Willensleistung zwischen Wasser und Wein

Der SC Bern hat Leader Davos 3:2 nach Penaltyschiessen bezwungen. Je länger die Partie dauerte, desto höher wurde die Qualität – auch zur Freude des Schweizer Nationaltrainers Glen Hanlon.

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Reto Kirchhofer@rek_81

Auf dem Eis geht der Arm des Referees nach oben, auf der Tribüne reibt sich Glen Hanlon die Hände. Dem Schweizer Nationaltrainer entfährt ein genüsslicher Lacher. Soeben hat SCB-Stürmer Byron Ritchie mit seinem Vorstoss während eines Powerplays des HC Davos eine Strafe gegen die Bündner provoziert.

Nun ist es keineswegs so, dass Hanlon für die Berner Partei ergriffen hätte. Seine Geste ist als Zeichen der Vorfreude zu deuten, der Vorfreude auf das, was in den letzten Minuten des Spitzenkampfes zwischen dem SCB und dem HCD noch folgen mag. «Jetzt sehen wir doch noch eine richtig gute, spannende Eishockeypartie», sagt Hanlon. 2:2 steht es zu diesem Zeitpunkt, die reguläre Spielzeit endet ohne weitere Tore. In der Verlängerung vergeben die Berner drei Chancen (Chuck Kobasew, Eric Blum, Tristan Scherwey), im Penaltyschiessen haben sie das bessere Ende für sich. Der zwölfte, von Bud Holloway erfolgreich vollendete Anlauf versetzt die Zuschauer in der erstmals ausverkauften Postfinance-Arena in Verzückung.

Bertschy, der Auffälligste

Seit Jahren ist Davos in Bern ein gern gesehener Gast, weil die Equipe Arno Del Curtos auch in der Fremde ihr Heil in der Offensive sucht. Am Samstag lebte der Vergleich aber längere Zeit allein von der Spannung; Zusammenhängendes wollte vorerst keiner Equipe gelingen. Vielmehr reihte sich wegen etlicher Offsides Unterbruch an Unterbruch. Auffallend viele Spieler gerieten aus der Balance, was die Frage nach der Eisqualität hervorrief. Doch ab Spielmitte gewann der Vergleich an Klasse. Begünstigt durch einen suboptimalen Wechsel der linken SCB-Flügelstürmer, kam Davos zu einem 2:1-Konter – dessen Veredelung war für Marcus Paulsson und Perttu Lindgren nicht mehr als eine Fingerübung. Der Gastgeber vermochte prompt zu reagieren, Christoph Bertschy reüssierte in Überzahl.

Der Youngster war wohl der auffälligste Akteur des Abends: Ihm gelang zwar nicht alles, aber er kreierte in jedem Einsatz gefährliche Situationen, wurde mit einem Tor, einem Assist und einem verwerteten Penalty zum Matchwinner. Als wollte Bertschy dem Nationalcoach zeigen, zu was er fähig ist, nachdem er am Deutschland-Cup noch keine grossen Akzente gesetzt hatte. «Bertschy spielte auch in München gut. Man darf nicht erwarten, dass ein 20-Jähriger bei seinem ersten Einsatz im Nationalteam sogleich der beste Spieler ist», sagt Hanlon.

Boucher, der Zufriedene

Der Berner Triumph über den Leader basierte auf einer bemerkenswerten Willensleistung. Auch den neuerlichen Rückstand – Grégory Hofmanns Tor war am Ende einer SCB-Fehlerkette gestanden – vermochte das Heimteam durch Captain Ritchie zu egalisieren. Mit kurzen Einsätzen hielt das Team Guy Bouchers gegen Ende die Kadenz hoch, kompensierte damit den sinkenden Energielevel. Wer vermutete, den Bernern würde die Puste ausgehen, weil sie im Unterschied zu den Davosern am Vorabend eine Partie bestritten hatten, sah sich getäuscht. Wobei Zyniker anmerken könnten, der SCB habe beim 1:3 in Zug eher Energie gespart denn verbraucht. Boucher war am Freitagabend jedenfalls höchst verärgert gewesen, hatte von halb vollen Wasserflaschen der Spieler gesprochen, was ein Zeichen für den mangelnden Einsatz gewesen sei. 24 Stunden später durfte der Kanadier in gelöster Stimmung vom Charakter seines Teams schwärmen und über Weinflaschen sinnieren. Genau eine solche werde er am freien Sonntag nämlich öffnen und den Tag geniessen. Für einmal lässt sich an dieser Stelle also das Sprichwort vom Wasserprediger und Weintrinker im wahrsten Sinn des Wortes verwenden – ohne dass die eigentliche Bedeutung der Redewendung zutreffen würde.

Berner Zeitung

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