Witolinsch: «Ich hoffe, ich kann Arno bald treffen»

Tag 1 als Nachfolger Arno Del Curtos: Das erste grosse Interview von Harijs Witolinsch als Trainer des HC Davos.

Der erste Arbeitstag in Davos: Harijs Witolinsch.

Der erste Arbeitstag in Davos: Harijs Witolinsch.

(Bild: Keystone Gian Ehrenzeller)

Kristian Kapp@K_Krisztian_

Sie sind am Donnerstag nach der Vertragsunterzeichnung gleich nach Davos. Wie leben Sie? Vorerst im Hotel?
Nein, ich habe bereits eine Wohnung erhalten, alles eingerichtet, nur 5 Minuten zu Fuss vom Stadion entfernt.

Sie sind seit einem Tag HCD-Trainer. Der erste Eindruck?
Sehr spannend. Ich geniesse es, bin auch ein wenig nervös. Alles in Allem ist es gut gelaufen.

Wie haben die Spieler reagiert?
Für die Jungs gab es wahrscheinlich neue Übungen, neue Erklärungen.

Sie treffen auf ein Team in der Krise …
Ich habe nicht viel davon gemerkt. Ich habe den Spielern gesagt: Ihr müsst Freude haben, in der Garderobe zu sein, in die Halle zu kommen. Wir müssen einander unterstützen, versuchen, all diese Niederlagen auf die Seite zu schieben. Am Ende, nach dem Training, fand ich die Stimmung in der Garderobe wirklich gut. Auf dem Eis hatte jeder versucht, sein Bestes zu geben.

Sie haben mit keinem der aktuellen HCD-Spieler je zuvor gearbeitet. Ein Vorteil, dass quasi alles bei Null beginnt, keine Vorurteile da sind?
Nicht wirklich. Normalerweise ist es dir schon lieber, wenn du ein paar Spieler bereits persönlich kennst, du weisst, was sie können. Aber ein paar Spieler wie Ambühl, Du Bois oder die Wiesers, die kenne ich schon, was das Eishockeyspielen angeht. Aber ich brauche etwas Zeit.

Als Coach sind Sie sich sehr gute KHL-Akteure und russische Nationalspieler gewohnt. Beim HCD treffen Sie auch auf Spieler auf einem anderen Niveau.
Das schon. Ich will auch nicht vergleichen. Aber ich weiss, wie die Schweizer Spieler funktionieren, ich habe hier ja auch schon viele Jahre verbracht. Das Niveau der National League ist ebenfalls hoch. Der Abstand ist, vielleicht mit Ausnamhe zu den allerbesten KHL-Teams, nicht so gross.

Die Mentalitätsunterschiede zwischen russischen und Schweizer Spielern sind aber vorhanden …
Ja. Auch wenn ich zunächst noch ein wenig beobachten muss, wie es hier genau ist. Ich weiss, dass du russische Spieler hart anfassen musst. Der Russe, der braucht das. Mit Europäern musst du anders umgehen. Ich kann mich an meine Spielerzeit in der Schweiz erinnern. Aber ich bin flexibel.

Als Spieler haben Sie grosse Erfolge, aber auch Abstiegskampf erlebt. Sie können sich also in Ihr neues Team gut hineinversetzen.
Als Trainer ist diese Situation auch für mich neu. Sie bringt viel Druck mit sich, sie ist aber auch spannend, interessant. Ich denke, nicht jeder will das durchmachen, aber ich gehe diese Aufgabe sehr gerne an.

Sprechen Sie mit dem Team Deutsch oder Englisch?
Deutsch. Für die Ausländer übersetzt mein Assistent Michel Riesen auf Englisch. So verliere ich keine Zeit. Wenn einer aber eine Frage hat, kann er gerne zu mir kommen. Ich will in Kontakt sein mit den Spielern.

Sie kommen nach 22 Jahren Arno Del Curto. Die Vergleiche werden kommen. Haben Sie sich darauf eingestellt?
Ja. Ich weiss, dass auch diesbezüglich Druck kommen wird. Damit müssen wir leben. Wir müssen ein gutes, kämpferisches Eishockey zeigen. Dann wird dieses Thema verschwinden, ansonsten wahrscheinlich nicht. Wir müssen für alles bereit sein.

Sie haben eine grosse Verbundenheit zur Schweiz. Welche Bedeutung hat das Land für Sie?
Ich wohne in der Schweiz, ich liebe es hier, habe viele gute Freunde hier, viele gute Erinnerungen. Überall: Chur war der erste Ort im Ausland, an dem ich gelebt habe. Die Jahre in Chur waren die besten überhaupt. Im Thurgau startete meine Trainerkarriere.

War es für Sie immer klar, dass Sie Trainer werden? Oder bloss ein spontaner Entscheid nach der Spielerkarriere?
Ich habe gegen Ende meiner Spielerkarriere bereits wie ein Trainer gedacht, überlegte mir oft, was ich in gewissen Situationen als Trainer getan hätte. Dieses Denken wurde jedes Jahr stärker. So konnte ich sofort nach dem Karrierenende die Seite wechseln. Ich hatte Glück bei Oberthurgau, dass ich im Nachwuchs eine Trainerstelle erhielt. Dafür bin ich dankbar. Ich konnte dort fast alle Stufen erleben. Ich finde das wichtig für einen Trainer, dass er das einmal durchgezogen hat. Oft heisst es: Du warst ja Eishockeyprofi, du musst jetzt sofort Profis oder eine 1. Mannschaft trainieren! Für mich waren die drei Jahre im Nachwuchs eine gute Lehre: Wie gehst du um mit verschiedenen Kindern, Junioren, Eltern? Diese Erfahrung brauchte ich.

Wie würden Sie sich als Trainer beschreiben?
(überlegt und lacht) Das ist eine schwierige Frage! Ich bin sehr flexibel. In gewissen Situationen musst du hart sein, auch mal schreien. Ich habe dies erlebt, als ich Headcoach bei Dynamo Moskau war. Dort musstest du hart sein. Als Assistent habe ich gelernt, dass es oft gut ist, wenn du dich schnell beruhigst. Du merkst, dass du das gar nicht so oft zu tun brauchst. Dass es besser ist, wenn du erklärst.

Und jetzt wieder als Headcoach …?
… muss ich natürlich für beide Situationen bereit sein. Ich hoffe natürlich, dass ich nicht oft den aggressiven Weg gehen muss. (lacht)

Sie kamen 1992 in die Schweiz. Ihr erster Eindruck damals?
Ich war zuvor kurz in Kanada gewesen, knapp drei Monate. Ich wechselte in Nordamerika zwischen Mannschaften hin und her, das Mobiltelefon gab es noch nicht, ich konnte mit niemandem telefonieren, über meine Situation reden. In die Schweiz zu kommen fühlte sich darum wie eine Reise in die Heimat an. Der erste Gedanke war: Die Schweiz ist ein Traumland! Es waren andere Zeiten. Du konntest damals nicht einfach so aus Osteuropa in die Schweiz reisen. Du brauchtest ein Visum, das war kompliziert.

Ihre Verbundenheit mit Lettland zeigt sich auch daran, dass Sie lettische Spieler wie Ronalds Kenins, Ivars Punnenovs oder Toms Andersons jung in die Schweiz zu Oberthurgau holten, ihnen damit eine Karriere in der Schweiz ermöglichten. Ihre Motivation dahinter?
Freundschaft. Lettland ist auch ein kleines Land, wie die Schweiz. Ich wurde um Hilfe gebeten. Die Schweiz bietet gute Möglichkeiten, dich auszubilden, sie ist mittlerweile eine gute Mittelstation, um nach Nordamerika zu kommen. Es kamen ja noch weitere Letten. Mein Göttikind, Kristers Arnicans, zum Beispiel, er spielt in der ZSC-Organisation.

Am Samstag geht es nun richtig los: Ihr erstes Spiel mit Davos in Freiburg. Ihre Erwartungen?
Dass die Mannschaft lebt! Ich erwarte von der Mannschaft, dass sie Selbstvertrauen zeigt. Es kann noch nicht alles funktionieren, du kannst nicht in einem einzigen Training alles umstellen. Aber der Einsatz, der muss stimmen. Du kannst Fehler machen, du kannst auch mal einen Puck verlieren. Aber du musst immer laufen, kämpfen und Schüsse blockieren. Wenn all das stimmt, wird auch der Rest gut kommen.

Sie haben die jüngste Mannschaft der Liga. Bereitet Ihnen das Sorgen?
Nein, Freude. Es braucht die Jungen. Ich habe den jungen Spielern bereits gesagt, dass ich eine bestimmte Erwartung habe von ihnen. Sie müssen Energie ins Team bringen, sie müssen unser «Power-Motor» sein. Die Routiniers müssen sich mitziehen lassen und für die Entscheidungen sorgen.

Haben Sie Arno Del Curto kontaktiert?
Nein. Ich sah ihn zuletzt im Sommer in Riga, als er mit Davos dort ein Testturnier spielte. Wir haben kurz miteinander gesprochen.

Jetzt, als sein Nachfolger, wollen Sie ihn aber nicht kontaktieren?
Warum nicht? Ich würde gerne mit ihm sprechen, ein paar Ratschläge einholen. Aber ich bin erst einen Tag in Davos. Ich hoffe, ich kann ihn bald einmal treffen. Ich bin sicher, er kann mir ein paar Tipps geben. Er hat so vieles erreicht als Trainer. Er war es, der Davos einen grossen Namen verlieh.

berneroberlaender.ch/Newsnetz

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