SCB – ZSC: Gipfeltreffen der Gegensätze

SCB und ZSC gewannen 8 der letzten 11 Meistertitel. Heute kommt es zur ersten Saisonbegegnung in Bern. Eine Momentaufnahme der beiden so verschiedenen Spitzenclubs.

Der Topskorer bei ZSC und der Rückhalt des SCB: Jérôme Bachofner und Leonardo Genoni. Fotos: Melanie Duchene (PPR), Anthony Anex (Keystone)

Der Topskorer bei ZSC und der Rückhalt des SCB: Jérôme Bachofner und Leonardo Genoni. Fotos: Melanie Duchene (PPR), Anthony Anex (Keystone)

Philipp Muschg@tagesanzeiger

Punkt 1: Der ZSC istTransfersieger

Zwei Schweizer Nationalspieler, ein tschechischer Weltmeister, ein mehrfacher Captain von Team Canada: Selten rüstete eine Meistermannschaft so auf wie die ZSC Lions mit Hollenstein, Bodenmann, Cervenka und Noreau. Dass zwei der drei Neuen aus Bern kamen, vergrösserte das Gefälle zum grossen Rivalen ebenso wie dessen zurückhaltende Transferkampagne.

Nach einem Fünftel der Qualifikation lässt sich sagen: Immerhin die Hälfte der ZSC-Zuzüge hat eingeschlagen. Hollenstein ist zweitbester Punktesammler und Aktivposten des Teams, Noreau trug bis zum letzten Wochen­ende den Topskorerhelm und dirigiert das Powerplay. Auf der anderen Seite fehlt Bodenmann trotz ­Engagement oft die Bindung zum Spiel, ist Cervenka alles andere als der angekündigte Spektakelmacher. Null Tore und 4 Assists über­raschen nur, wer ihn diese Saison nie spielen sah.


Riesenparty bei den ZSC-Fans nach dem Titel

So feierten die Fans das entscheidende 2:0. Video: Fabian Sanginés


Im Vergleich zu Bern ist der ZSC trotzdem ein Transfersieger. Dort ist Almquist zwar ein sicherer Puckverteiler, aber weit ­weniger schussfreudig als ­Vorgänger Noreau. Den Ausfall des verletzten Untersander kann der Schwede im Überzahlspiel nicht kompensieren. Die drei neuen Schweizer sind bisher kaum ein Faktor. Powerflügel Sciaroni musste beim Start noch zwei Spielsperren aus der Vorsaison absitzen – und wurde nach nur zwei Matchs schon wieder gesperrt. Der ­gesundheitlich fragile Bieber machte seinem Ruf Ehre und verpasste die letzten Spiele. Grassi durfte pro Match nicht einmal 9 Minuten aufs Eis. Und der Slowake Mursak überzeugt, doch das tat 2017/2018 auch Raymond.

Punkt 2: Beim SCB spielt dievierte Linie kaum eine Rolle

Seit Kari Jalonen 2016 in Bern Cheftrainer wurde, hat der ­Finne den Ruf nach Kräften bestätigt, seinen Besten reichlich Eiszeit zu geben – auf Kosten der hinteren Reihen. Nun ging der Finne erstmals beim SCB nicht als Meister in die Saison, gelobte Besserung. Doch die Zahlen sprechen eine andere Sprache.

Gemessen an der Eiszeit, kommen bei Jalonen die Stürmer Nummer 10, 11 und 12 zwischen 8:48 und 10:48 Minuten zum Einsatz. Im Vergleich dazu hat in der vierten Linie beim ZSC kein Einziger unter 11 Minuten. Und selbst die Zürcher Nummer 15, Marco Miranda, weist mit 8:52 Minuten noch den höheren Wert auf als Berns Nummer 11, Daniele Grassi (8:48).

Umgekehrt gehören die Berner Leistungsträger zu den Schwerarbeitern der National League. Das Spitzentrio Arco­bello (20:32), Ebbett (19:44) und ­Moser (19:13) findet sich ebenso unter den Top 15 aller Stürmer wie vom ZSC Suter (19:22), Cervenka (19:21) und Shore (19:15).

Punkt 3: Erfolgsgarant Genoniist unersetzbar

Man könnte meinen, für die Überprüfung dieses Mythos sei es im Oktober noch zu früh. Doch einerseits ist da die kolossale ­Reaktion des SCB auf den beschlossenen Abgang von Nationalgoalie Leonardo Genoni im Sommer 2019: Der Club will kurzerhand die Ausländerregelung ändern, um die ganze Welt nach Ersatz abgrasen zu können, den es in der Schweiz nicht gibt.

Und andererseits beweist ­Genoni eben auch in diesem Herbst, dass die Bemühungen des SCB keineswegs eine Überreaktion sein müssen. 205 von 215 Schüssen gehalten (95,35 Prozent), im Schnitt nur 1,26 Tore erhalten: Die klar beste Defensive der Liga verdanken die Berner zu guten Teilen dem Zürcher zwischen ihren Pfosten.

Beim ZSC heisst das Erfolgsrezept dagegen wieder einmal Arbeitsteilung: Lukas Flüeler(6 Spiele) und Niklas Schlegel(4) ­gehören mit Fang­quoten von über 93 Prozent wie Genoni zu den Top 5 der Liga.


Video: Flüeler erhält seine neue Maske

Der ZSC-Goalie reagiert begeistert. Video: Fabian Sanginés


Punkt 4: Der ZSC profitiert vom Nachwuchs, Bern nicht

Als Vorwarnung: Der Anteil eigener Junioren im Team verläuft oft wellenförmig. Beim SCB vor fünf Jahren hätte man 13 frühere Nachwuchsspieler gefunden, darunter grosse Namen wie Vermin, Scherwey, Bertschy, Furrer oder Jobin. Doch ­ändert das nichts am öden Bild in der Gegenwart. 7 sind es derzeit noch, ausser Scherwey keiner Leistungsträger.

Ganz anders der Gegner. Wenn ein 22-Jähriger den Helm des Topskorers trägt, der seine ­gesamte Karriere in der ZSC-­Organisation verbracht hat, dann dürfen die Zürcher das durchaus als Auszeichnung verstehen. ­Jérôme Bachofner heisst der ­unbekümmerte Stürmer, der sich innert weniger Wochen vom Überzähligen ins Zentrum des Teams gespielt hat. Und der doch nur einer von 15 ist mit Juniorenvergangenheit beim ZSC – 60 Prozent der bisher Eingesetzten.

Dass die Zürcher sich ihre Nachwuchspyramide bis hinauf in die Swiss League ein paar Millionen jährlich kosten lassen, mag nicht effizient sein – aber Wirkung hat es zweifellos. Immerhin: Beim SCB zeigen sich erste Anzeichen einer neuen Welle. Mit Jeremi Gerber debütierte jüngst ein 18-Jähriger und unterschrieb seinen ersten Profivertrag.

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