Vermisst wird noch die Fantasie

Der SC Bern unterliegt dem EV Zug in einem intensiven, hochstehenden Spitzenkampf mit 0:3. So gut das Team Kari Jalonens organisiert ist, im Angriff fehlt es an Durchschlagskraft.

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Adrian Ruch

Ein Spitzenkampf dient immer auch als Standortbestimmung. Wo also steht der SC Bern nach dem Duell mit dem EV Zug? Nicht mehr auf Platz 1, lautet die oberflächliche Antwort. Bei genauerer Betrachtungsweise lässt sich feststellen, dass der SCB bezüglich Formaufbau schon weit fortgeschritten ist. Denn die Partie gegen die Innerschweizer war geprägt von hoher Intensität, hart geführten Zweikämpfen und rasanten Aktionen.

«Es war ein Spiel auf hohem Niveau, vom Anfang bis zum Schluss. Es war ähnlich wie ein Playoff-Match», urteilt Cheftrainer Kari Jalonen. Lino Martschini sieht es ähnlich. Beide Teams hätten unbedingt gewinnen wollen, es seien Emotionen im Spiel gewesen, man habe gute Checks gesehen. «Es war ein Match schon fast auf Playoff-Niveau», stellt der Zuger Topskorer fest.

Trotz dem Resultat von 0:3 massen sich die Kontrahenten auf Augenhöhe. Die Mutzen waren mehr in Scheibenbesitz und länger in der gegnerischen Zone als die Innerschweizer, was die 72 Abschlussversuche (Zug 47) dokumentieren. Bezüglich Härte und Zweikampfverhalten waren die Equipen ebenbürtig. Tristan Scherwey fiel wieder einmal in alte Muster zurück, als er in der 7. Minute Garrett Roe gegen den Kopf checkte.

Das Haupt des Amerikaners befand sich sehr weit unten, allerdings versuchte der SCB-Flügel nicht, den Kontakt mit dem nach einem vorangehenden Zweikampf schutzlosen Gegenspieler zu vermeiden. Gegen Scherwey ist inzwischen ein Verfahren eingeleitet worden. Jalonen hofft dennoch, es resultiere keine Sperre. «Ich sah nichts Böswilliges an dieser Aktion», meint der Finne. Auf der Gegenseite war es Johann Morant, der durch unfaire Aktionen auffiel. Der Bandencheck gegen Thomas Rüfenacht hätte schlimme Folgen haben können.

Viel Pech beim 0:1

Beim SCB wird der überragende Goalie Leonardo Genoni hervorragend abgeschirmt. Jeder weiss genau, was er in der Defensive zu tun hat. Die perfekte Organisation ist ein Markenzeichen der von Jalonen trainierten Mannschaften. Es ist selbst für im Angriff potente Gegner äusserst schwierig, das Bollwerk zu knacken.

Am Samstag musste sehr viel zusammenkommen, dass der Puck nach über 160 Minuten wieder einmal im von Genoni gehüteten Gehäuse landete. Die Strafe gegen Zach Boychuk war umstritten, zudem brach in Unterzahl Beat Gerbers Arbeitsgerät, und zu – aus Berner Perspektive – schlechter Letzt lenkte Dario Simion den Puck mit dem Bein auch noch unabsichtlich unhaltbar ab.

«Im zweiten Drittel fielen etliche Entscheidungen zu unseren Ungunsten aus», sagt Jalonen, ohne die Schuld an der Niederlage den Schiedsrichtern in die Schuhe zu schieben. «Du hast immer eine Chance zu gewinnen, doch wir konnten aus unseren Möglichkeiten im Powerplay kein Kapital schlagen.»

Das 0:2 fiel per Konter nach einem geblockten Schuss Gerbers, das 0:3 schenkte Gaëtan Haas den Innerschweizern, indem er die Scheibe auf kuriose Weise selber ins von Genoni verlassene Tor bugsierte. Doch da waren die Würfel schon gefallen.

Die Kehrseite der Medaille ist beim SCB die Fantasielosigkeit im Angriff. Der SCB totalisiert nach 32 Runden weniger Plustore als die SCL Tigers und Ambri-Piotta – das kann nicht der Anspruch sein.

Drei Probleme sind erkennbar: 1. Die Berner lassen sich zu oft auf die Seite abdrängen. Sie gaben am Samstag nur 29 Prozent ihrer Schüsse aus zentraler Position ab, die Zuger hingegen 49 Prozent. 2. Die zweite Garde der Stürmer trägt zu wenig zur Produktion bei: Rüfenacht (er müsste eigentlich zur ersten Garde gehören) 4 Tore, Bieber 3, Heim 1, Berger 1, Kämpf 1, Grassi 1, Sciaroni 0. 3.

Die Mutzen erzielen kaum Weitschusstore. Und weil die Verteidiger an der blauen Linie zu wenig gefährlich sind, haben die Angreifer vor dem Tor weniger Platz. Zumindest öffentlich spielt Jalonen das Problem herunter: «Ich weiss nicht, ob wir wirklich Mühe haben, Tore zu erzielen. Topspieler wie Boychuk, Ebbett und Rüfenacht haben das Potenzial, öfter zu treffen. Aber diese Tore werden sicher noch kommen. Das Wichtigste ist, dass wir gewinnen. Und wir haben nun seit Ende November erst das zweite Mal verloren.»

Wehe, der SCB erhält das 0:1

Zudem verweist der Finne auf eine interne Statistik, gemäss der sein Team gegen Zug im Powerplay 13 Topchancen kreiert hat. In der Tat war der SCB mehrmals nahe an einem Erfolgserlebnis, doch am Ende stand auf dem Videowürfel die 0. Und so setzte sich ein Trend fort: Wenn der SCB das 1:0 erzielt, gewinnt er normalerweise (19 Siege, 2 Niederlagen), erhält er das 0:1, verliert er meistens (3:10).

Zwei der drei Wenden realisierte Bern gegen Schlusslicht Rapperswil, als aus dem 0:1 jeweils ein 2:1 wurde. So stabil und konstant der SCB agiert, so schwach ist er, wenn er auf einen Rückstand reagieren muss. Das zeigte sich auch im Champions-League-Achtelfinal, als die Mutzen gegen Malmö daheim ein 1:4 hätten aufholen sollen, aber kein einziges Tor schossen. Obwohl schon vieles klappt, geht Jalonen und seinem Team die Arbeit bis zum Playoff-Start also nicht aus.

Berner Zeitung

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