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Das Grosse wächst im Kleinen

Die Schweizer Leichtathletik erlebt seit der EM 2014 einen beispiellosen Aufschwung. Die Entwicklung basiert auf dem UBS Kids Cup, einem simplen wie effizienten Nachwuchsförderungsgefäss.

Der Projektleiter als stiller Beobachter: Olympiateilnehmer Philipp Bandi schaut sich die Sprints in Urtenen-Schönbühl aus der Nähe an.
Der Projektleiter als stiller Beobachter: Olympiateilnehmer Philipp Bandi schaut sich die Sprints in Urtenen-Schönbühl aus der Nähe an.
Andreas Blatter

Drei Mädchen und ein Knabe, ungefähr 12 Jahre alt, begeben sich zu den Startblöcken. Die Mädchen benötigen für die individuelle Einstellung keine 10 Sekunden, der Knabe benötigt Hilfe. Er erweckt nicht den Eindruck, als würde ihn dies stören.

Sein Ehrgeiz hält sich auch auf der 60 Meter langen Sprintstrecke in Grenzen; eines der drei Mädchen verkörpert das andere Extrem. Auf der Sportanlage des Schulhauses Lee in Urtenen-Schönbühl herrscht reger Betrieb.

Trainer und Funktionäre des Turnvereins messen Sekunden und Zentimeter. Sprint, Weitsprung, Ballweitwurf. Die Szenerie erinnert an den klassischen Schulsporttag, mit zwei Unterschieden: Erstens findet der Wettkampf am frühen Abend statt, zweitens trägt jeder Teilnehmer eine Startnummer auf der Brust.

Es handelt sich um eine von landesweit rund 950 Veranstaltungen im Rahmen des UBS Kids Cup, die in diesem Jahr stattfinden. Das Format, von den Organisatoren der Leichtathletik-EM 2014 in Zürich kreiert, sei «so simpel wie möglich gehalten», sagt Philipp Bandi.

Der 39-jährige Berner – er war 2008 in Peking Olympiateilnehmer über 5000 Meter – leitet das Projekt, dessen Verlauf die kühnsten Erwartungen übertroffen hat. 2011, im ersten Jahr, machten 54'400 Kinder und Jugendliche mit, 2016 wurden 136'396 Teilnehmer registriert. Eine Nachwuchsserie in vergleichbarer Dimension findet sich hierzulande nirgendwo. «Die Leichtathletik hat einen Vorteil. Man kann sie auf die Grundbewegungsformen Laufen, Springen und Werfen herunterbrechen», hält Bandi fest.

Der Erfolg beschränkt sich nicht auf die quantitative Ebene. Im Sport kommt die Klasse aus der Masse, die Schweizer Leichtathletik erlebt seit der Heim-EM einen beispiellosen Aufschwung.

Die U-20-Europameisterinnen Caroline Agnou und Angelica Moser nahmen einst am Kids Cup teil; gleiches gilt für U-18-Weltmeisterin Géraldine Ruckstuhl sowie Yasmin Giger, die an den Olympischen Jugendspielen Silber gewann. Etwa 80 Prozent jener 106 Talente, die dem Nachwuchsförderkader Swiss Starters Future angehörten, hätten mindestens einmal den Kids Cup bestritten, sagt Peter Haas.

Der Leistungssportchef von Swiss Athletics spürt die Folgen der Entwicklung auf allen Stufen. Vergangenen Sommer gewann die Schweiz an der EM in Ams­terdam fünf Medaillen, was vor fünf Jahren undenkbar gewesen wäre. Die Delegationen, welche den Verband an internationalen Titelkämpfen vertreten, werden 2017 mehr als doppelt so gross sein wie in der Zeit vor dem Letzigrund-Gipfeltreffen.

In Urtenen ist die Stimmung ausgezeichnet. 180 Kinder und Jugendliche im Alter von 7 bis 15 Jahren absolvieren den Dreikampf. Geschwister der Teilnehmenden vergnügen sich auf dem Spielplatz, viele Eltern sind zu­gegen; geschätzte 500 Personen kommen mit der Leichtathletik in Berührung. Der organisierende Verein erhält die Chance, Werbung in eigener Sache zu machen.

Die Ambiance wirkt professionell und trotzdem fa­miliär. Von Bandi respektive dessen Crew – das Kids-Cup-Team umfasst vier Vollzeit- und fünf Teilzeitbeschäftigte – erhält jeder lokale Veranstalter Zelte und Sonnenschirme, Start­nummern und Absperrband, Geschenke und Diplome für die Mitmachenden sowie einen Beitrag von 2 Franken pro Teilnehmer zur freien Verfügung.

Die Pflicht der Urtener besteht neben dem Messen der Leistungen darin, die auf den Resultatblättern festgehaltenen Werte in den Computer einzutippen; das benötigte Programm erhalten sie von der in Zürich domizilierten Kids-Cup-Zentrale.

Bandis Team entflechtet die Datensätze nach Geschlecht und Jahrgang, bereitet dadurch Schritt 2 des dreistufigen Modells vor, den Kantonalfinal. Im August treffen sich die 35 Besten pro Jahrgang und Geschlecht aus allen Kids-Cup-Anlässen, die im Bernbiet stattgefunden haben, in Unterseen. Bei 9 Jahrgängen ergibt das 630 Teilnehmende.

An den Kantonalfinals läuft alles etwas professioneller ab. Sämtliche Zeitmessungen erfolgen elektronisch, pro Anlass ist mindestens ein Schweizer Aushängeschild präsent. Der Spitzenathlet begleitet die Teilnehmenden, leitet Aufwärmeinheiten, steht für Fragen zur Verfügung.

U-20-Europameisterin Agnou, die beide Seiten kennt, spricht von einer «Supersache», von glänzenden Augen, und sagt: «Die Kinder lernen früh, wie man an einen Wettkampf herangeht.» Wer sich auf kantonaler Ebene vorne einreiht, qualifiziert sich für den nationalen Final.

Dieser findet zwei Tage nach Weltklasse Zürich statt – im Letzigrund, mit der gleichen Ausstattung wie das Diamond-League-Meeting. Die besten Schweizer markieren nahezu geschlossen Präsenz.

Der Letzigrund ist in Urtenen kein Thema, der Vergleich mit der Konkurrenz hingegen schon. Auf dem Resultatblatt eines Knaben steht in der Rubrik Weitsprung 4,10 Meter, bei seinem Kollegen 4,20 Meter.

Was zu einem verbalen Hickhack führt und die Mutter des einen Knaben zur Aussage veranlasst, das versprochene Eis gebe es nur, wenn das Thema umgehend beendet werde. Worauf die Streithähne Ruhe geben und lachend Richtung Ballweitwurf schlendern.

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