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Der Vater von «Weltklasse Zürich» ist tot

Mit Andreas «Res» Brügger verstarb ein unermüdlicher Kämpfer für die Leichtathletik und den Schweizer Spitzensport. Ein Nachruf.

Brügger mit dem ehemaligen Weltrekordhalter Carl Lewis bei Weltkasse Zürich 1988. Brügger selbst war einst aktiv als Kugelstosser, er wurde 1955 sogar Schweizer Meister.
Brügger mit dem ehemaligen Weltrekordhalter Carl Lewis bei Weltkasse Zürich 1988. Brügger selbst war einst aktiv als Kugelstosser, er wurde 1955 sogar Schweizer Meister.
Keystone
Vor dem Meeting 1982: Brügger begrüsst Sebastian Coe, den heutigen Präsidenten des internationalen Leichtathletik-Verbands. Die beiden werden im Lauf der Jahre gute Freunde, in Brüggers Zeit bei Weltklasse sprintet Coe gleich zehnmal im Letzigrund.
Vor dem Meeting 1982: Brügger begrüsst Sebastian Coe, den heutigen Präsidenten des internationalen Leichtathletik-Verbands. Die beiden werden im Lauf der Jahre gute Freunde, in Brüggers Zeit bei Weltklasse sprintet Coe gleich zehnmal im Letzigrund.
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Res Brügger mit dem Schweizer Markus Ryffel 1985. Bis zu seinem Abschied als Präsident des LC Zürich 2006 erwirtschaftete er zwölf Millionen Franken.
Res Brügger mit dem Schweizer Markus Ryffel 1985. Bis zu seinem Abschied als Präsident des LC Zürich 2006 erwirtschaftete er zwölf Millionen Franken.
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Die Auszeichnung an der traditionellen IAAF Athletics Award Gala in Monaco konnte er Anfang Dezember nicht mehr persönlich entgegennehmen, das tat für ihn sein sichtlich gerührter Sohn Urs. Daheim in Zürich-Witikon berührte die Ehrung aber auch den «Vater» von «Weltklasse Zürich». «Stell dir vor, ich neben Athleten wie ­Eliud Kipchoge und Armand Duplantis mit dem President’s Award», sagte Andreas «Res» Brügger. Ein geistig jung gebliebener 91-Jähriger neben einem 19-Jährigen, dem Stabhochspringer Armand «Mondo» Duplantis.

«Für Andreas Brügger standen stets die Athleten im Zentrum. Er tat alles aus Leidenschaft und Liebe zur Leichtathletik», sagte Sebastian Coe. Der IAAF-Präsident, Olympiasieger 1980 und 1984, muss es wissen. Während zehn Jahren lief er im Stadion Letzigrund, er siegte fünfmal, stellte zwei Weltrekorde auf und baute mit seinem Vater und Trainer Peter Coe eine fast schon familiäre Beziehung zu Doris und Res Brügger auf. Den 1500-m-Weltrekord bereitete Coe 1979 in den Wäldern von ­Witikon vor, und mit der Familie Coe begannen auch die legendären Grillpartys auf der Attika-Terrasse der Familie Brügger mit Blick auf Zürichsee und Berge.

Treue war kein leeres Wort

Es war die Zeit, als die Leichtathletik offiziell noch nicht professionell und die Manager noch nicht allgegenwärtig waren. Res Brügger war zu diesem Zeitpunkt anderen Meeting-Direktoren und dem Internationalen Amateur-Leichtathletikverband, wie sich die IAAF damals nannte, einen Schritt voraus. 1971 war er Präsident eines LC Zürich geworden, der nicht auf Rosen gebettet war. Das letzte «Internationale», wie «Weltklasse Zürich» damals hiess, hatte 1970 mit einem Defizit ­geendet. Es befanden sich noch 3800 Franken auf einem Sparheft des Clubs. Die Meeting-Pause dauerte schon zwei Jahre an, als Brügger auch OK-Präsident von «Weltklasse Zürich» wurde.

Der Zürcher Stadtrat hatte dazu bewogen werden können, einen Kredit für die Erweiterung des Letzigrunds von sechs auf acht Bahnen zu sprechen, eine internationale Notwendigkeit. Das erste Meeting wurde zu einem finanziellen Erfolg. Und auch der erste von 19 Weltrekorden fiel, wenn auch einer mit Handstoppung. Längst nicht ­alles hatte dem Manager Brügger gefallen. Es gab eine harte Manöverkritik. Er verlangte viel von seinen Mitarbeitern, aber er gab auch viel zurück. Nicht nur Sportlern auf Sponsorensuche half er, dann und wann auch in Not geratenen Freunden. Treue war für ihn kein leeres Wort.

1974 war das Meeting schon wesentlich professioneller. Die elektronische Zeitmessung wurde eingeführt, das Schweizer Fernsehen übertrug das Meeting erstmals live, und die Bandenwerbung hielt Einzug. 1100 Franken pro Bande wurden von Brügger verlangt. Als Coe 1981 über eine Meile seinen zweiten Weltrekord in Zürich lief, kletterten die Gesamteinnahmen erstmals über die Millionengrenze. Dies auch, weil mit der SBG (heute UBS) ein Hauptsponsor gefunden wurde, der «Weltklasse Zürich» bis heute treu geblieben ist.

«Als ich bei der Schweizer Rückversicherung (heute Swiss Re) begann, wurden wir noch ermuntert, uns militärisch weiterzubilden, politisch zu engagieren oder eine ehrenamtliche Tätigkeit auszuüben.» Dies machte sich Brügger zunutze. Als er 1990 als Direktor in den Ruhestand trat, hatte sich die Unternehmenskultur stark verändert. Seinem Nachfolger wurde die Infrastruktur nicht mehr zur Verfügung gestellt. Brügger mietete Büros, zumal er auch nicht bereit war, das Ressort TV- und Sponsorenakquisition aus der Hand zu geben. Seine Frau Doris, vielsprachig wie er, übernahm das Sekretariat und die Bedienung des Computers. 62 Jahre war er mit ihr verheiratet.

Brügger war ein hartnäckiger, aber auch charmanter Mensch von hünenhafter Gestalt. Nicht so hünenhaft wie Werner Günthör, aber auch einmal Schweizer Meister im Kugelstossen (1955). Als Berner Oberländer, geboren in Meiringen, versuchte er sich in jungen Jahren auch als Schwinger und Skirennfahrer. Die berufliche Ausbildung führte ihn bald nach Lausanne, Bern, London, Tanger und Madrid, ehe er sich 1952 in Zürich niederliess.

Die sich abzeichnende Entwicklung der Leichtathletik zur professionellen Sportart hatte bereits Ende der 70er-Jahre bei Brügger zur Einsicht geführt, dass zwischen dem Clubbetrieb und der Meeting-Organisation eine saubere Kompetenztrennung notwendig sei. 1983 wurde – gegen starken inneren Widerstand – der Verein für Grossveranstaltungen Leichtathletik-Club Zürich (VfG/LCZ) gegründet. Brügger wurde VfG-Präsident, das Amt als Clubpräsident trat er ab. Zielvorgabe des VfG war von Anfang an die Erwirtschaftung eines Umsatzgewinns von 10 Prozent. Diese Zielvorgabe wurde bis zum Abschied von Brügger im Jahre 2006 immer erreicht. Der Gewinn fliesst zu 80 Prozent an den LCZ. «Von 1983 bis 2006 konnten wir dem Stammverein über 12 Millionen Franken zur Unterstützung der Clubfinanzen und der Förderung der Leichtathletik überweisen. Zudem konnte mein Nachfolger im VfG/LCZ 6 Millionen an Betriebskapital und Vermögen übernehmen», bilanzierte Brügger beim Abschied.

Schönste Zeit als Präsident

Gefragt nach seiner schönsten Zeit als OK-Präsident, brauchte er nicht lange zu überlegen: «Es waren die fünf Jahre der Golden Four. Das Beste, was wir geschaffen haben.» Die traditionsreichen Meetings von Zürich, Berlin, Brüssel und Oslo hatten sich 1993 zu einem «Grand Slam» zusammengeschlossen und ein neues TV- und Marketing-Konzept ausgearbeitet, welches das Budget von 4,265 auf 5,413 Millionen Franken anhob. 907000 Franken kamen allein den Athleten zugute. Der Clou aber waren die 20 kg Gold (1993 380000 Franken), die den Gewinnern des «Grand Slam» in 14 ausgewählten Disziplinen winkten.

1998 begann die Phase der Golden League, eingeführt von der IAAF unter ihrem damaligen Präsidenten Primo Nebiolo. Brügger hatte sich lange dagegen gesträubt. In seinem Büro zeugte eine ganze Wand von Ordnern, gefüllt mit Korrespondenzen, die er während vier Jahrzehnten geführt hat, von seinem Kampf. Nicht nur mit Nebiolo, mit vielen anderen Funktionären, Verbänden, Politikern. Es ging ihm um sein Meeting, immer wieder um die Besserstellung der Athleten, des Spitzensports in der Schweiz und nicht zuletzt auch um ein neues Stadion.

«Der Letzigrund genügt den Anforderungen zur Durchführung von Grossanlässen nicht mehr», schrieb er 1988. Und stellte die Frage, ob Zürich bereit sei, das Meeting mittelfristig an eine andere Stadt zu verlieren. Es kam nicht so weit. 2005 stimmte die Bevölkerung dem Kredit für einen Neubau zu – auch wegen der Fussball-EM. Als 2007 die 31 rückwärts geneigten Scheinwerfermasten im neuen Stadion Letzigrund erstrahlten, konnte der inzwischen zum Ehrenpräsident avancierte Res Brügger in der VIP-Lounge entspannt zurücklehnen. Sein schon lange erwachsenes «Kind» hatte endlich ein würdiges zu Hause.

Am Donnerstag ist Res Brügger nach längerer Krankheit gestorben.

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