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SCL Tigers: «Herzblut ist kein Geld»

Mit dem Heimspiel gegen die ZSC Lions geht für die SCL Tigers heute ein turbulentes Jahr zu Ende. Geschäftsführer Ruedi Zesiger und Fanklubpräsident Beat Zurbuchen blicken zurück – und voraus in eine schwierige Zukunft.

Der eine als Fan, der andere als Manager – beide setzen sie sich für die SCL Tigers ein: Beat Zurbuchen (links) und Ruedi Zesiger.
Der eine als Fan, der andere als Manager – beide setzen sie sich für die SCL Tigers ein: Beat Zurbuchen (links) und Ruedi Zesiger.
Hans Wüthrich

Herr Zesiger, was uns im Moment am meisten interessiert: Haben Sie schon einen neuen Trainer?Ruedi Zesiger: Nein, ich muss Sie enttäuschen. Der Entscheid pressiert zwar, aber wir dürfen trotzdem nichts übers Knie brechen. Denn die SCL Tigers brauchen einen Trainer mit einem speziellen Profil. Er muss die Verhältnisse hier in Langnau kennen, muss auf die Leute zugehen können. Bei uns, dem finanzschwächsten Klub der Liga, darf man nicht fordern: «Ich will diesen und diesen Spieler», sondern muss mit den Steinen bauen wollen, die man hat.

Köbi Kölliker würde diese Anforderungen erfüllen. Stimmt es, dass Sie mit ihm verhandeln?Zesiger: Es wäre sinnlos, dies abzustreiten. Mehr kann ich aber nicht dazu sagen.

Herr Zurbuchen, wen wünschen Sie sich als neuen Trainer?Beat Zurbuchen: Zurück zu den Wurzeln, zurück zur Bescheidenheit – mir gefällt der Kurs der neuen Tigers-Führung. Deshalb wünsche ich mir keinen Star, sondern einen bodenständigen Trainer. Ich bin sicher, Ruedi und seine Leute werden die richtige Entscheidung treffen.

Sie haben grosses Vertrauen in die neue Führung.Zurbuchen: Ja. Ich finde es gut, wie offen kommuniziert wird. Der Nachteil ist vielleicht, dass man oft sagt: «Wir haben das Problem erkannt.» Vielen Fans ist dadurch gar nicht bewusst, wie es wirklich um die SCL Tigers steht. Sie fordern: «Wir wollen in die Playoffs!» Oder dass Trainer Christian Weber, weil er für nächste Saison in Rapperswil unterschrieben hat, sofort entlassen werden soll. Als ob alles so einfach wäre. Zesiger: Wir stecken im Dilemma. Auf der einen Seite wollen wir klarmachen, wie schwierig es ist, 1 Million Franken mehr für eine konkurrenzfähige NLA-Mannschaft zu beschaffen. Auf der anderen Seite müssen wir daran glauben, dass uns genau das gelingt. Denn sonst hat dieser Klub endgültig keine Perspektive mehr. Zurbuchen:Ich sehe das ein. Aber bei vielen Fans heisst es: «Zesiger Ruedi und Jakob Peter werden es schon richten.» Vermutlich muss man zuerst Panik verbreiten, damit die Leute den Ernst der Lage erkennen. Zesiger: Fakt ist: Die SCL Tigers waren diesen Sommer klinisch tot. Dank des 800000-Franken-Darlehens der Gemeinde und den 1,2 Millionen Aktienverkäufen überstehen wir die laufende Saison. Über dem Berg sind wir aber noch lange nicht. Das Problem ist die Saison 2010/2011: Wir haben nicht das Geld, um Leistungsträger wie Eric Blum, Matthias Bieber oder Fabian Sutter zu halten. Manche Fans sehen das ein, andere waschen uns deshalb die Kappe.

Sie könnten die Kritiker einladen, mal einen Arbeitstag mit Ihnen zu verbringen.Zesiger:Ich weiss nicht, ob das jeder aushalten würde. Man braucht eine Mischung zwischen Punch und Sachlichkeit, aber auch die Ehrlichkeit, zu sagen, dass die Mittel nicht für die NLA reichen – falls sie denn nicht reichen sollten. Wir tun alles Menschenmögliche, suchen Einnahmequellen, sparen, und trotzdem hat unser Budget immer noch ein Minus von über 900'000 Franken.

Das tönt nicht gerade ermutigend.Zurbuchen: Aber es gibt auch positive Aspekte. Langnau hat eine enorme Ausstrahlung in die restliche Schweiz. Ich höre oft Musikwunschsendungen im Radio, und fast jedes Mal gibt jemand durch: «Ich grüsse alle Tigers-Fans.» Zesiger:Das stimmt, es ist enorm viel Herzblut vorhanden. Aber Herzblut ist kein Geld. Wir brauchen Sponsoren, neue Einnahmequellen, sonst fällt das Haus zusammen.

Hadert man als Fan damit, dass die Tigers nur ein kleiner Klub sind, dass es unmöglich ist, gewisse Spieler zu halten?Zurbuchen: Ja, viele hadern. Aber ich finde, man muss akzeptieren, wenn Spieler gehen. Wenn wir ehrlich sind, nimmt doch auch jeder von uns ein gutes Jobangebot an. Warum sollen dies die Spieler nicht tun? Zesiger: Ich habe den Spielern gegenüber auch überhaupt keine negativen Gefühle. Meiner Meinung nach haben wir im Schweizer Eishockey aber ein Strukturproblem. Sobald ein junger Spieler den Knopf auftut, wollen ihn alle verpflichten und locken mit Riesensalären. Hey, was diesen Giele für Schrübli unter die Nase gehalten werden – unglaublich! Zurbuchen: Das tut ihnen nicht nur gut. Zesiger: Und der Liga ebenso wenig. Das Gefälle zwischen Grossen und Kleinen wird immer grösser. Dem muss man entgegenwirken; der Attraktivität der NLA bringt es nichts, wenn Klubs wie Langnau oder Ambri von der Bildfläche verschwinden. Und wenn die Tigers in der NLB sind, wird sich Langnau wohl nicht einmal eine Sanierung der Ilfishalle leisten können, geschweige denn einen Neubau.

Schon jetzt, in der NLA, ist ein Neubau in weite Ferne gerückt – der kantonale Sportfonds zahlt neu nur noch maximal 2 statt 10 Millionen ans Projekt.Zesiger: Im Stadionprojekt ist die Gemeinde federführend. Sie wird nun einen Grundsatzentscheid fällen, wie es weitergeht. Ich persönlich sage nur: Unser Stadion hat etwas nötig.

Neubau oder Sanierung – was wäre den Fans eigentlich lieber?Zurbuchen: Kürzlich sagte einer: «Im Emmental hat doch fast jeder einen handwerklichen Beruf. Warum sanieren wir die Halle nicht selber?» Aber Spass beiseite: Auch ich würde die Sanierung bevorzugen. Die Ilfishalle hat Charme. Zesiger:Hier sind auch die VIPs mitten im Geschehen und nicht hinter einer Glaswand, das gefällt vielen. Aber im Stadion ist es manchmal arschkalt, und es gibt Leute, die deswegen nicht an den Match kommen. Charme und Komfort verbinden, das wäre optimal. Zurbuchen:Die Ilfishalle ist ein Hexenkessel. Ich bekomme noch heute regelmässig Hühnerhaut. Zesiger:Das sagen übrigens auch viele Spieler.

Dennoch tragen die Tigers am 3.Januar ein Heimspiel in Bern aus. Verkauft der Klub damit nicht seine Seele?Zurbuchen: Ich sehe das als Chance, Geld zu verdienen. Zesiger: Die Langnauer Fans werden auf jeden Fall mithelfen. Entscheidend wird sein, ob auch die Berner Fans ins Stadion kommen. Sehen Sie: Wir müssen jede Möglichkeit ergreifen, einen zusätzlichen Batzen zu verdienen, sonst können wir von vornherein aufgeben.

Wie läuft der Vorverkauf?Zesiger:Er hat gut begonnen, stagniert jetzt allerdings. Deshalb werden wir noch Inserate und Spots schalten. Am Schluss werden wir sicher mehr als die in Langnau möglichen 6500 Zuschauer haben. Es sollten aber mehr als 10000 kommen. Zurbuchen: Vielleicht sagen ja viele Berner Fans: «Wir können die Langnauer ruhig mal unterstützen, sie sind für das Schweizer Eishockey wichtig.» Zesiger:Unterstützung erhalten wir auch von unseren Spielern und der übrigen Belegschaft: Bei einem Zuschauerschnitt von über 4400 gehen die zusätzlichen Einnahmen ja zu ihnen. Die Mehreinnahmen aus dem Bern-Spiel können wir aber behalten.

Extrem weit über dem 4400er-Schnitt liegen die Tigers derzeit nicht. Wieso sind die Zuschauerzahlen derart eingebrochen?Zesiger:Was letzten Sommer mit dem Klub passiert ist, hat Vertrauen zerstört. Viele warten jetzt erst mal ab, bevor sie sich wieder für die Tigers engagieren, sei es als Zuschauer oder als Sponsor. Zurbuchen:Das zeigt auch das Beispiel Freiburg. Dort ist in den vergangenen Jahren Ruhe eingekehrt, dann kamen sportliche Exploits – und nun haben sie jedes Mal ein volles Stadion.

Wie kann man das Vertrauen wieder zurückgewinnen?Zesiger: Indem man den Sponsoren aufzeigt, dass sie in Langnau in etwas Gescheites investieren, dass es gut fürs eigene Image ist, diesem Klub beim Überleben zu helfen. Indem man die Leute immer wieder daran erinnert, wie wertvoll die SCL Tigers sind. Wer eines der letzten paar Spiele in der Ilfishalle erlebt hat, muss sagen: Es ist unglaublich, wie viele positive Emotionen da sind, wie wichtig der Klub für das Selbstwertgefühl der Menschen hier ist. Das ist mein Motor. Meine Motivation.

Ruedi Zesiger(50) war von 1995 bis 1999 Geschäftsführer des SC Langnau, wechselte dann als Sportreferent zum Bund und kehrte diesen Sommer zu den SCL Tigers zurück.

Beat Zurbuchen(41) lebt in Oberbipp, arbeitet als Projektleiter bei der Swisscom und ist seit 2007 Präsident des Tigers-Fanklubs.

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