Das Heldenepos wird zum Drama

Usain Bolt wird in seinem letzten Rennen von Krämpfen gestoppt. Der Grösste muss von den Staffelkollegen gestützt werden – die Ehrenrunde folgt 24 Stunden später.

Verpatzter Abschied: Bolt ist bei seinem letzten Rennen gestürzt. (13. August 2017)

Verpatzter Abschied: Bolt ist bei seinem letzten Rennen gestürzt. (13. August 2017)

(Bild: AFP Daniel Leal-Olivas)

Yohan Blake rauscht heran, die Übergabe klappt für jamaikanische Verhältnisse ausgezeichnet. Geschätzte zwei Meter liegt Usain Bolt, Schlussläufer der Sprintstaffel, zu Beginn seines Pensums hinter der Konkurrenz aus Grossbritannien und den USA. Es drängt sich die Frage auf, ob er es nochmals schaffen wird, ob er, der alles erreicht hat, im letzten Rennen seinen zwölften WM-Titel gewinnen wird. Der junge Bolt hätte die Differenz auf den ersten 50 Metern wettgemacht – zweifelsfrei. Auf den letzten 20 Metern hätte er nach links und nach rechts geschaut, keinen Rivalen mehr gesehen und gegrinst. Aber der alte Bolt? Jener Sprinter, der über 100 Meter bezwungen wurde, für die Gerade 9,95 Sekunden benötigte? Wir werden es nie erfahren.

Bolt legt los, sucht den Rhythmus, greift sich an den Oberschenkel, stolpert, fällt, bleibt liegen. Und was geschieht, wenn ein Athlet liegen bleibt, der die Arenen dieser Welt fast ein Jahrzehnt lang nahezu im Alleingang gefüllt hat? Richtig, die Zuschauer halten den Atem an, sind geschockt. Wobei sich die zu erwartende Reaktion im permanent ausverkauften Londoner Olympiastadion nur bei einem kleinen Bruchteil der 60 000 Besucher einstellt. Die Massen kreischen und johlen, feiern Landsmann Nethaneel Mitchell-Blake, der den amerikanischen Schlussläufer Christian Coleman auf Distanz gehalten, den Briten überraschend den Goldgewinn beschert hat. Der Patriotismus – das wird in diesen Momenten deutlich – löst in England stärkere Gefühle aus als ein fallender Held.

Als einer der unzähligen freiwilligen Helfer auf der Tartanbahn erscheint, einen Rollstuhl vor sich hinschiebend, kommt Bolt rasch wieder auf die Beine. Sich bei seinem letzten Auftritt auf der grossen Bühne aus dem Stadion stossen lassen – das wäre eindeutig des Schlechten zu viel. Der Schlaks überquert mit Hilfe seiner Teamkollegen die Ziellinie, marschiert gesenkten Hauptes an den Medienschaffenden vorbei, verschwindet in den Katakomben. Der Teamarzt lässt via Medienmitteilung verlauten, der Schmerz sei durch eine Krampferscheinung im Hamstring-Muskel ausgelöst worden. Nach Mitternacht wird sich Bolt über die sozialen Medien zu Wort melden. «Thank you my peeps», wird er schreiben. Und: «Infinite love for my fans» – grenzenlose Liebe.

Derweil verschaffen Kollegen und Konkurrenten des Weltrekordhalters ihrem Ärger Luft. Bolts Trainingskollege Blake beispielsweise, ein zurückhaltender Zeitgenosse, spricht über die lange Wartezeit im Callroom, wie das Aufenthaltszimmer vor dem Betreten des Stadions genannt wird. Fast 45 Minuten seien sie in diesem kühlen Raum gehalten worden. «Usain sagte mir, das könne doch nicht sein, dass wir da drinnen warten müssen, während draussen zwei Siegerehrungen stattfinden. Er war wirklich kühl, und Usain hatte kalt.» Justin Gatlin, der Bad Boy, welcher Bolt über 100 Meter entthront hat, hält unabhängig von Blake mehr oder weniger das gleiche fest und sagt explizit, er gehe davon aus, dass die Wartezeit mit Bolts Verletzung in Verbindung stehe.

In der Tat hat das Staffelrennen über zehn Minuten später begonnen als geplant – auch wegen der Ehrenrunde von Mo Farah. Den Briten – er wurde über 5000 Meter vom Äthiopier Muktar Edris bezwungen – verabschiedeten die Zuschauer wie einen Halbgott, obwohl die auf Dopingkonsum hinweisenden Indizien in seinem Fall immer zahlreicher werden. Farah wird übernächste Woche bei Weltklasse Zürich laufen und sich danach der Marathondistanz zuwenden.

Bolt hingegen tendiert laut eigenen Aussagen eher zum Dolcefarniente. Wobei es scheint, als würde ihm der düstere Abgang Kopfschmerzen bereiten. Die Organisatoren jedenfalls künden für Sonntag einen Auftritt der Galionsfigur an. Um 21.40 Uhr Ortszeit erscheint Bolt im Stadion. Er erhält ein Geschenk, absolviert zu «Reggae Night» von Jimmy Cliff eine Ehrenrunde. In Erinnerung bleiben werden seine Siege, seine Faxen – und das dramatische Ende.

Berner Zeitung

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