammlung von Alphatieren: Renato Tosio, Martin Rauch, Sven Leuenberger, Martin Steinegger, Roberto Triulzi, Gil Montandon, Patrick Howald und so weiter. Das Langnauer Tor hütet Martin Gerber.

14. 1. 2007: 30 076 Fans sind im Stade de Suisse zugegen – mit dem «Tatze-Derby» im Fussballstadion sorgen Langnau und Bern für einen Zuschauer-Europa-Rekord, der bis 2009 gültig sein sollte. Die Kunstrasenfläche wird mittels Isolierschicht und rund 300 Kilometern Schläuchen mit Kühlflüssigkeit bedeckt. Der SCB siegt locker 5:2, 260 Journalisten berichten vor Ort. Als Heimklub bleiben den SCL Tigers etwa 400 000 Franken Reingewinn.

3. 1. 2010: Erstmals wird ein Heimspiel aus wirtschaftlichen Gründen verkauft. Langnau verzichtet aufs Heimrecht, gespielt wird in Bern. Der Deal geht so: Der SCB stellt das Stadion gratis zur Verfügung, verrechnet nur Sicherheitskosten. Sämtliche Zuschauereinnahmen kassieren die finanziell angeschlagenen Tigers; es kommen 13 125 Fans, weshalb ein Gewinn von über 150 000 Franken resultiert. Was für den SCB herausspringt? Er partizipiert an den Cateringeinnahmen, die Hallenwerber erhalten einen zusätzlichen Auftritt. Ach ja, der Favorit siegt 7:3.

15. 2. 2013: Zwei von vier Derbys gewinnen die in jener Saison an und für sich überforderten Langnauer. Vor Heimpublikum liegen sie sechs Minuten vor Schluss 3:5 hinten, gleichen das Geschehen dank zwei Shorthandern aus und reüssieren in der Verlängerung. Zwei Monate später sieht die Gefühlslage komplett anders aus: Bern feiert den Titel, Langnau steigt ab – am selben Abend.

15. 12. 2014: Anlässlich der Wiederbelebung des Schweizer Cups kommt es im Viertelfinal zum Knüller. Innert vierzehn Minuten ist die Ilfishalle ausverkauft, gemäss Tigers-Präsident Peter Jakob hätten über 1000 weitere Tickets veräussert werden können. Bern bezwingt den NLB-Klub 4:1, bis zur 59. Minute steht es nur 2:1. Mehrere Langnau-Profis bestätigen vier Monate später, diese Partie habe den Glauben an den Aufstieg massiv bestärkt.

27. 11. 2015: 5:3 führt Bern vor eigenem Publikum gegen den Aufsteiger, zu spielen sind noch fünf Minuten. Doch dem Underdog gelingt die Wende, er re­üssiert 6:5 im Penaltyschiessen. Während des Spiels geraten SCB-Haudegen Timo Helbling und ­Tigers-Assistent Rolf Schrepfer mehrfach verbal aneinander. Nach der Partie bezeichnet Helb­ling den Thurgauer als «peinliche Figur». Schrepfer meint, er wäre sehr gern aufs Eis gesprungen und hätte die Sache «aktiv ge­regelt». Helbling beleidigt überdies Langnaus Kevin Clark und redet sich derart in Rage, dass der SCB-Pressechef später den Journalisten mit der Bitte anruft, doch beim Abdrucken der Zitate Gnade vor Recht walten zu lassen.

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