Zu spät geboren, aber seiner Zeit voraus

Der 18-jährige Auston Matthews ist für das Schweizer Eishockey eine Ausnahmeerscheinung mit Ablaufdatum, deren Betrachtung sich lohnt – zum Beispiel am Samstag beim Gastspiel der ZSC Lions in der Postfinance-Arena gegen Bern.

Die Kunsteisbahn in Oerlikon als Zwischenstation: Stürmer Auston Matthews bereitet sich auf ein Training mit den ZSC Lions vor. Im nächsten Jahr dürfte er im NHL-Draft an erster Stelle gezogen werden.

Die Kunsteisbahn in Oerlikon als Zwischenstation: Stürmer Auston Matthews bereitet sich auf ein Training mit den ZSC Lions vor. Im nächsten Jahr dürfte er im NHL-Draft an erster Stelle gezogen werden.

(Bild: Keystone)

Reto Kirchhofer@rek_81

Auston Matthews ist ein Wunderkind. Jedenfalls wurde ihm dieses Etikett von den Medien an die Schlittschuhe geheftet. Der Begriff hat etwas Irreführendes: Wunderkinder können eben gerade keine Wunder vollbringen, weil die Erwartungen an sie per se ungemein hoch sind. Nicht selten zerbrechen die Gepriesenen an ihrem Ruf – wen wunderts?

Auch Matthews vermag keine Wunder zu vollbringen, doch der 18-jährige Stürmer ist als Eishockeyspieler seiner Zeit voraus: Er hat in seiner Jahrgangskategorie in den USA zig Rekorde aufgestellt, die U-18-Auswahl an der WM in Zug zu Gold geführt. Für die nordamerikanischen Nachwuchsligen ist er längst zu gut, für die NHL zu jung. Deshalb hat Matthews ein Zwischenjahr eingeschaltet. Dieses verbringt er in Zürich, bei den ZSC Lions.

Es ist Donnerstagmorgen, die ZSC Lions trainieren auf der Kunsteisbahn in Oerlikon.Der Bub unter Männern sticht nicht hervor. Matthews ist 188 Zentimeter gross, 88 Kilogramm schwer; nebst den Gardemassen bringt er das spielerische Rüstzeug mit, sich im Training mit der am stärksten besetzten Schweizer Equipe zu behaupten. Vier Zuschauer verfolgen die Einheit – es ist die Ruhe nach dem Sturm. Eine Woche zuvor war an selber Stätte der Aufruhr wesentlich grösser gewesen. Matthews feierte seinen 18.Geburtstag. Der «Blick» brachte eine Torte mit, Teleclub eine Lernfahrertafel, die Mitspieler intonierten ein Ständchen. Das grösste Geschenk aber war ein anderes: Mit dem Erreichen des 18.Altersjahrs erhielt der Stürmer die Spielberechtigung für die National League A.

Mit dem Geburtstag ist es bei Matthews so eine Sache. Er kam eine Woche nach dem errechneten Geburtstermin zur Welt. Zwei Tage früher, und ein NHL-Team hätte sich bereits diesen Sommer die Rechte am Spieler sichern dürfen. In diesem Fall stünde das Talent nun nicht in Zürich auf dem Eis, es würde sich stattdessen irgendwo in Übersee auf die erste NHL-Saison vorbereiten. Weil im Draft nur Spieler mit Geburtstdatum zwischen dem 1.Januar 1995 und dem 15.September 1997 berücksichtigt wurden, wird der Name Auston Matthews im Wettfeilschen um die grössten Eishockeytalente erst 2016 auf der Liste erscheinen.

Bis dahin will sich der NHL-Star in spe nicht mehr mit Altersgenossen, sondern mit Männern messen. Deshalb entschied er sich zum Wechsel in die Schweiz. Es handelt sich um eine neue Dimension – nicht nur für Matthews: Für gewöhnlich werden die Ausländerpositionen in der NLA durch ausgediente NHL-Spieler, überdurchschnittliche AHL-Akteure oder NHL-Kandidaten belegt, deren Karriere ins Stocken geraten ist. Mit Matthews spielt erstmals ein Ausländer in der NLA, der die Zukunft des Eishockeys verkörpert.

Mittlerweile hat sich die Aufregung um Matthews gelegt – vorerst. Dies ist ganz nach dem Geschmack von Edgar Salis. Der frühere SCB-Verteidiger und heutige ZSC-Sportchef verfolgt das Training von der Tribüne aus. Er ist sich bewusst, dass Matthews überdurchschnittlich grosses Interesse generiert. «Aber viele haben dabei vergessen, um was es wirklich geht: Eishockey ist ein Mannschaftssport.» Die Verantwortlichen sind bestrebt, den Amerikaner abseits des Eises vermehrt aus dem Rampenlicht zu befördern. «Der ZSC besteht nicht nur aus Matthews.

Auston ist ein Teil des Teams, wie jeder andere Spieler.» Dass Matthews zumindest ein wichtiger Teil dieser Mannschaft werden kann, hat er bei seinen ersten Auftritten dokumentiert: Er schoss zwei Tore, überzeugte mit guter Vista, schnellen Pässen, feinen Händen. Rasch waren die Zweifel an der NLA-Tauglichkeit des Youngsters ausgeräumt. «Im Vorfeld hatte ich eine Mischung aus Hoffnung und Gewissheit verspürt», sagt Salis, «aber letztlich hat mich Matthews nicht überrascht.» Er stelle an den 18-Jährigen nicht höhere Erwartungen als an Spieler vom Format eines Mike Künzle.

Die Mischung aus Hoffnung und Gewissheit ist Matthews derweil fremd – er kennt nur die zweite Zutat: das Wissen um respektive das Vertrauen in die eigenen Stärken. An der US-Akademie in Ann Arbor habe er realisiert, dass er Grosses erreichen könne, sagt Matthews. «Ich weiss, dass sehr viel Potenzial in mir steckt.» Im Gespräch belegt der Youngster neben dem Selbstbewusstsein, dass er bereits die eine oder andere Medienschulung hinter sich hat: Matthews kann viel sprechen, ohne viel zu sagen. Dies klingt dann so: «Die Anpassung ist mir gut gelungen. Aber wichtig ist, dass es dem Team rundläuft.» Und zum Thema Druck: «Die höchsten Erwartungen kommen nicht von aussen, sondern von mir. Ich will jeden Tag besser werden, das ist mein Antrieb.» Sportchef Salis meint schmunzelnd: «Das ist doch das Schöne an den Eishockeyspielern: Die meisten sind froh, wenn sie keine Interviews geben müssen.»

Liefern statt lafern: Diese Floskel gilt speziell für Matthews.Sein Ziel ist klar: «Ich möchte in der NHL ein Führungsspieler sein und irgendeinmal den Stanley-Cup gewinnen.» Salis traut dem Center durchaus Grosses zu, «er ist eine Ausnahmeerscheinung» – für das Schweizer Eishockey eine mit Ablaufdatum. Zürich soll nur eine Zwischenstation sein. «Hier will ich mich zu einem kompletten Profispieler entwickeln», sagt Matthews. Und wer den 18-Jährigen nach Trainingsende beobachtet, wie er auf den Boden kniet, artig Pucks einsammelt und den Pflichten des Neulings nachkommt, für den ist der Begriff des Wunderkinds in diesem Moment weit, weit weg.

Berner Zeitung

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