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Im zweiten Anzug an die Gala

Wenige Wochen vor Playoff-Beginn verzeichnen die Spitzenklubs verletzungsbedingt Absenzen en masse. Zufall ist das nicht.

«Extreme Belastung»: Handball ist harter, intensiver Sport, zugelangt wird kräftig (am Boden: Lukas von Deschwanden).
«Extreme Belastung»: Handball ist harter, intensiver Sport, zugelangt wird kräftig (am Boden: Lukas von Deschwanden).
Christian Pfander

Auch das noch! Keine 15 Minuten sind zwischen Kriens und Wacker gespielt, da verlässt Lenny Rubin hinkend und mit schmerzverzerrtem Gesicht das Feld. Der Thuner hat sich verletzt, wieder ist es das Knie, wie Ende September letzten Jahres, als er sich einen Meniskusriss zugezogen hat. Der 21-Jährige wird zwei Tage danach erneut operiert, das Talent, von dem sich die hiesige Handballszene so viel verspricht, fällt aus, dürfte frühestens während der Playoffs zurückkehren.

Die Berner Oberländer verzeichnen Verletzungspech heftigsten Grades. Auf das hochbegabte Eigengewächs können sie in diesen Wochen genauso wenig zurückgreifen wie auf Profi Nikola Isailovic, Schlüsselfigur Lukas von Deschwanden und Nationalspieler Nicolas Raemy. Es handelt sich um die vier treffsichersten Aufbauer. Und lückenlos um Leistungsträger.

Die Routiniers Markus Hüsser und Andreas Merz, lange Zeit zentrale Kräfte, werden im Sommer wegen anhaltender Beschwerden zurücktreten. Mittun können sie längst nicht mehr. Dem Cupsieger gehen allmählich die Akteure aus. Trainer Martin Rubin sagt: «Es ist eine schwierige Situation.»

Ausfälle beklagen auch die andern Spitzenklubs. Kriens’ Regisseur Thomas Hofstetter, ein Seeländer, erlitt einen Kreuzbandriss, Manuel Liniger und Luka Maros, Eckpfeiler in Schaffhausen, waren oder sind angeschlagen, Pfadi Winterthur muss auf die Linkshänder Cedrie Tynowski und Pascal Vernier, Mitglieder der Landesauswahl, sowie auf ­Filip Maros verzichten, den hoch eingeschätzten Spielmacher.

Das Missverhältnis

Die Playoffs Mitte April wird keines der vier teilnehmenden Teams in Bestbesetzung in Angriff nehmen. Dass so viele starke Akteure fehlen, ist laut Cyril Dähler kein Zufall. Das sei eine Verletzung nie. Der Berner Oberländer, Physiotherapeut von Wacker Thun und Staffangehöriger von Swiss Olympic sowie Hochschulreferent, sagt, im Schweizer Handball herrsche ein Missverhältnis zwischen Belastbarkeit und Belastung.

Es sei bezeichnend, beträfen die Ausfälle primär wichtige Leute, Nationalspieler. «Diese sind besonders ­gefordert.» Lenny Rubin etwa habe kurz vor Meisterschaftsbeginn an der U-20-Europameisterschaft teilgenommen, deswegen im Sommer kaum eine Pause gehabt. Schweizer Akteure seien oft Halbprofis, sagt Dähler, die Regeneration bleibe häufig auf der Strecke. «Und das hat teilweise fatale Auswirkungen, als Handballer bist du durch all die Stop-and-go-Bewegungen einer extremen Belastung ausgesetzt.»

Die Kritik

Der Physiotherapeut findet, hierzulande würden die Prioritäten oft falsch gesetzt, was das Training betreffe. «Weniger wäre in vielen Fällen mehr. Entscheidend ist die Qualität, nicht die Quantität.» Die Häufigkeit der Ausfälle sollte alarmieren, erzählt er. «Wir alle müssen uns ­Gedanken machen.» Der Thuner hält den Spielplan für nicht sonderlich geschickt erstellt, prangert an, dass etwa im Dezember innerhalb weniger Wochen viele Partien ausgetragen werden, «kurz vor der Pause, wenn die Spieler ohnehin schon müde sind».

Der Teufelskreis

Die Thematik ist in der Szene omnipräsent. Wacker-Coach Rubin sagt, er tausche sich immer wieder mit andern Trainern über die Belastung der Akteure und die Verletzungen, die resultierten, aus. Von Deschwanden, seit einigen Jahren der überragende Spieler in der Nationalliga A, spricht von einem Teufelskreis, hält fest: «Fallen Leute aus, müssen jene, die einsetzbar sind, entsprechend öfter und entsprechend länger ran – was die Gefahr erhöht, dass sie sich verletzen.»

Dem Urner gilt als zweimaligem Topskorer eine besondere Aufmerksamkeit seitens der Widersacher, er findet sich aussergewöhnlich oft in Zweikämpfen wieder. Dass Gegenspieler die Aufgabe erhalten, ihn aus dem Verkehr zu ziehen, ihn gar zu verletzen, schliesst er aus. «Die Handballszene ist zu klein, als dass sich ein Trainer erlauben könnte, derlei Aufträge zu erteilen.

Das würde sich rumsprechen und irgendwann an die Öffentlichkeit gelangen.» Auch Coach Rubin und Physiotherapeut Dähler halten fest, dass nicht zu hart oder gar unfair gekämpft werde. Letzterer meint, die Art und Weise, wie die jüngsten Verletzungen entstanden seien, belege, dass keiner böse Absichten hege. «Es ist in den meisten Fällen einfach dumm, unglücklich gelaufen.»

Die Hindernisse

Die hohe Belastung ist das Problem; darin sind sich die Beteiligten einig. Doch diese zu mindern, ist nicht so leicht. Die Verantwortlichen der National League können die Saison nicht kurzerhand früher für beendet erklären, weil im Mai und im Juni traditionell wichtige Länderspiele folgen, die Akteure sollten da im Rhythmus sein. Und die Vereine würden sich gegen eine wesentliche Minimierung der Anzahl Partien vermutlich wehren, weil ihnen Einnahmen entgingen. Die Krux mit den vielen Ausfällen – sie wird den Schweizer Handball noch eine ganze Weile begleiten.

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