«Wir sind nicht der FC Basel»

Marc Lüthi spricht im Interview über den Titelgewinn, seine «ruhigste Saison», die hohe Messlatte, seine «Luxusgedanken» – und über Beat Gerber sowie David Jobin, die beiden nunmehr fünffachen Meister.

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Den Titel erfolgreich verteidigt – Sie müssen ein glücklicher SCB-Chef sein.
Marc Lüthi: Ja, doch Sport ist und bleibt unberechenbar, es kann immer alles passieren. Wir haben eine saubere Qualifikation abgeliefert. Meine 19. Saison war die ruhigste, die ich erlebt habe, zumal auch der Unterhaltungswert stimmte. In den Playoffs haben wir uns im Viertel- und Halbfinal relativ souverän durchgesetzt, gegen Zug war es härter.

Die Messlatte liegt mittlerweile sehr hoch.
Ja, die Messlatte liegt hoch, doch sie soll auch hoch sein, schliesslich wollen wir den 17'000 Zuschauern etwas bieten.

War es die perfekte Saison?
Nein, wir schieden im Viertel­final der Champions Hockey League gegen Sparta Prag aus ...

... und in der ersten Cup-Runde.
In der Champions Hockey League wollten wir unbedingt gewinnen. Im Cup nahmen wir das Scheitern in Kauf.

«Mit unserer Kaderbreite in allen drei Wettbewerben vorne mitspielen wäre schwierig geworden.»

Warum?
Wir hatten viele Verletzte und einen Gegner, der weit von unserem Einzugsgebiet entfernt ist. Wir wollten keine weiteren Verletzungen riskieren, traten daher mit elf Elitejunioren an. Wir hatten erwartet, es würde trotzdem reichen, waren aber nicht ver­ärgert, als es nicht klappte. Mit unserer Kaderbreite in allen drei Wettbewerben vorne mitspielen wäre schwierig geworden.

Haben Sie eine sorgenfreie Meisterschaft erlebt?
Es war eine sehr, sehr angenehme Saison. Selbstverständlich machte ich mir trotzdem meine Gedanken. Ich fragte mich zum Beispiel, ob die Leistungsträger zu stark belastet seien, wie das einige Journalisten monierten. Doch das waren Luxusgedanken. Und dass wir im Playoff-Final nicht 4:0 durchmarschieren würden, hätte jedem klar sein müssen. Wir sind nicht der FC Basel, der deutlich besser ist und viel mehr Geld zur Verfügung hat als die Konkurrenten. Letzteres ist schon gar nicht der Fall.

Womit hat Ihnen das Team am meisten Freude bereitet?
Dass es in 97, 98 Prozent der Fälle hart gearbeitet und alles für den Sieg gegeben hat. Verlieren kann man, doch wenn der Einsatz nicht stimmt, wenn nicht richtig gearbeitet wird, rege ich mich fürchterlich auf.

Marc Lüthi: «Wir können bei diversen Offerten bei bestem Willen nicht mitbieten.» Bild: Andreas Blatter

Der Schlüssel zum Erfolg waren die Transfers von Leonardo Genoni und Mark Arcobello – einverstanden?
Selbstverständlich waren die beiden sehr wichtig. Ohne Topgoalie ist es heutzutage unmöglich, ganz vorne mitzumischen. Bei den Ausländern weiss man nie, ob sie hier funktionieren. Was Arcobello in dieser Saison gezeigt hat, war unglaublich gut.

Es kam nie ein Meisterblues auf. War das Kari Jalonens Verdienst?
Durch den Trainerwechsel musste sich jeder neu beweisen. Keiner konnte sich auf den Lorbeeren ausruhen. Daher bin ich gespannt, wie es in der nächsten Saison aussehen wird.

Erstmals seit 16 Jahren hat ein Klub den Titel erfolgreich verteidigt. Eigentlich müssten Sie den Cheftrainer wieder wechseln.
Ja, die Erfahrung zeigt es (lacht). Ich kann mich nicht mehr an die letzte geglückte Titelverteidigung mit demselben Coach erinnern.

«Wir haben, um es plakativ zu formulieren, mit Kari Jalonen ein altes Schlachtross an der Spitze.»

Das müsste der EHC Kloten gewesen sein, der 1995 und 1996 mit Alpo Suhonen triumphierte.
Das ist also lange her. Doch wir haben, um es plakativ zu formulieren, mit Kari Jalonen ein altes Schlachtross an der Spitze. Ich bin sehr gespannt, wie es herauskommen wird. Aber ich glaube nicht, dass Jalonen einen Meisterblues tolerieren würde.

Was kann man sonst tun, damit die Spieler nach zwei Titeln in Folge hungrig bleiben?
Es müsste für alle Anreiz genug sein, eine Dynastie zu begründen, Geschichte zu schreiben. Doch ich sage es noch einmal: Es ist kein Selbstläufer. Es gibt in der Schweiz sieben Klubs, die das Ziel haben können, Meister zu werden.

2013, 2016 und 2017 Meister: Wie haben Sie aus dem SCB den erfolgreichsten Klub der Schweiz gemacht?
Ich habe das nicht geschafft; es handelt sich um eine Teamleistung. Angefangen bei den Giele auf dem Eis haben alle dazu beigetragen: die Trainer, die Sportchefs Sven Leuenberger und Alex Chatelain, der Staff, Rolf Bachmann, der seit Jahren schaut, dass das operative Geschäft läuft – alle bis zu meinem wichtigsten Sparringpartner, Präsident Walter Born.

Sie sagten, Jalonen sei der bestmögliche Trainer für den SCB. Spielt es dabei keine Rolle, dass er nicht besonders volksnah ist?
Er ist Finne, Finnen sind anders designt als Mitteleuropäer. Aber er hat Humor, er geht die Sache so an, wie man sie angehen muss. Er ist im Moment der bestmögliche Trainer für uns – und ich hoffe, dass dieser Moment lange dauert.

David Jobin und Martin Plüss haben in den Playoffs starke Leistungen gezeigt, sie müssen aber den Klub verlassen. Fürchten Sie nicht, deren Fussstapfen könnten zu gross sein?
Man lässt ungern Spieler gehen, die für den Klub sehr viel geleistet haben. Aber wir sind im Sport, da gibt es Ablösungen. In der Wirtschaft ist das Pensionsalter bei 65 Jahren, im Sport etwa bei 35 bis 40 Jahren. Wir hätten Plüss gern behalten, aber über die Umstände spreche ich nicht, sie bleiben intern. Ausserdem: Eine sanfte Verjüngung kann nicht schaden.

Wer soll Plüss ersetzen?
Wenn ein Leader geht, tritt ein anderer in dessen Fussstapfen. Es muss nicht unbedingt so herauskommen wie in den USA mit dem Abgang Barack Obamas.

«Beat Gerber sagt zwar nicht viel, aber wenn er etwas sagt, hat es Hand und Fuss.»

Wen sehen Sie als Nachfolger?
Wenn man sich die Entwicklung von Ramon Untersander als Spieler und Person ansieht, kommt er infrage. Eric Blum ist ein anderer Typ, aber auch ein Leader. Mit Andrew Ebbett haben wir einen Ausländer mit ausgeprägten Führungsqualitäten. Beat Gerber sagt zwar nicht viel, aber wenn er etwas sagt, hat es Hand und Fuss. Es hat diverse Leute, welche Plüss’ Funktion übernehmen können.

Mit dem fünften Titel haben Gerber und Jobin die Stufe von SCB-Rekordmeister Roland Dellsperger erreicht.
Das zeigt, dass es in den letzten Jahren ziemlich gut gelaufen ist. Für mich ist das speziell. Als ich anfing, kam Jobin als junger Bub in die Mannschaft; seine Mutter rief mich alle zwei Wochen an und fragte, ob es David gut gehe, ob er sich gut benehme. Als Gerber kam, hiess es im «Blick», er solle ins Emmental zurückkehren, er werde sich in Bern nie durchsetzen. Beide haben sich durchgesetzt, auf unterschiedliche Art. Der eine hat einen Emmentaler-Oberländer-Holzgring und funktioniert nach dem Motto «Indianer kennen keine Schmerzen», der andere ist ein filigraner Welscher mit grosser Spielintelligenz.

Wenig Verletzte und Publikumsrekord. Wird der SCB einen fetten Gewinn erwirtschaften?
Nein, es immer das Gleiche. Wir müssen bis und mit Viertelfinal unser Geld verdienen, ab Halbfinal reichen die Ticketeinnahmen nicht mehr, um die Zusatzkosten durch Prämien und anderes zu decken. Wie immer, wenn wir im Final stehen, läuft es auf eine schwarze Null hinaus.

«Die Spirale muss weiterdrehen, damit wir uns eine starke Mannschaft leisten können.»

Sind Erhöhungen der Ticketpreise ein Thema?
Nein, Preiserhöhungen gibt es nicht, das entspräche nicht der Klubphilosophie.

97 Prozent Zuschauerauslastung, sportlicher Erfolg, florierende Gastronomie – wo hat der SCB noch Steigerungspotenzial?
In der Qualität, bei allem, was wir machen. Zudem wollen wir in der Gastronomie weiter wachsen, indem wir neue Restaurants eröffnen. So können wir für unsere Sponsoren mehr Absatz generieren, die dann wiederum mehr einzahlen. Die Spirale muss weiterdrehen, damit wir uns eine starke Mannschaft leisten können. Doch wir stossen an Grenzen.

Inwiefern?
Es ist nicht einfach, mit den von Mäzenen alimentierten Klubs mitzuhalten. Wir können bei diversen Offerten bei bestem Willen nicht mitbieten. Ich denke ­etwa an Spieler, die aus Nord­amerika zurückkehren und im Welschland landen werden.

(Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.04.2017, 08:45 Uhr

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