Der Wikinger fliegt

Karsten Warholm stürmt über 400 m Hürden in 46,92 Sekunden zur Topzeit und legt dann auch noch ein paar Liegestütze auf die Bahn.

Die Leistung von Karsten Warholm ist das Highlight von Weltklasse Zürich. (Video: SRF)
Christian Brüngger@tagesanzeiger

Kein Leichtathlet schreit vor dem Start inbrünstiger als Karsten Warholm. Stimmt die Zeit, schreit auch nach dem Ziel keiner euphorischer. Gestern Abend schrie Warholm vor und nach dem Start bei Weltklasse Zürich. Mit 46,92 Sekunden verbesserte der 23-jährige Norweger nämlich seinen Europarekord um zwei Zehntel. Dabei war sein Rennen bloss bis zur achten von zehn Hürden perfekt: Vor der neunten begann er zu trippeln und an Tempo zu verlieren. Er drohte gar, geschlagen zu werden, weil neben ihm der ebenso talentierte Amerikaner Rai Benjamin aufschloss.

Aber Warholm ist neben seinen Schreien für zwei Dinge besonders bekannt: seine Sturmläufe von Beginn an, als sei der Leibhaftige hinter ihm her. Und seiner Fähigkeit, selbst auf dem Zahnfleisch noch viele Meter schnell zurücklegen zu können. Darum konnte er einmal mehr reagieren und zu dieser zweitschnellsten Zeit je hinter Weltrekordhalter Kevin Young (46,78 vor 27 Jahren) fliegen. Auch Benjamin blieb in 46,98 noch unter den magischen 47 Sekunden.

Bildstrecke: Impressionen aus dem Letzigrund

  • loading indicator

Im Gegensatz zu Benjamin fand Warholm nach dem Coup gar die Kraft, ein paar Liegestützen auf die Bahn zu drücken, zur Freude der 25 000 Zuschauer im ausverkauften Letzigrund.

Der rasante Aufstieg von Warholm, der als Jugendlicher der weltbeste Mehrkämpfer war und sich erst in seiner vierten Saison als Hürdenläufer befindet, ist eng mit einem Namen verbunden: Leif Olav Alnes. Der Mann mit grauem Haar und stetem Schalk in den Augen ist sein Coach – und gemäss Warholm einer seiner besten Freunde. Schliesslich würden sie so viel Zeit zusammen verbringen, dass daraus viel mehr als eine Zweckgemeinschaft geworden sei.

Klare Worte: Du bist zu dick!

Der 62-jährige Alnes ist wie sein Schützling ein Mann klarer Worte. Als Warholm nach dem WM-Gold von 2017 im Folgejahr ein ums andere Mal vom Katari Samba bezwungen wurde, sagte er ihm: Werde professioneller – und vor allem: «Nimm ab, du bist zu dick!» Warholm akzeptierte unter einer Bedingung: dass auch Alnes an Gewicht verliere. Also gab Warholm das regelmässige Biertrinken mit den Kollegen auf, und Alnes integrierte mehr Gemüse in seine Diät.

Schon zuvor kein Athlet mit Speckbauch, flog Warholm in dieser Saison den Gegnern dann ein ums andere Mal davon. Meist dominierte er seine Konkurrenten dermassen, dass sie mit mehr als einer Sekunde nach ihm einliefen – bis er nun erstmals in diesem Sommer auf Benjamin traf.

«Katar sollte man nicht aufwerten. Ich habe aber nicht die Eier, auf die WM zu verzichten. Dafür habe ichzu viel investiert.»Karsten Warholm

Was Warholm ebenfalls ausmacht: Während viele Topathleten längst zu Globetrottern geworden sind und ihre Vorbereitungen auf die Saison in der Wärme verbringen, verlässt er seinen Kokon in Oslo selten. Schon als Kind trainierte er bei Wind und Wetter, diesen unverzärtelten Ansatz hat er sich beibehalten.

Es zeigt sich auch in der Ausrüstung, die er verwendet. Der Kraftraum, den Warholm benutzt, wirkt wie eine Lagerhalle für ausrangierte Gewichte. Er aber sagt: «Alle diese Geräte funktionieren tadellos und erfüllen ihren Zweck. Warum also brauche ich Hightechmaterial?»

Auf der Tartanbahn zeigt Warholm, was er sich im Kraftraum antrainiert. (Bild: Reto Oeschger)

Diese unverkrampfte Art hilft ihm im Wettkampf. Als er 2017 überraschend zu WM-Gold sprintete, regnete es im kalten London. Während sich Warholm kein bisschen daran störte – er kennt solche Bedingungen aus seinem Trainingsalltag zu gut –, waren die meisten seiner Gegner schon vor dem Start geschlagen.

Warholm ist auch abseits des Stadions eine auffällige Figur. Die WM wird in Katar stattfinden, Warholm findet, man solle Katar mit seinem zweifelhaften Ruf nicht mit sportlichen Grossanlässen aufwerten. «Ich habe aber ganz ehrlich nicht die Eier, auf die WM zu verzichten. Dafür habe ich zu viel investiert.» Sein Auftritt bei Weltklasse war dafür eindrücklicher Beleg.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt