Die 1000 Leben der Sifan Hassan

Als Teenager flüchtete sie aus Äthiopien in die Niederlande, wo sie entdeckt wurde. Doch sie fühlte sich lange zerrissen.

Lange hatte Sifan Hassan Schuldgefühle, wenn sie in kurzen Hosen und T-Shirt vor Zuschauern rannte. Foto: Imago

Lange hatte Sifan Hassan Schuldgefühle, wenn sie in kurzen Hosen und T-Shirt vor Zuschauern rannte. Foto: Imago

Christian Brüngger@tagesanzeiger

Sifan Hassan rannte täglich zur Schule. Eine andere Möglichkeit hatte das Mädchen in dieser armen Region von Äthiopien nicht. Die Nacht vor ihrem Rennen heute Abend über 1500 m bei «Weltklasse Zürich» verbrachte sie in einem Zimmer, in das ihr Manager ein Höhenzelt stellte. Zwischen diesen Leben in Hightech und Armut liegen wenige Jahre.

Die goldene iPhone-Uhr, an der sie beim Treffen herumdrückt, ist darum bloss das sichtbare Symbol, dass Hassan den Wechsel von der Dritten in die Erste Welt geschafft hat. Es war ein Weg, der sie lange mit ihren grössten Dämonen konfrontierte, aber auch mit Menschen, die ihr unglaubliches Talent fürs Laufen erkannten und sie auf und neben dem Leichtathletikplatz förderten. In diesem Sinn ist Hassan ein Beispiel für geglückte Integration.

Das graue Auffangzentrum

Dabei erinnert sie sich nur ungern an die erste Phase fern der Heimat. Warum sie mit 16 flüchtete, allein, hat sie nie im Detail erzählen wollen. Die acht Monate in einem Auffangzentrum in der niederländischen Provinz aber empfindet sie bis heute als sehr düster. Gefangen fühlte sie sich, weinte täglich und versuchte gar zu fliehen.

Dass sie jeden Kontakt mit ihrer Mutter und Grossmutter – der Vater spielte kaum eine Rolle – ab der Flucht einstellte, trug zur Einsamkeit bei. Zumal Hassan kein Wort Niederländisch sprach und kaum Englisch. Als Glück erwiesen sich nach einem Wechsel in eine Wohngruppe mit Betreuung zwei Dinge: ihre vielen Laufkilometer hin und zurück zur Schule und lokale Coachs.

Diese stellten rasch fest, wie schnell dieses dünne, oft widerborstige Mädchen war, das Regeln auch so auffasste, dass man sich über sie hinwegsetzen konnte – und zu Treffen notorisch zu spät kam. Noch heute muss ihr Manager Sander Ogink ihr immer wieder Beine machen. Er sagt aber auch: «Sie hat sich enorm entwickelt.»

«Hatte ich schlicht Glück? Oder bin ich tatsächlich talentiert?»

Schliesslich wurde diesem Mädchen ohne Familie, das sich im neuen Land lange fremd fühlte, irgendwann klar: Dank ihrer schnellen Beine konnte sie sich in eine Welt laufen, die fast allen anderen Immigranten verwehrt ist. Erst einmal jedoch begann Hassan eine Ausbildung zur Krankenschwester, um diese nach zwei Jahren und frühen Erfolgen als Läuferin abzubrechen.

Nachdem sie nämlich einer der führenden Lauftrainer der Niederlande zufällig an einem Rennen entdeckt hatte, entwickelte sie sich innert weniger Monate zur Weltklasseläuferin. In dieser Phase schrieb sie nach einer tollen Zeit über 3000 m auf: «Hatte ich schlicht Glück? Oder bin ich tatsächlich talentiert?»

Ihr Coach beantwortete die Frage eindeutig. Er fand, Hassan könne dereinst Olympiagold gewinnen. Dabei zerbrach sein Schützling schon bei jeder Niederlage an irdischeren Rennen, tauchte über Tage ab, stellte das Handy ab und war für ihn wie das weitere Umfeld unerreichbar.

Die alte Sifan

Wenn Hassan kurz vor ihrem «Weltklasse»-Auftritt darauf angesprochen wird, lacht sie, schaut ihren Manager Ogink an und zwinkert ihm zu. Es soll wohl bedeuten: Ja, die alte Sifan! Mittlerweile findet sie nämlich: Mehr als das Beste kann sie nicht auf die Bahn legen. Wenn sie dann bezwungen wird, ist es so.

Das Älterwerden hat die 26-Jährige auch von ihrer Zerrissenheit befreit. Hassan ist eine sehr gläubige Muslimin. Darum empfand sie lange Schuldgefühle, wenn sie in kurzen Hosen und T-Shirt vor Tausenden Menschen im Stadion rannte – und im Alltag kein Kopftuch trug. Phasenweise fand sie, dieses Athletenleben würde sie niemals ins Paradies bringen.

Den Kontakt mit ihrer Mutter und Grossmutter, beide religiös, vermied sie auch darum. Sie glaubte zu wissen, dass ihre Nächsten dieses Leben als Sportlerin niemals goutieren würden. Und sie befürchtete, die beiden würden ihr das Laufen auszureden versuchen.

Ein professionellerer Trainer musste her

Inzwischen war Hassan mehrmals in Äthiopien, auch bei ihren Verwandten. Über dieses Verhältnis mag sie allerdings ebenso wenig detailliert reden wie über ihren Glauben. Klar wird immerhin: Sie hat gelernt, dass sie Läuferin und gute Muslimin sein kann, dafür aber Kompromisse auf beiden Ebenen notwendig sind.

Wenn sie wie diesen Mai beispielsweise Ramadan hielt, also tagsüber weder essen noch trinken konnte, wirkte sich der Verzicht natürlich aufs Training aus – und die beiden Wettkämpfe, die sie bestritt. Dass sie Mitte Juli darum den Weltrekord über eine Meile verbesserte, der 23 Jahre gehalten hatte, offenbart ihr enormes Potenzial.

Zugleich ist sie nun einmal Profi-Sportlerin. Als sie nach Jahren der Orientierungssuche gelernt hatte, professioneller zu leben und zu denken, wurde ihr die niederländische Umgebung zu klein mit ihrem Trainer, der zwar kompetent war, sie aber mehrheitlich in seiner Freizeit trainierte.

Also wechselte Hassan im Herbst 2016 nach Portland in eine Trainingsgruppe um den kontroversen Supercoach Alberto Salazar. Er geriet in die Schlagzeilen, weil er seine Athleten weit über den Graubereich hinaus gefördert haben soll. Bislang aber ist er nie gesperrt worden.

Die fatale Wanderung

Obschon der Amerikaner mehrere Läufer zu Olympiamedaillen geführt hatte, staunte er über die Leidensfähigkeit seines Zuzugs. Immer wieder habe sie bei harten Trainings schon zur Mitte erbrechen müssen – nur um die Einheit erfolgreich abzuschliessen und sich erneut zu übergeben. Hassan sagt, darauf angesprochen, trocken: «Ich bin hart im Nehmen, das stimmt.»

Dass sie sich gemäss ihrem Manager Ogink seit ihrer Ankunft in den USA «endgültig zum Muster-Profi entwickelte», habe sie noch einmal besser werden lassen. Denn trotz rasantem Aufstieg geht Hassan ein grosser internationaler Freilufttitel noch ab. 2-mal gewann sie EM-Gold, 2-mal wurde sie WM-Dritte. Der Olympiacoup, den ihr der Jugendtrainer aber prophezeite, misslang bis jetzt.

Wie es zur Niederlage an den Spielen 2016 kam, passt zu dieser Frau der 1000 Leben: In jenem Frühling hatte sie mit Teamkolleginnen während eines US-Trainingslagers eine Wanderung in den Grand Canyon gemacht und sich dabei so schwer verletzt, dass sie über Wochen ausfiel. Die Favoritin war geschlagen, weit bevor die Spiele begannen. Es soll ihr kein zweites Mal passieren.

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