Die Leichtathletik führt den Doping-Pranger ein

Nach massiven Problemen revolutionierte der Weltverband seinen Umgang mit Dopern – und hat Erfolg.

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Christian Brüngger@tagesanzeiger

An den Pranger werden Menschen seit Jahrhunderten gestellt. Im Sport hat der Leichtathletik-Weltverband diese drastische Praktik nun auch erlaubt: ­Seine Integritätskommission (AIU), die sich unter anderem dem Aufspüren von Dopingsündern widmet, darf seit diesem Monat den Pranger verwenden.

Die AIU listet nun auf ihrer Website jeden (potenziellen) Betrüger auf, abgesegnet von den Datenschützern in Monaco. Dort ist der Weltverband domiziliert. Wer als Athlet also nur schon eine positive A-Probe aufweist, wird namentlich auf der Plattform aufgeführt, also noch bevor der Fall mit der B-Probe bestätigt ist.

Olympiagold nach achtjährigem Warten

Diese Vorgehensweise ist im Sport einzigartig und dient einer maximalen Transparenz in einem Weltverband, dem man über Jahre eine innige Verschwiegenheit nachsagte. Nach riesigen Problemen – unter anderem ­korrupte Top-Funktionäre und dauerdopende Russen – entschied sich die IAAF zur Flucht nach vorn, auch um Langzeit­fälle nachvollziehbar zu machen. Ein Beispiel: Erst 2016 erhielten die nachgerückten Staffel-Olympiasieger von 2008 über 4 x 400 m ihr Gold, nachdem man einem der vermeintlichen Sieger hatte Doping nachweisen können.

Neu wissen Athleten und Zugewandte ab der positiven A-Probe, wie es um den Fall steht bzw. in welcher Phase er sich befindet. Zuvor hatte die IAAF erst nach Abschluss des gesamten Verfahrens informieren dürfen.

Nun kann jeder, den es interessiert, in einer Datenbank nachschauen, wer zurzeit angeprangert wird. Die Zahl der mutmasslich betrügenden Athleten ist so gross, dass sich IAAF-­Präsident Sebastian Coe dafür schämt und sie «peinlich» nennt. Der 61-jährige Brite findet aber ­sowohl das Anprangern wie die Arbeit seiner Dopingbekämpfer «toll».

Festgelegte Kontrollzahl pro Athlet

Zur Vertrauensoffensive der Weltleichtathletik-Funktionäre zählt auch das Einteilen ihrer Nationalverbände in integre bis verdächtige. Neu weist die IAAF ihre Mitglieder drei Kategorien zu – und macht diese öffentlich. Zu den Beargwöhnten zählen zurzeit Kenia, Äthiopien, Weissrussland und die Ukraine.

Sie sind in den vergangenen Jahren mit derart vielen Dopingfällen aufgefallen, dass sie der IAAF nun Rechenschaft über ihren Dopingkampf ablegen müssen – samt festgelegter Kontrollzahl pro Topathlet pro Jahr. In die auffällige Kategorie gehört im Prinzip auch der weiterhin suspendierte russische Verband. Weil er bestimmte Auflagen – etwa die Anerkennung, über ­Jahre systematisch betrogen zu ­haben – noch immer nicht erfüllt, bleibt er suspendiert.

Die beste Massnahme der Funktionäre aber war es, sich Ende 2016 selber zu entmachten. Sie stimmten zu, mit der AIU alle Schlüsselthemen einer Super-Einheit zu übertragen, die eigenständig und un­abhängig vom Verband arbeitet. Die AIU kümmert sich um alle Betrugsfälle aus Doping, Wettkampfmanipulationen, Korruption oder Interessenkonflikten.

Weiter aufräumen

Seit einem Jahr arbeitet sie nun. Sie war es, die Präsident ­Sebastian Coe beschämte. 118 Dopingfälle von 103 Topathleten behandelte sie innert einem Jahr. Diese vereinen 85 Medaillen von Spielen und WM auf sich.

Die Zahl offenbart das riesige Dopingproblem, das der olympische Hauptsport aufweist. Die Arbeit der Fahnder verdeutlicht aber auch, dass die IAAF wie kaum ein anderer Top-Verband gewillt ist, dagegen vorzugehen.

Gemäss Brett Clothier, dem CEO dieser Supereinheit, bilden die jüngsten Ergebnisse bloss die ersten grossen Schlagzeilen. Clothier, der eine ebensolche Einheit zuvor im australischen Rugby-Verband aufgebaut hatte, ist sicher, mit noch mehr Per­sonal, Geld und Wissen weiter aufräumen zu können.

Wenig Geld – aber viel mehr, als andere Verbände bezahlen

17 Personen arbeiten mittlerweile in der AIU und verfügen über einen Etat von acht Millionen Franken. Das ist zwar wenig, wenn man weiss, dass Topsportler aus dem Fussball, dem Golf oder Tennis ein Mehrfaches verdienen. Es ist im Vergleich zu den Ausgaben anderer internationaler Verbände in der Doping-Bekämpfung allerdings sehr viel.

Indem die AIU ihre Zahlen ­offenlegt, entblösst sie auch die Schwachstellen im Aufspüren von Dopern: Weiter werden mit Abstand am meisten Athleten positiv auf Steroide getestet. Diese gelten zwar als sehr effektiv, aber auch als zumeist problemlos aufspürbar – im Gegensatz zu Wachstumshormonen. Obschon es nun seit bald 20 Jahren einen Test dafür gibt, werden noch immer kaum Athleten überführt.

Zentral ist weiter das Nach­testen eingelagerter Proben.43 Fälle (jener 118) ergaben sich durch Nachkontrollen. Das ­bedeutet aber auch: Wer clever betrügt, hat grosse Chancen, (sehr lange) ­davonzukommen – trotz der neuen Supereinheit.

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