«Setzt doch die Jungen ein!»

Nach dem 2:0 im WM-Viertelfinal gegen Schweden war U-20-Nationaltrainer Christian Wohlwend einfach nur happy.

U-20-Nationalcoach Christian Wohlwend.

U-20-Nationalcoach Christian Wohlwend.

(Bild: Keystone)

Kristian Kapp@K_Krisztian_

Christian Wohlwend, wie geht es Ihren Nerven nach diesem aufwühlenden WM-Viertelfinalspiel auf Vancouver Island gegen Schweden?
Wenn das Spiel fertig ist, vergisst du schnell, wie viel Nerven es vorher gekostet hat. Dann ist nur noch die Freude da, dass wir so ein Spiel, so einen Sieg realisieren konnten. Ich bin sehr stolz auf die Jungs und den ganzen Staff.

Gut eine Minute vor Schluss war zu sehen, wie Sie Ihren Stürmer Sandro Schmid verbal zusammenstauchten, nachdem er mit einem unnötigen Offside für ein Bully vor dem Schweizer Tor gesorgt hatte …
Das war sehr dämlich, dieses Offside. Aber die Spieler kennen mich, sie wissen, wie ich solche Sachen meine. Ich selber habe das nach zehn Sekunden wieder vergessen. Oder meistens schon nach zwei … In der Garderobe umarmen wir uns dann, und alles ist wieder gut …

Christian Wohlwend, Sandro Schmid und dieses «sehr dämliche» Offside …

Wie lautete Ihre Botschaft vor dem Spiel an die Mannschaft?
Wir hatten schon in den drei Gruppenspielen gegen die drei Topnationen Tschechien, Kanada und Russland fantastische Spiele abgeliefert. Darum hatten wir ein sehr gutes Gefühl vor dem Viertelfinal und glaubten daran, dass wir die Schweden schlagen können. Wir sprachen davon, uns nicht zu verstecken, an uns zu glauben. Und dass wir weitergehen wollen. Dieser Sieg hat sich darum ein wenig abgezeichnet.

Hatten Sie wirklich damit gerechnet, dass der Plan vor allem zwei Drittel lang so gut aufgeht, dass Ihr Team die Partie gegen den grossen Favoriten Schweden derart bestimmen kann?
Wenn Sie das Russland-Spiel gesehen haben, sahen Sie, dass wir dort teilweise fast gezaubert haben. Diese Mannschaft hat Selbstvertrauen! Und ich möchte noch etwas sagen, etwas, das ich auch den schwedischen Medien sagte.

Nur zu …
Vergleichen Sie doch die beiden Teams! Bei den Schweden spielen von den Stürmern einer in der NHL, einer in ihrer zweithöchsten Liga, einer in der kanadischen Juniorenliga und der Rest in der höchsten schwedischen Liga. Von unseren Stürmern spielen genau zwei in der höchsten Schweizer Liga. Die Schweizer Clubs klagten zuletzt über die hohen Budgets. Ich sage: Lasst doch die Jungen in der vierten Linie spielen! Die können das, die sind stark genug! Vielen in der Schweiz ist immer noch nicht bewusst, was für ein gutes Turnier die U-20-WM wirklich ist.

Es ist nicht üblich, dass eine Schweizer U-20-Mannschaft einen der «Grossen» mit teilweise dominantem Spiel schlägt. Normalerweise kamen diese Siege zustande, weil der Torhüter zauberte, gefühlte 1000 Schüsse hielt. Was ist anders bei dieser Schweizer Mannschaft?
Dominant waren wir vielleicht nicht, aber sehr diszipliniert und mindestens gleich gut. Das ist speziell. Normalerweise legen die Topmannschaften in den K.-o.-Spielen eine Schippe drauf. Dieses Mal gelang dies aber uns und den Schweden nicht.

«Ich sagte den Spielern: Der Moment ist gekommen, die wichtigsten 20 Minuten der bisherigen Karriere jedes Einzelnen folgen nun.»Christian Wohlwend

Vieles war besonders an diesem Viertelfinalspiel. Auch das: Der schwedische Headcoach sprach vor der Partie von einem 50:50-Spiel. Normalerweise spielt der Underdog solche verbalen Spielchen …
Ich war total erstaunt über diese Aussage. Die Statistik sagt etwas ganz anderes. Wie oft hat die Schweiz an der U-20-WM überhaupt je einen Viertelfinal gewonnen? (Dreimal: 1998, 2002 und 2010, die Red.) Ich sagte darum: Zeigen Sie mir eine Statistik, in der die Schweiz gegen Schweden 50 Prozent der Spiele gewinnt. Diese gibt es definitiv nicht …

Als Ihr Team dann nach 40 Minuten 2:0 vorn lag: Was sagten Sie da in der zweiten Pause?
Dass nun der Moment gekommen ist: Die wichtigsten 20 Minuten der bisherigen Karriere jedes Einzelnen folgen nun. 2:0 zu führen, nach diesem Spielverlauf! Diese Chance wollen wir uns nicht nehmen lassen! Dann hat die Mannschaft nochmals ein Riesen-Drittel abgeliefert. Das hat mich sehr gefreut!

«Das ist jetzt die typische Schweizer Frage.»Christian Wohlwend

Mehrere Schweden plagten sich in den letzten Tagen mit einer Magen-Darm-Grippe herum. Haben Sie das dem Spiel des Gegners angesehen?

Das ist jetzt die typische Schweizer Frage. Die Suche nach Gründen, wieso die Leistung vielleicht doch nicht so gut gewesen sein könnte. Statt einfach zu sagen: «Wir waren einfach sackstark!»

Also haben Sie nichts davon gemerkt …
Ich kann es nicht sagen. Keine Ahnung.

Während wir sprechen, läuft das Viertelfinalspiel Kanada - Finnland. In dem wird Ihr Halbfinalgegner bestimmt. Hoffen Sie auf ein Duell gegen den Turniergastgeber?
Das ist mir völlig egal.

Aber ein WM-Halbfinal gegen Kanada, in Kanada! Das wäre nur schwierig zu toppen, oder?
Wir werden in Vancouver vor über 15’000 Zuschauern den WM-Halbfinal spielen. So oder so gegen einen Riesengegner. Darum ist es egal, ob gegen Finnland oder gegen Kanada. (Finnland gewann 2:1 nach Verlängerung, die Red.)

«Wir wissen nun: Das alles ist kein Zufall! Nun gehen wir nicht nur mutig, sondern sehr mutig ins Halbfinalspiel.»Christian Wohlwend

Ihr Team hat mit dem Sieg gegen Schweden einen extremen emotionalen Höhepunkt hinter sich. Was unternehmen Sie, damit der Fokus nicht verloren geht? Ist das nun nicht eine Herausforderung?
Da muss ich definitiv nichts Spezielles machen. Wir wissen nun: Das alles ist kein Zufall! Nun gehen wir nicht nur mutig, sondern sehr mutig ins Halbfinalspiel.

Keine Angst, dass die Spieler nun schon zufrieden sein könnten?
Nein! Nicht dieses Mal! Das hat auch mit dem Spielverlauf dieses Viertelfinals zu tun. Ich hatte das Ihnen ja schon unmittelbar vor dem Turnier im Interview gesagt: Für uns ist es auch sehr entscheidend, wie wir gegen die Top-Nationen in den Testspielen auftreten. Wenn wir sehen, dass wir mithalten, gehen wir sehr mutig ins Turnier. Wenn nicht, dann läuft es wahrscheinlich schlecht. Und genau so war es auch dieses Mal. Wir haben das Viertelfinalspiel nicht gewonnen, weil wir hinten hinein standen und Glück hatten.

Sie feiern Ihren 42. Geburtstag am Freitag, dem Halbfinaltag. Wird es der speziellste Ihres Lebens?
Da Geburtstage sowieso noch nie etwas Besonderes waren für mich, wird dieser definitiv der speziellste aller Zeiten.

berneroberlaender.ch/Newsnetz

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